Besonders beliebte Fernsehsendungen – Strassenfeger – entvölkerten Städte und Dörfer. Das ist Vergangenheit. Heute sind die Strassen voll. Mit Menschen, die Kopfhörer tragen, in ihre Smart-Phones tippen oder abwesend mit sich selbst sprechen. Es ist gespenstischer als damals. Soziale Netzwerke fördern asoziales Verhalten, narzisstische Überhöhung, Desorientierung, Eskapismus, Isolation – vermutlich. 

Die Zuschreibung Social Media ist verfehlt, Interaktion ist ein eher zu vernachlässigender Aspekt – so finde ich. Aufgehoben in der Masse bewegen wir uns allein; wie Tanzende synchron im Takt verführerischer Maschinenpatterns – bestimmt!

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Kontrollierter öffentlicher Raum

Der Soziologe  Richard Sennett beschreibt 1974 den Rückzug in den privaten Bunker: Die Flächen des öffentlichen Raumes sind nur noch „Zwischenglied zwischen Strassen- und Vertikalverkehr,

der öffentliche Raum wird zur Funktion der Fortbewegung“.

 

Öffentlichem Raum sind unterdessen weitere Funktionen  zugeordnet. Um sie erfüllen zu können, sind Regelungen und Verbote nötig. Um diese auch durchzusetzen werden Strassen, Konzerthallen, Pausenplätze von Schulhäusern,  Shopping Center, Stadtpärke, Seen oder das Hochgebirge überwacht.

Bezogen auf Grossraumbüros: „Wenn jeder vom anderen überwacht wird, nimmt die Geselligkeit ab, denn das Schweigen ist dann die einzige Möglichkeit, sich zu schützen. Das Grossraumbüro treibt das Paradoxon von Sichtbarkeit und Isolation auf die Spitze.“ (1). Diese Gleichung lässt sich auf den Umgang in sozialen Netzwerken anwenden. Seltsam nur, fühlen wir uns doch im Netzwerk nicht mehr beobachtet, obschon wir uns bereitwillig mitteilen. Ohne zu wissen, wer uns alles folgt. Das Gefühl überwacht zu werden ist ersetzt durch allgemeine Offenheit und Anteilnahme. „Womöglich möchten wir lieber von Maschinen als von Menschen dominiert werden, womöglich ziehen wir eine unpersönliche und automatische Herrschaft, eine Herrschaft durch das Kalkül einer Herrschaft des menschlichen Willens vor?“ (2)

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  Einst: Gesellschaftstanz – Mann forderte Frau zum gemeinsamen Tanz

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Michel Foucault beschreibt in „Überwachen und Strafen“ wie der öffentliche Raum zur kontrollierten Zone wird. Soziales Leben ist so besser zu überwachen. Dies manifestiert sich in städtebaulichen Massnahmen, den Strassensystemen oder Stadt-Plätzen. Der Raum erstarrt zu einem Netz von undurchlässigen Zellen“. Unterdessen ist dies perfektioniert – ohne Wachposten oder Grenzmauern: ubiquitäre Überwachungssysteme mit Videokameras (in Bussen, Hauseingängen, Toiletten etc), Körperscannern, biometrischen Pässen, Chip-Karten in allerlei Geräten, Cumulus-Karten…

„Die Macht ist automatisiert und individualisiert in einer Apparatur, deren Mechanismen das Verhältnis herstellen, in welchem die Individuen gefangen sind. Folglich hat es wenig Bedeutung, wer die Macht ausübt. Es gilt, wenn die Trennungen sauber und die Öffnungen richtig sind. Panoptische Einrichtungen im Gefängnis machen Gittertore unnötig“, schreibt Foucault. Für die Überwachung sind lückenlose Registrierungssysteme nötig! Social Media und deren Datenbanken sind perfekte Registrierungssyteme. Sie zementieren damit Machtsysteme. In Einzelfällen sind die hierarchischen Vertikalen tatsächlich durchbrochen.

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Tänzerinnen nehmen Abstand, bilden allenfalls Gruppen
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Vermarktung des Privaten

Facebook und Twitter sind die aktuell meist genutzten sozialen Netzwerke. Oberflächlich unterscheiden sie sich stark. In der Praxis ist das Verhältnis so wie zwischen VW Golf und Audi A3 oder Skoda Octavia – unter der Oberfläche steckt weitgehend identische Technik. Ob Twitter oder Facebook; die meisten Nutzer dürften ähnliche Absichten verfolgen. Sie versenden kurze Mitteilungen, Kommentare, dazu Bilder, Links zu Filmen oder anderen Webseiten. Soziale Netzwerke sind mächtige Tools, die unser Kommunikations-Instrumentarium erweitern. Sie ergänzen/ersetzen das Briefe schreiben, an der Bar stehen oder diskutieren, telefonieren, auch Schlange stehen im Kaufhaus, Tanzkurse besuchen oder Lift fahren.

Schnell ist eine grosse Anzahl Adressaten angeschrieben. Der Trend, möglichst viele Follower oder Friends zu unterhalten (oder müsste es bewirtschaften heissen) untergräbt die Erreichbarkeit. Je mehr es sind, desto wahrscheinlicher verflüchtigt sich die Mitteilung. Der soziale Kontakt ist beschränkt auf das Versenden von Botschaften, meist rein verbalem Interagieren. Neue Spielarten kommen dazu: Verweisen/verlinken auf Video, Ton, Text. Gruppen bilden, Seiten einrichten, Fakeprofile gestalten etc. Offen bleibt, wer wie viel davon tatsächlich betrachtet. Die Verweildauer ist sehr kurz. Es bleibt ein flüchtiges darüber hinweg Scrollen während einigen Sekunden. Entstanden sind

Millionen kleiner Sendestationen ohne Publikum.

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Die Skala reicht schier ins Unendliche. Es ist, als ob ich von hier aus zusehen könnte, wie Menschen in Portugal ihren letzen Ausgang kommentieren, zwei Freundinnen in Dänemark über den Bürokollegen schimpfen oder der Grafikstudent aus Buenos Aires seine Plakatentwürfe vorstellt. In der Realität bleiben die Freundes-Kreise meist sehr klein. Es sei denn, sie werden intensiv bewirtschaftet. Es lagern sich gigantische Mengen von „LONG TAIL“ Sedimenten ab als Energievorrat für die Kommunikationskonzerne.

Die sind eigentlich Datenhändler. Kommunikation ist der Köder, um möglichst viel Ware produziert zu bekommen – nämlich von den Nutzern abgesonderte Daten. Das kennen wir von privaten Fernsehsendern. Nicht die gesendeten Inhalte, sondern das zugeschaltete Publikum ist deren Produkt. Die Produkt-Qualität bewertet die Einschaltquote.

„Im elektronischen Bunker wohl aufgehoben, kann ein Leben entfremdeter Selbsterfahrung (der Verlust des Sozialen) in ruhiger Ergebung und tiefer Not fortgesetzt werden. Der Zuschauer wird zur Welt gebracht,  die Welt zum Zuschauer, und alles wird durch die Ideologie des Screens vermittelt.“ (3) „In diesen Zeiten der Hochgeschwindigkeit ist alles verkaufsfördernd, was die Menschen desorientiert.“ (4)

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Aufgegangen in den Anderen, ein Teil in der Masse

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Unsocial industry

„Es ist ein sozialer Akt, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen oder Updates von Freunden, Prominenten und Experten in Echtzeit auszutauschen.“ Natürlich ist es auch wichtig und nützlich, „mit deinen Kontakten in ständiger Verbindung zu bleiben und spannende neue Kontakte, Jobs, Events, Gruppen und Unternehmen zu entdecken.“ Oder wäre es dir lieber, „dich über Fotos, Filme, Nachrichten oder Gruppen auszutauschen.“ So sehen es drei der beliebtesten Social Media Plattformen auf ihren Startseiten.

Und so sehen es Journalisten in kürzlich erschienen Zeitungsartikeln: „Je intensiver man sie nutzt, desto mehr verfehlen sie ihren Zweck und führen zunehmend in die soziale Isolation“. „Wenn das stete virtuelle Feedback abbricht, ist ihre soziale Existenz gefährdet“. „Facebook ist bekanntlich ein werbeverseuchter Kraken-Organismus, der unsere Gehirne so manipuliert, dass wir uns spätestens alle 36 Stunden einloggen und Details aus unserem Intimleben preisgeben“. Mobilisiert die etablierte Presse ihre Leser gegen die neuen Kanäle? Was ist denn mit sozial gemeint? Sozial im Sinne von

– gesellschaftlich nützlich?

gemeinschaftsfördernd?

dem Anderen zugewandt, fürsorglich?

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Ein gesellschaftlicher Nutzen vergleichbar mit  Einrichtungen wie Kanalisationen, Gesundheitswesen, einem verlässlichen Rechtssystem, ist nicht nachvollziehbar. Unverzüglich Informationen zu verbreiten kann Leben retten. In Bezug auf soziale Netzwerke ist das aber nebensächlich. Denn es geht fast ausschliesslich um Unterhaltung. Dazu gesellt sich etwas Information und Wissenstransfer – zu Marketingzwecken.

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Jede/jeder ist ganz bei sich, Bewusstsein erweiternde Substanzen verstärken die Empfindung der Musik

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Es bilden sich Gruppen und Netzwerke! So wird die nostalgische Sehnsucht nach einem goldenen Zeitalter der Geselligkeit, die so nie existierte,  von einem modernen Gemeinschaftssinn abgelöst. Das Netz ermöglicht ein breiteres Spektrum an Informationsaustausch. Aber jeder sieht ein, dass Informationssaustausch keinesfalls eine Gemeinschaft konstituieren kann.“ (3)

Immerhin lassen sich Kontakte pflegen. Im Rhythmus von Kurzmitteilungen und Links, durch Hinzufügen von Kontakten und Terminen an alle friends und followers.  Wie Kontakte zu pflegen sind, ist reine Geschmackssache und lässt viel persönlichen Spielraum. Doch – (mit Baudrillard): „Das Internet simuliert nur einen mentalen Raum der Freiheit und Entdeckung. Tatsächlich eröffnet er zwar einen vervielfältigten, doch konventionellen Raum,  in dem der Benutzer mit bekannten Elementen, festen Seiten, geltenden Kodes interagiert. Jede Frage ist durch eine antizipierte Antwort festgelegt. Man ist zugleich der Fragende wie auch der automatisch Antwortende der Maschine. Zugleich Kodierer und Dekodierer – ihr seid in der Tat eurer eigener Terminal.

Darin liegt die Ekstase der Kommunikation.“

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Dank der Substanzen sind (körperliche) Kontakte wieder möglich

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Fazit

Anbieter von sozialen Netzwerken sind die neuen Entertainment-Giganten. Die sozialen Auswirkungen sind dennoch überbewertet respektive falsch dargestellt. Mittlerweile werden selbst die bisher postulierten Einwirkungen auf die politischen Umwälzungen in Nordafrika in Frage gestellt. Natürlich ist die Interaktion zwischen verschiedenen Parteien möglich. Insbesondere für die Unternehmenskommunikation sind Social Media in einzelnen Branchen sehr bedeutend. Unsere Beziehungen und das Zusammenleben beeinflusst das aber kaum.

Wichtiger sind sich anbahnende Veränderungen in kommunikativen Abläufen, in Beziehungsmustern, Selbst-, Fremd- und Zeitwahrnehmung, Kontrolle oder Kontrollverlust. Vieles davon wird sehr lust-, verheissungs- und genussvoll werden. Vieles wird verloren gehen: „So ist das gesamte Informationssystem eine immense Maschine zur Erzeugung des Ereignisses als Zeichen, als Wert, der auf dem Weltmarkt der Ideologie, des Spektakels, der Katastrophe et cetera austauschbar ist – kurz, eine Maschine zur Erzeugung des Nicht-Ereignisses“. (2) Soziale Netzwerke multiplizieren diesen Effekt. Nun implodiert auch das Selbsterlebte zum Nicht-Ereignis!

„Die Entwicklung der neuen Medien und Technologien ist als Kollektivchirurgie des sozialen Körpers zu erkennen,“ meint Norbert Bolz. Wir liegen bereits auf dem Operations-Tisch. Die Eingriffe könnten langwierig werden. Der Patient wird sich danach kaum wieder erkennen.

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(1) aus „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens – Die Tyrannei der Intimität“, Richard Sennett

(2) aus „Die Intelligenz des Bösen“, Jean Baudrillard

(3) aus „Elektronischer Widerstand“, Critical Art Ensemble

(4) aus „Interface Culture“Steven Johnson

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EMPFEHLUNGEN

Weitere Artikel zum Thema gibt es bei brandwatch  und im  fakeblog

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