Ein Blick in die Arbeitsräume von Filmern und Skulpteuren – Menschen, die Bilder schaffen für virtuelle oder physische Räume. Gibt es Unterschiede?

An allen Arbeitsplätzen arbeiten professionelle KünstlerInnen, ausser an meinem Arbeitsplatz. Ich bilde sozusagen die „Kontrollgruppe“, schaffe ich doch nicht (mehr) hauptberuflich Bilder. Ich bin Grenzgänger zwischen den Medien, arbeite vorwiegend am Bildschirm und  nur gelegentlich mit Skizzenheftern oder anderen Gegenständen wie Holz- oder Kartonresten.

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cuirhomme: Texte schreiben, Film-Editing, Internet-Recherchen, Musik-Kontextualisierung (DJ-Mixing), Bildberabeitungen

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Die Übergänge zwischen Arbeits- und Wohnraum sind fliessend, gelegentlich sind die Räume sogar beides zugleich – besonders bei denjenigen, die mit greifbarem Material (ohne Interface) arbeiten. Offensichtlich gibt es zusätzliche Arbeitsorte, an denen geschweisst, gefärbt oder gefräst wird. Allerdings: auch die Filmer arbeiten noch anderswo: Drehort, Kopierwerk, Konzertraum…

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Bild-Hauerin: Skulpturen aus Holz, Stein und Kunststoff, figurale Werkgruppen, Arbeiten für den öffentlichen Raum

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Es hat mit der Wahl des fotografierten Ausschnittes zu tun, dass die Arbeitsplätze der bildenden Künstler eher auch als Wohn- oder Nutzraum erscheinen. Die Totale, von oben belichtet, öffnet den Blick auf den ganzen Raum. Die Kadrierung auf  die Tische und Computer der Filmer und des Komponisten ist fokussierter und isoliert vom restlichen Raum.

Die Vergleichbarkeit der Situation ist eingeschränkt: entscheidend wären Geräusche oder Geruch. So bleibt nur die Auswahl, Art und Anordnung der Gegenstände sorgfältig zu untersuchen.

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Filme-Macher: Zwischen Dokumentarfilm und Fiktion, produzierte früh Kinofilme mit der Handycam, drehte und montierte sie selbst

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Gibt es Unterschiede jenseits des verwendeten Instrumentariums? Platzbedarf vielleicht: Die Bearbeitung von Videofiles im Rechner ist auf kleinstem Raum möglich (die Archiv-Regale werden dank Digitalisierung stets kleiner), für Stein oder Eisen braucht es entsprechende Lager und Werkzeug, vielleicht Muskelkraft, Ateliers im Freien, Tageslicht.

Ordnungsprinzipien wie Reihen, Stappeln, Beschriften finden sich hier wie dort – ob Glas, Holz, Videokassetten, Harddisks oder Files. Die bei der Lagerung von Holz. Glas etc. entstehenden Zwischen- und Hohlräume bieten Raum für Zufälliges und Unvorhergesehenes. Auf den Rechner bezogen entspricht das dem Fehler im System, dem Bug.

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Künstler: Maler, Objekt-Künstler, Illustrator, Installationen, arbeitet mit Holz, Draht, Glas – Wiederverwertung überschüssigen Materials der Konsumgesellschaft

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Stellen wir uns vor, wir würden eine/n KünstlerIn filmisch porträtieren. Was würden wir abbilden, wollten wir die Person bei der Arbeit zeigen? Wäre die Kamera eher auf den Menschen oder das Werk gerichtet? Wäre die Gewichtung anders, würden wir eine Malerin oder einen Film-Autoren porträtieren? (Picasso malend)

Es käme einzig auf die Art und Weise an, wie die Person mit ihrem Werk umgeht. Das Material könnte unabhängig davon ins Bild gerückt werden, ob es sich um die Notation eines Musikwerks oder das Fräsen eines Steinblockes zu einer Figur handelt. Es ginge einzig um die Beziehung zwischen Schöpfer und Werk, die wir gleichermassen aufzuzeigen versuchen können. 

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Komponist: Kompositionen für Orchester, Ensembles mit oder ohne Elektronik, elektroakustische Musik. Lehrte Computermusik und beschäftigt sich mit Sound Technologie

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Das Werk hat sich vom Körper abgekoppelt. Im Schauspiel musste der Darsteller auf die Bühne stehen und seine Rolle „verkörpern“. Auch Musiker tragen das Instrument auf sich oder stellen es neben sich, um damit zu spielen. Der Bildhauer und Maler schafft sein Werk nur mittels Einsatz des Körpers. Allmählich jedoch wird der Körper reduziert zum Behälter von Ideen, die via Interface im Rechner zum Werk reifen. Die Arbeit am Widerstand des Marmorblockes fühlt sich anders an, als was uns Computer entgegen halten. Die Toleranz im So oder So des Steins wird zum Imperativ des Computer mit seinem Ja oder Nein.

Den Körper braucht es nach wie vor (siehe Stephen Hawking, trotz vollständiger Körper-Lähmung und dank entsprechender Interfaces „schrieb“ er Bücher). Allmählich übernehmen die Rechner schöpferische Prozesse und der Mensch steuert diese nur noch. Bald könnte aus dem Steuern ein blosses Überwachen oder Zusehen werden…

„Am Anfang stehen unsere elementaren Darstellungsmittel als „Basismedien“, nämlich Gestik, Mimik und Sprache, gefolgt von „Speichermedien“ wie Bild und Schrift und „Vervielfältigungsmedien“ wie z.B. Druckwerke, „Transport- und Vermittlungsmedien“ wie Funk und Telefon und schliesslich „Integrationsmedien“ (bzw. Neue Medien) wie etwa ISDN. Folgt man der Prämisse, dass Aufmerksamkeit grundsätzlich knapp und Kommunikation daher eher unwahrscheinlich ist, dann helfen Medien dabei, einander zu verstehen, einander über grosse zeitlich und räumliche Distanzen zu erreichen und einander zur Annahme von Selektionsvorschlägen zu motivieren. Das alles führt zwar keineswegs zwingend zu gegenseitiger Verständigung oder gar Konsens, doch erleichtert es Interaktion“ (Joachim Westerbarkey „Öffentlichkeit und Kommunikations-Kultur“, Herausgeber Wolfgang Wunden, 1994).

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Künstler: Rauminstallationen, Objekte, Bühnenbild, Videoarbeiten

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Der Körper ist das Interface zur Wirklichkeit.

„Voraussetzung der virtuellen Welten ist die Entsinnlichung und Virtualisierung der realen, leiblich erfahrenen Welt, die Umkehrung von Schein und Wirklichkeit, die von den Naturwissenschaften  vorangetrieben wurde. Man könnte dies als platonisches Programm bezeichnen: Entlarvung der sinnlich-leibhaftigen Wirklichkeit als Illusion, Aufhebung der ursprünglichen Partizipation an der Natur, Naturerkenntnis unter Verzicht auf leibliche Empathie; Austritt aus der Höhle des kindlichen Erlebens, Emanzipation der Vernunft. Wir sollen in einen „Blick aus dem Nirgendwo“ eintreten – also in den entkörperten Blick“ (Thomas Fuchs, „Zeitdiagnosen – Philosophisch-psychiatrische Essays“).

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Film-Autor: vom experimentellen Film zum dokumentarischen Film zum experimentellen dokumentarischen Film

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Dies ist eine rein atmosphärische, spekulative Untersuchung. Wären die Abbildungen identisch in Auswahl des Ausschnittes, Fokus und Brennweite würden sich möglicherweise nur marginale Unterscheide zeigen. Die Arbeit an sich und die daraus entstehenden Werke tun dies sehr wohl. So wie die Werke entstehen, unter Einsatz des Körpers, so werden sie wahrgenommen, durch Begehung, Tasten, Ducken etc einerseits, sitzend mit eingeschränkter körperlicher Aktivität andererseits.

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cuirhomme: Digitalisieren analoger Tonträger, Bildbearbeitungen, Sequenzing, Übungsraum

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„Das, was wir gewöhnlich zu den besten Seiten unserer Existenz rechnen – das farbenreiche, vielschichtige Universum des Symbolischen, der Erfahrung, der Phantasie und des Denkens – ist eine einmalige, mentale Konfiguration, die sich in ihrer Eigentümlichkeit dem Umstand verdankt, dass wir in eben der uns gegebenen Form leiblich existieren, und nicht anders (Elisabeth List, „Grenzen der Verfügbarkeit“).

Ich halte es also mit Wolf Maahn und sage: „Vergiss nicht zu tanzen“.

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Fotos: Karin Hofer, Franco Bottini, Ellen Mathys, Hans Knuchel, cuirhomme

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