„So schuf Gott die Menschen nach seinem Bild, als Gottes Ebenbild…“ heisst es in der Schöpfungsgeschichte. Walter Benjamin beginnt 1936 seinen Aufsatz  Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit so: „Das Kunstwerk ist grundsätzlich immer reproduzierbar gewesen. Was Menschen gemacht hatten, das konnte immer von Menschen nachgemacht werden“. 60 Jahre später versucht die Musikindustrie mit dem Slogan „copy kills music“ das Kopieren und Vervielfältigen von Musik einzudämmen.

Die Krönung der Schöpfung war eine Kopie, kopieren gehört zum Menschen. Doch Kopieren wird heute meist als frevelhaft, ja verbrecherisch gewertet. Was ist geschehen? Warum diese Radikalisierung?

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1. SW-Fotokopie eines farbigen Fotodrucks

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Handel mit geistigen Werken

Mit Mahnungen und Hinweisen wie „hometaping is killing music“ will die Musikindustrie an die Konsumenten appellieren, die Urheberrechte zu respektieren. Diese sind vergleichsweise jung. Erste Gesetze in den USA, England und Frankreich stammen aus dem 18. Jahrhundert, Deutschland und die Schweiz folgen Ende 19. Jahrhundert.

Mit dem Buchdruck ist die Ausstellbarkeit der Werke exponentiell gestiegen. Waren noch bis Anfang 20. Jahrhundert geistige Werke für die meisten Menschen kaum verfügbar, so sind sie heute allgegenwärtig. Das Urheberrecht bildet die gesetzliche Grundlage für den Handel mit diesen immateriellen Gütern.

Urheberrechte sind zeitlich befristete Monopole für Literatur und Kunst sowie weitere  Schutzrechte.“

Künstler erreichen heute 1’000, 10’000 oder 100’000 Mal mehr Zuhörer als Stars jener Epochen, in denen es noch keine handelbaren Ton- oder andere Datenträger gab.  In den Märkten der multiplizierten Produkte liegen gigantische ökonomische Chancen. Elvis Presley soll gegen 1.5 Milliarden Tonträger verkauft haben, The Beatles über 1.3 Milliarden, Bing Crosby 900’000’000 – Udo Jürgens verkaufte über 100’000’000 Tonträger et cetera…

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1. – 4. SW-Fotokopie des selben Fotodrucks

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Das Schöpfer-Genie tritt auf

„Werke sind, unabhängig von ihrem Wert oder Zweck, geistige Schöpfungen der Literatur und Kunst, die individuellen Charakter haben.“ (URG, Art 2). Werke mit individuellem Charakter – erschaffen von Genies. Auch dies ein relativ neues Konstrukt: „Das grundlegend Neue an der Kunstauffassung der Renaissance ist die Entdeckung des Geniebegriffs  und die Konzeption der Idee, dass das Kunstwerk die Schöpfung der selbstherrlichen Persönlichkeit sei, dass diese Persönlichkeit über Tradition, Lehre und Regel, ja über dem Werk selber stehe.“ (Arnold Hauser, „Sozialgeschichte der Kunst und Literatur“, zitiert aus „Mashup – Lob der Kopie“, Dirk von Gehlen)

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Warum Urheberrecht?

Nach alledem scheinen mir diese drei Aspekte grundlegend für die Entwicklung des Urheberrechts:

  1. Das Schöpfergenie wird etabliert und erhebt sich über das Werk
  2. Reproduktionstechnologien (seit dem Buchdruck) ermöglichen grosse Mengen von Vervielfältigungen
  3. Es braucht gesetzliche Reglementierungen um die ökonomische Auswertung der geistigen Produkte zu kontrollieren

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5. – 8. SW-Fotokopie

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Kopierer killen Musik

Mit „Copy kills music“ reagierte die Musikindustrie auf das gratis Herunterladen der Musik von Tauschportalen und verlustfreies Kopieren von CDs. Seit jener Kampagne sind noch einmal 10 Jahre vergangen. Mittlerweile bieten verschiedene Portale Musik legal zum Kauf an. 6 % der Umsätze (Deutschland 2009) werden durch Internet-Downloads generiert. Der Musikindustrie entgeht jedoch ein Mehrfaches davon durch illegale Downloads. Aber auch weil Musiker immer häufiger ihre Produktionen ohne Verlage und Verwertungsgesellschaften vermarkten. Musiker würden so über den Tisch gezogen, behaupten die Profiteure des bisherigen Systems. Es gibt aber Gegenstimmen: „Ein Musiker verdient bei iTunes-USA pro Song 0,70$ und nicht wie ihre Quellen behaupten 0,09$ – bei iTunes-Europa sind es sogar 0,70 €.“ (Eintrag Psychotronic vom 19.4.2010)

Der Bundesverband Musikindustrie E.V. (Deutschland) veröffentlichte im März 2003 eine Pressemitteilung mit der Überschrift: „Kostenlos-Kultur zerstört das Fundament der Kreativwirtschaft – Dreistellige Millionenschäden für Wirtschaft und Gesellschaft“. Die Nervosität wächst. Gigantische Erträge fehlten in der Talent-Förderung,  der Nährboden für das Musikschaffen dörre aus – so argumentieren Industrie und deren Vertreter.  Etablierte Musiker halten auch hier dagegen.

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Noch mehr Verbrecher?

„In einem geharnischten Essay rechnet die Rocksängerin Courtney Love vor, wie sich der Deal aus der Sicht einer hypothetischen Band darstellt, die ihr erstes Album veröffentlicht, einen Chart-Hit landet und anschließend auf Welttournee geht. Am Ende der Tour ist die Band bei einer schwarzen Null angekommen – der Konzern aber hat sieben Millionen Dollar an den Musikern verdient. »Was ist Piraterie?«, fragt Courtney Love. »Piraterie bedeutet, das Werk eines Künstlers zu stehlen, ohne auf die Idee zu kommen, dafür zu bezahlen. Ich rede hier nicht von Napster-Software. Ich rede von den Verträgen der großen Labels.“ (MSB Spiegel, „Befreiung“, zitiert aus „Mashup – Lob der Kopie“, Dirk von Gehlen)

Der Deutsch-Rapper Smudo (Die Fantastischen Vier) wiederum entgegnete im Jahr 2000 in einem Interview auf Zeit Online, „die Plattenindustrie dürfe momentan keine Kompromisse eingehen, weil sie damit „Copy Kills Music“ (der neuen Aktion gegen illegales Kopieren/Teilen) den Boden entziehen würde“.

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9. – 12. SW-Fotokopie

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Die Appelle der Industrie blieben weitgehend wirkungslos. Sie greift nun zu neuen Mitteln. Der Musiker Jan Delay beschreibt das Ende November 2011 auf seiner Facebook-Seite so: „mal n paar harte zahlen und fakten: im letzten jahr hat es 800.000 (!) abmahnungsverfahren wg. illegalen downloads gegeben. heißt: windige anwälte beschäftigen billiglöhner, die den ganzen tag nix anderes tun als ip-adressen von illegalen saugern aufzuschreiben um diese mit einem bußgeldbescheid von durchschnittlich 1500 euro abzumahnen und mit Gerichtsverfahren zu drohen falls nicht gezahlt wird. heraus kommt das stolze sümmchen von 1,2 Milliarden (!!), welches unter den anwälten und den plattenfirmen gesplittet wird. die künstler sehen davon nix! das sind alles miese schweine!! saugt bitte alle ruhig weiter, und lasst euch nicht erwischen! kein peer 2 peer!! und wenn es Künstler gibt, die ihr schätzt und die sich den arsch aufreißen um gute platten zu machen: bitte supported sie!!“

Selbst diejenigen also, die durch Urheberrechte geschützt sind, teilen kräftig aus.

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Etwas läuft schief

Offenbar gibt es Künstler, die sich selber am Gängelband der Industrie und der Verwerter wieder finden. Denn wer Rechte vertraglich abtritt, hat unter Umständen praktisch keine Verfügungsmöglichkeit mehr über seine Werke. Ein Autor kann den Text, den er einst an einen Verlag verkaufte, nicht mehr weitergeben, selbst dann nicht, wenn sein Buch seit Jahren vergriffen ist. Musik darf nicht auf der eigenen Homepage zum Download angeboten werden, die Musik am Weihnachtsessen muss lizenziert werden. Selbst das Vorhören von Musik auf Download-Portalen soll gebührenpflichtig werden etc.

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13. – 16. Fotokopie

  

Es entsteht der Eindruck, es gehe nicht so sehr um den Schutz der Künstler, als viel mehr um den Schutz des Handels mit den Werken. Von diesem Handel profitiert zuallererst die Industrie. Die Musiker bleiben überwiegend arme Schlucker. Das belegt der Jahresbericht 2010 der Suisa. Damals vertrat die Suisa rund 29’000 Mitglieder (Urheber und Verleger). Nur etwas mehr als die Hälfte (14’817) von ihnen bekommt von der Suisa eine Abrechnung und damit Geld. Rund 14’000 bekommen gar nichts.

5’169 Urhebern wird weniger als 100 Franken pro Jahr überwiesen, bei weiteren 3’873 sind es bis zu 499 Franken. Es bleiben gerade mal…

29 Musiker, die von ihren Suisa-Vergütungen ordentlich leben können…

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…mit 100’000 oder mehr Franken jährlich. Auch wenn noch Vergütungen für Aufführungen oder im Ausland erhobene Einnahmen dazu kommen: Das Argument, die Entschädigungen seien für die Musker (überlebens-) wichtig, scheint eine Alibi-Behauptung. Zumindest für jene 98% der Musiker, die weniger als 10’000 Franken pro Jahr erhalten. Ihnen bleibt nur die Hoffnung auf erspriessliche Verträge (den Verlagen wird 2.5 Mal soviel ausgeschüttet wie den eigentlichen Urhebern) und Nebeneinkünfte.

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Statische Schlüsselbegriffe haben ausgedient

Die heutigen Urhebergesetze wirken wie Zugangsbeschränkungen. Güter werden künstlich verknappt. Dennoch werden wir von geistigem Eigentum überflutet. Dieser Situation wird das heutige Urheberrecht nicht mehr gerecht. „Es geht schon längst um viel mehr als ums Urheberrecht. Es geht darum, das Internet als Basis und Rohstoff des Informationszeitalters zu begreifen und dass das gesamte Gefüge geschwächt wird, wenn man ein Element entfernt, egal wie klein dieses auch sein mag“. (Cory Doctorow, Blogger und Autor, in de:bug 12/2011)

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17. – 20. Fotokopie

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„Bisher ist unser Urheberrecht darauf orientiert, den Markt des Vertriebs zu bedienen, zu unterstützen und ermöglichen. Aber dieser Markt hat sich aufgelöst“. (Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter des Festivals Ars Electronica, zitiert aus „Mashup – Lob der Kopie“, Dirk von Gehlen).

Im Internet sind wir „Prosumer“: Produzenten und Konsumenten gleichermassen. Es wird zitiert, geteilt (eben geklaut), kombiniert, compiliert, vermengt… gemäss aktuellen Urhebergesetzen ist das meiste davon strafbar und müsste verfolgt werden. Milliarden Mal täglich…

Kunstwerke sind (mindestens seit Andy Warhol oder Marcel Duchamp) nicht mehr zwingend Schöpfungen von genialen Geistern oder bourgeoisen Meistern. Die technischen Mittel sägen am Thron der genialen Künstler-Persönlichkeiten. Jeder/jede kann heute Künstler/in sein und Material in ein neues Werk transformieren. Wenn die Trends sich immer schneller jagen, sämtliche Stile sich in einem gigantischen Wirbel vermengen, ist das genuine Werk  obsolet geworden. Wir müssen „…begrifflich den Wandel vom Publikum als einer diskreten, messbaren Menge in der Kette von Produktion, Zirkulation, Konsum zu einer dynamischen, produktiven Komposition von Körpern als in Informations- und Kommunikationstechnologien vernetzten Aggregaten verfolgen“. ( Mark Andrejevic in „Generation Facebook“, Herausgeber: Oliver Leistert, Theo Röhle).  Statische Schlüsselbegriffe wie Urheber oder Werk haben ausgedient.

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Kopie 1 – 20 in 23 Sekunden

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Analog versus Digital

Zum Schluss ein Experiment: Ich habe „Copy Me“ der Ambitious Lovers 1. via Logic Software von Vinyl digitalisiert, 2. im AIFF-Format auf Memorystick gespeichert, 3. vom Stick auf einen zweiten Computer kopiert, 4. dort als mp3-File in i-Tunes importiert, 5. mit Traktor Pro konfektioniert und als wav-Datei gespeichert,  6. wieder in in mp3 (192 kB) gewandelt und 7. auf wordpress geladen. All die Wandel- und Kopierprozesse hat die Datei ohne grossen Qualitätsverlust überstanden. Aus urheberrechtlichen Gründen darf ich euch das Resultat aus meinem Test nicht vorführen. Ich kann euch versichern, es ist etwa identisch mit dem Klang des auf Youtube einsehbaren Videos.

Ganz anders die „analoge“ Fotokopie. Die 20. Kopie der Kopie ist so stark verändert, dass das Original kaum wieder zu erkennen ist.

Im Zeitalter von copy-paste geben uns die Interfaces unzählige Möglichkeiten in die Hand, Material neu zu inszenieren, kombinieren, verlinken oder teilen. Grenzen setzen nebst Urhebergesetzen nur noch das eigene Unvermögen und die Urteilskraft. Aber das ist eine andere Geschichte.

Hier weitere Links zur Geschichte des Urheberrechts und zum Bundesgesetz über das Urheberrecht.

Weiterer Artikel auch hier

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