Der Verlauf der Blocher-Hildebrand-Affäre erschüttert mein Vertrauen in die hiesige Publizistik. Mit getrübtem Urteilsvermögen informieren Journalisten zwischen „Empörungsbewirtschaftung und Stimmungsdemokratie“ (Kurt Imhof). Reflexe verdrängen Reflexion. Die Journis bedienen vorzugsweise Empörung und Sauglattismus. Werden sie zu von der Gier nach Auflage gesteuerten, willenlosen „Info-Zombies“?

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Stark besetztes Trauerspiel

Am Nachmittag des 9.1.2011 tritt Philipp Hildebrand, der Präsident der Schweizer Nationalbank, nach kurzer, beispielloser Medien-Kampagne von seinem Amt zurück. Der Grund: er werde nie mehr vor die versammelte Presse treten können, ohne dass ein Teil von ihr ihn als Lügner wahrnehmen würde (Bericht SF Tagesschau). Die der Schweizerischen Volkspartei (SVP) nahestehende Wochenzeitung Weltwoche bezeichnete Hildebrand in gross aufgemachtem Artikel und Kommentar als Spekulant, Dieb und Bedrohung für die Stabilität des Schweizer Frankens (hier das Editorial von Roger Köppel).

Die brisante Enthüllung allein hätte den bis anhin geschätzten Präsidenten der Nationalbank kaum so rasch zum Rücktritt gezwungen. Die Situation spitzt sich erst zu, als ein anderer gewichtiger Hauptdarsteller auftritt: SVP-Vizepräsident Christoph Blocher. Plant Blocher eine Attacke gegen den schon lange geschmähten Nationalbanker? Nun jedenfalls sind alle Ingredienzien eines Top-Informationsprodukts vorhanden: Good Guy, Bad Guy, etwas Liebe, Gier, Freundschaft, Macht (-Missbrauch), Rache, Sünde etc.

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Moralische Defizite eines Hochbegabten

Philipp Hildebrands Ehefrau Kashya Hildebrand – US-Amerikanerin, international tätige Galeristin und ehemalige Hedge Fonds Managerin – verkaufte im Oktober 2011 rund 500’000 US-Dollars und strich mit diesem Handel einen Gewinn von 75’000 Franken ein. Das Geschäft wurde über das vom Ehepaar gemeinsam geführte Konto abgewickelt. Die Weltwoche behauptet, Philipp Hildebrand hätte vom Handel gewusst und möglicherweise seine Frau vorgeschoben um ihn zu entlasten. Zu deuteln gibt es nichts: Hildebrand als Kontoinhaber ist verantwortlich für die Geschäfte, die über sein Konto laufen.

Der Tenor ist klar: ein Notenbanker und dessen Ehefrau dürfen nicht mit Devisen oder Aktien handeln – moralisch! Punkt. Schluss.

Bloss: Mit Devisen oder Aktien zu handeln war und ist schweizer Notenbankern nicht verboten. Das entsprechende Reglement vom 16.4.2010  erlaubt den „passiven Handel“, also unter der Bedingung, dass Finanzinstrumente mindestens 6 Monate gehalten werden. Hildebrand verdient rund 1’000’000 Franken pro Jahr. Als ehemaliger Hedge-Fonds-Manager ist er es gewohnt, mit Finanzinstrumenten zu hantieren.  Ihm ist zu wenig bewusst, wie verfänglich der Handel mit Devisen oder Aktien für einen Insider wie ihn werden könnte.  Oder er foutiert sich darum. Ebenso Kashya Hildebrand. Juristisch ist den Hildebrands zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht beizukommen. Fortan wird die Moral ins Feld geführt.

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Sau-Treiben im Medien-Dorf

Dabei fing die Geschichte relativ harmlos an. Am 27.12.2011 berichtet die NZZ im Wirtschaftsbund über die Medienmitteilung der SNB vom 23.12.2011: „Attacke gegen Hildebrand – Vorwurf der unzulässigen Bereicherung laut Bankrat haltlos (…) Auch wenn derzeit alles darauf hindeutet, dass die Vorwürfe gegenüber Hildebrand ungerechtfertigt sind, bleiben zahlreiche Fragen unbeantwortet“. Welche Kreise lancierten „die erneute Attacke gegen den SNB-Präsidenten?“

Den vermeintlichen Scoop liefert die Sonntags-Presse am 1.1.2012. Die  NZZ am Sonntag titelt:Blochers heikle Rolle bei Angriff auf Nationalbankpräsident“. Und schreibt: „Offenbar spielt Christoph Blocher in dieser Affäre eine zentrale Rolle, wie aus dem Umfeld des Bankrats zu erfahren ist. (….) Mit Christoph Blocher als Schaltstelle erhält die ganze Insider-Kampagne gegen Hildebrand eine eminent politische Note“. (Der selbe Artikel unter dem Titel „Bochers fragwürdige Rolle“ bei NZZ online)

Christoph Blocher verhält sich gleichentags sibyllinisch und zitiert die Bibel: „Es gibt eine Zeit zum Reden und eine Zeit zum Schweigen“ (sf.tv). Die perfekte Enthüllungs-Dramaturgie setzt die Weltwoche mit ihrer Ausgabe vom 5.1.2012 fort: „Philipp Hildebrand betreibt Insider-Geschäfte“.  Auf 9 Seiten und 6 Artikeln (Haupt-Story, zusätzliche Beiträge, Editorial, Kommentare etc.) breitet sie die Enthüllung über den „Spekulant Hildebrand“ aus. Das Blatt veröffentlicht damit ein ausführliches journalistisches Dossier und nicht – wie im Anschluss gern behauptet wird – einen einzigen Artikel.

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Ab diesem Zeitpunkt gibt es auf allen Kanälen kein Halten mehr. Vor allem einzelne SVP-Exponenten geben sich die Klinken der Radio- und Fernsehstudios in die Hand. Das von dieser Partei beherrschte Medienkonglomerat gleicht jenem totalitärer Staatsapparate. SVP-Exponenten haben ihren täglichen, direkten Draht zum Publikum: teleblocher, Tele Züri, Schweiz 5, Schaffhauser Fernsehen, Weltwoche, BAZ etc. Auch die Gegenseite lässt es mächtig krachen (Regula Stämpfli oder Roger Schawinski)

Bald gibt Philipp Hildebrand nur noch eine Rand-Notiz her. Die Rollen sind neu verteilt, die Stars im Rampenlicht heissen: Christoph Blocher, Natalie Rickli, Christoph Mörgeli und Roger Köppel. Das Stück ist mit zahlreichen Komparsen besetzt,  die sich aus Experten unterschiedlichster Disziplinen und PolitikerInnen aller Art rekrutieren. Die abgefeuerten Stichwort-Kaskaden können die Hauptfiguren stets mit denselben, einprägsamen Argumenten parieren. Eine perfekte Choreographie in heavy Rotation, inszeniert von den Info-Zombies der Medienbranche, die nach dem Drehbuch der Hauptdarsteller Regie führen.

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Faustrecht der Scheinheiligen

Neben dem Vorwurf der moralischen Verfehlung verblassen alle Argumente. Die Geschichte kocht nur deshalb weiter, weil die Aufdecker des „Skandals“ sich als Hüter der Moral in Stellung bringen. Diejenigen Kreise, die vor wenigen Wochen beispielsweise noch den mutmasslichen Betrüger Bruno Zuppiger zum Kandidaten der Bundesratswahlen bestimmten (Weltwoche enthüllt Erbsünde, Zuppigers Fall).

Zuppiger verwaltete den Nachlass einer verstorbenen Mitarbeiterin. Statt die Hinterlassenschaft an gemeinnützige Institutionen zu überweisen, leitete Zuppiger einen Teil davon auf das eigene Konto. Erst als das ruchbar wurde, zahlte Zuppiger den Betrag zurück. Für die SVP war der Fall moralisch unbedenklich und erledigt. Viele Schweizerinnen und Schweizer – nicht nur die linke Szene um die woz – zweifeln an Christoph Blochers moralischer Integrität.

Und Philipp Hildebrand? Mit seinem Devisen- und Aktienhandel zeichnet er weiter am Bild einer von Gier durchdrungenen Führungsriege. Diese Menschen verstehen nicht, dass sie aus ihrer privilegierten Situation Profit schlagen in einer Art und Weise, wie sie beim Durchschnitts-Bürger Unverständnis oder gar Abscheu weckt.

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Die Auflage heiligt alle Mittel

Zurück zu den „Info-Zombies“. Die Sonntags-Presse erhielt durch eine Indiskretion im Umfeld des Bankrates einen Hinweis auf die Verstrickung Christoph Blochers. Eine brisante Enthüllung – das beste Verkaufsargument jeder Sonntags-Zeitung. Nur dumm, dass die Weltwoche noch brisanteres Material zugesteckt bekam und die vage Blocher-Geschichte in den Schatten stellte. Beide Seiten vertrauten auf undurchsichtige Quellen: Indiskretion, Verletzung des Bankgeheimnis – möglicherweise Verschwörung.

„Nicht nur, dass jedes Gerücht gleich zum Skandal hochstilisiert wird, bevor man es geprüft und kritisch hinterfragt hat. Das Wort hat seine Exklusivität verloren: Ob die Folterungen von Gefangenen in (…) Abu Ghreib, der blosse Nippel von Janet Jackson oder der Zungenkuss Madonnas mit Britney Spears – all diese Vorgänge werden nicht mehr nur vom Boulevard, sondern auch von den sogenannten seriösen Medien unterschiedslos als Skandal verkauft. Die lesende und fernsehende Kundschaft hat dies akzeptiert und ergötzt sich in einer Mischung aus Ekel und klammheimlicher Begierde an der scheinbar zunehmenden moralischen Verkommenheit ihrer skandalisierten Welt.“ (1)

Wenige Tage nach Beginn des Mediengetöses tritt Hildebrand zurück. Seine Glaubwürdigkeit – und damit diejenige der Nationalbank – ist bereits zu sehr beschädigt. „Wer hemmungslos Daten aus dem privaten Bereich Dritter über die Medien publiziert, macht sie im Kern ihres Lebens wehrlos und ohnmächtig. Man muss dabei auch bedenken, dass eine einmal veröffentlichte Information sich nicht wieder unpubliziert machen lässt, auch nicht durch eine Gegendarstellung: sie kann lediglich wieder dem Vergessen anheim fallen.“ (2) 

Die Grenzen zwischen investigativem Journalismus, „Lagerjournalismus“ (Kurt Imhof) und Affektjournalismus verschwimmen. Die „Stimmen der Wahrheit“ haben während zweier Wochen fast komplett versagt.

Der mit Devisen und Aktien handelnde Präsident der Nationalbank hätte den perfekten Aufhänger für zwei höchst relevante Geschichten geboten.

  1. Das mangelhafte SNB-Reglement über Eigengeschäfte der Mitglieder des Erweiterten Direktoriums – und was dahinter steckt.
  2. Die Unbekümmertheit, mit der Führungspersönlichkeiten ihre privilegierte Position zum eigenen Vorteil nutzen.

Doch von diesen Kernthemen ist kaum die Rede – zu sperrig, zu wenig emotional für den heutigen Medienmarkt.

„Die Tatsache des Vertrauensverfalls und des Verlustes an öffentlichem Ansehen ist die wirklich alarmierende Entwicklung in den USA als auch in Deutschland. Es sind die Entwicklungen zum Meuten- und Rudeljournalismus („pack journalism“), die konvergieren, aber auch die um sich greifende Totalität des kommerziellen Denkens und Handelns mit der unvermeidlichen Qualitätseinbusse an öffentlicher Kommunikation , die eine Identitäts- und Relevanzkrise der Mediensysteme in liberalen Demokratien heraufbeschwören, nämlich die immer dreister vorgetragene Behauptung, den Journalismus ausschliesslich als Geschäft betreiben zu wollen“ (3) 

Die Blocher-Hildebrand-Affäre offenbart, wie sich Journalisten sämtlicher Kanäle im immer härter geführten Konkurrenzkampf reflexartig auf Indiskretionen und Gerüchte einlassen, um sie sogleich zu veröffentlichen. Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit korrumpiert bisweilen die journalistische Sorgfalt. Meine Prognosen für eine informierte Gesellschaft im liberalisierten Medienmarkt verdüstern sich zunehmend.

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(1) Andreas Förster, „Skandalisierung statt Aufklärung“ in „Rufmord und Medienopfer“, Christian Schertz, Thomas Schuler (Hrsg.)

(2) Wolfgang Wunden, „Grenzen öffentlichen Zeigens“ in „Öffentlichkeit und Kommunikationskultur, Beiträge zur Medienethik Band 2“, Wolfgang Wunden (Hrsg.)

(3) Ulrike Keiser „Teure Pressefreiheit. Was können sich Journalisten noch leisten“  in H. Boventer (Hrsg.) „Medien und Demokratie. Nähe und Distanz zur Politik.“

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