Radfahrt von Airolo nach Bellinzona. In gemächlichem Tempo lässt sich die ehemalige und jetzt verlassene Nord-Süd-Transitachse ergründen. Auffallend lauschige Dörfer, rauschende Wasserfälle und kreischende Plakatwände sind zu entdecken.

Anachronistisch muten die Plakatwände an. Dort wo sich die Menschen aufhalten, entlang der Hauptstrasse in Wartehäuschen, sind Türen und Wände verklebt mit Veranstaltungs-Plakaten.

Je weiter südlich die Fahrt andauert, desto weniger Plakate sind zu sehen, die Schauplätze des Guerilla-Marketings verwaist. Ob die Menschen oben am Berg weniger vernetzt sind? Ein arroganter Gedanke, inspiriert vielleicht durch den Anblick zahlreicher, längst geschlossener Motels und Osterias. Weiter südlich herrscht Sommerflaute, deshalb sind weniger Anlässe zu promoten und also keine Plakate mehr ausgehängt.

Ob aus Gewohnheit, Zweckmässigkeit oder ordnungspolitischer Regulierungspflicht: die Werbeflächen sind nach einer klaren Ordnung besetzt. Das Aktuelle zuoberst, die Masse – möglichst bunt – weckt Aufmerksamkeit. Es gibt Grenzen der Zumutbarkeit, stets werden die selben Orte behängt und deren Grenzen respektiert.

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Anmerkung 1

Florian Rötzer im Gespräch mit Wolf Singer (Direktor des Max Planck-Instituts für Hirnforschung), Kunstforum international, Band 148: „Attraktionsökonomie: Aufmerksamkeit ist ein kompetitives System! – Muss man stärkere Reize bieten, um die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten? – Dadurch wird nicht die Aufmerksamkeit strapaziert, sondern das allgemeine Aktivierungsniveau des Gehirns. Durch den ständigen Wechsel gerät man in eine Stresssituation, in der die gesamte Erregbarkeit hochgefahren wird. Das kann für das Management der Aufmerksamkeit sogar schädlich sein. – Man spricht davon, dass wir in unserer medialen Kultur einem „informational overload“ ausgesetzt seien. – Die schnellen Schnitte in den Videoclips (…) intendieren etwas, erreichen aber etwas anderes. Erzielt werden soll offenbar, dass der Zuschauer gefesselt bleibt. Das gelingt wahrscheinlich auch, weil er durch die schnellen Schnitte ständig überrascht wird. Darunter leidet aber sicher die Fähigkeit, sich auf bestimmte Inhalte zu konzentrieren.“

Das physische Passieren der Plakatwand entspricht dem Navigieren im sozialen Netzwerk. Je nach Anzahl Followers, Friends etc. vergleichbar mit Vorbeigehen zu Fuss und Stehenbleiben, Vorbeifahren im Auto, Vorbeifliegen in einem Helikopter etc….

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Anmerkung 2

Das Prinzip der Aktualität der Social Media-Netzwerke – was neu ist,  ist zuoberst – gilt auch hier. Vergangenes verschwindet unter neuen Plakaten – am unteren Bildrand aus der sichtbaren Timeline (eventuell, bevor es wahrgenommen ist) oder ist heraus gefiltert. Das sind Techniken der Verdrängung und des Vergessens.

Wie müssten Maschinen des Erinnerns funktionieren?

Könnten nicht immer die ältesten Botschaften zuoberst stehen? Wahlweise einen Monat, eine Woche, einen Tag oder eine Stunde alt? Und in einem separaten Fenster versteckt die neuen Meldungen? Warum diese streng linear-chronologische Reihung und nicht beispielsweise thematisch geordnet? Und: wie würde eine Botschaft bestehend aus zwei Tweets gepostet? Erst Inhalt 1 und dann Inhalt 2 (und damit entgegen der gewohnten Lese-Richtung) oder umgekehrt (entsprechend der Lese-Richtung im Netzwerk)?

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Anmerkung 3

Interaktivität im sozialen Netzwerk wird ab einer bestimmten Anzahl Freunde etc. beschränkt auf diejenigen, welche die Filterung passieren lässt. Die Interaktivität ist zwar theoretisch möglich, praktisch aber algorithmisch reduziert und entspricht irgendwann den Möglichkeiten einer gängigen Spielshow im Fernsehen (von „Zambo“ bis „Benissimo“). Das Prinzip der Push-Information ist für eine aktive Social-Media Elite durchbrochen, nicht aber für das Gros der User, das im Privaten verharrt. So entsteht zwar eine neue Elite, aber nicht wirklich ein Systemwechsel in den Kommunikationsprozessen – dazu reichen die Aufmerksamkeits-Ressourcen nicht aus. Immerhin emanzipieren wir uns vom massiven Geschnatter einzelner (Medienveranstalter) und kultivieren das Geschnatter der Massen…

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