„I cry for you – not because I care, but because I’m emotional“

Ein Mädchen hält einen geschminkten Mann im Schrank versteckt, während nackte Musiker im Keller ihre Instrumente wild und wirr durcheinander spielen? Ein schreiendes Baby in der Duschkabine, ein Wohnmobil voller Blondinen – alles Männer – mit hochgepitchten Stimmen? Dazu verschmierte Make Ups, willkürlich überlagerte Bildsequenzen, Typo, Animationen, Beats, Blut… und alles sehr bunt?.

Die krud-plakative Kategorie Soap-Splatter sei mir verziehen: Ryan Trecartins Videos sind voller abstruser Figuren, Kulissen, Bild-Ideen – so wie die Videos, Texte, Fotos und der Sound im Web oder die gefüllte Mailbox inklusive Spam etc. Unzählige dieser Fragmente sind auf’s Mal in einem linearen Strom kanalisiert. Den darin taumelnden Figuren bleibt nur,  gegen diesen Strom anzuquasseln. Sie tun dies in einer Sprache, die Social-Media-Posts oder -Kommentaren entlehnt sein könnte. Sätze sind kompilierte Marketing-Phrasen, Werbe-Texte oder Gefühlsausbrüche in selbstreflexiven Blogs. Obwohl die Darsteller miteinander sprechen, wenden sie sich immer wieder direkt der Kamera zu.

In seinen Videos vereint Trecartin mühelos traditionelle Kulturtechniken wie Körperbemalung, Tanz oder Performance mit Fragmenten und Symbolen der Popkultur. Irrelevant, Geschlechter zuzuordnen. Im Post-Gender-Zeitalter gibt es keine geschlechtsspezifische Zuordnung – selbst wenn Mutter und Vater auch mal ihren überzeichneten Auftritt bekommen.

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Ryan Trecartin ist 1981 in Webster (Texas) geboren. 2004 schliesst er sein Design-Studium ab. Mit der Abschlussarbeit – dem Video A Family Finds Entertainment – erregt er die Aufmerksamkeit der Kunstwelt. Seither ist Trecartin „vor allem in den USA von einem beispiellosen Medienhype begleitet, der mitunter fast an Übergeschnapptheit grenzt“ (Esther Buss in „spex“ Nov./Dez. 2011). Mag sein, dass das auch mit seiner Präsenz auf youtube, vimeo und ubu zusammenhängt. Zehntausende haben seine Videos bereits angeklickt. Trecartin schleust sein Material wieder dort ein, wo er es bezogen hat – im Internet. So erreicht er ein viel grösseres Publikum, als wenn er sich auf den Museums-Betrieb beschränken würde. Dazu passt, dass seine installativen Arbeiten kaum diskutiert werden.

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trill-ogy-comp (2009)

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Crane Art Center (2006)

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Studienkollegin Lizzie Fitch ist Trecartins kongeniale Partnerin. Sie schneidet die Filme und verpasst ihnen damit die genialische Handschrift. Zudem spielt sie immer wieder (Haupt-) Rollen. Die Schauspiel-Truppe wird ergänzt durch Freunde, Kollegen und allerlei seltsame Bekannte. Es scheint eine verschworene Gemeinschaft, die hier kollektiv arbeitet – in  Begleittexten wird auf Andy Warhols „Factory“ verwiesen. Kooperative Arbeitsmodelle sind jedoch gerade bei jungen Künsterlinnen verbreitet, wenn nicht sogar zwingend. „Wie Warhol vor ihm, scheint er seine Truppe als Inspirationsquelle und Material zu benutzen“ (Jennifer Krasinski).

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Keine leicht bekömmliche Kost. Mich hat sie anfangs angestrengt, genervt, überfordert. Und gleichzeitig fasziniert. Diese Videos sind für Installationen in Galerien oder Museen konzipiert. Dort befasst sich das Publikum nur für eine gewisse Zeit mit einer Arbeit und geht dann zur nächsten, kehrt vielleicht wieder zurück, streift umher etc. So funktionieren die Filme auch im Netz.Kaum jemand schaut sie von Anfang bis Ende durch. Eher klicken wir nach ein paar Minuten weiter in der Timeline. Oder wir suchen uns das nächste Video heraus, kehren nach ein paar Tagen zurück und schauen erneut.

Allmählich erschliesst sich Trecartins Universum.Dabei ist interessant wie, der dadurch entstehende kontinuierliche Kommunikationsfluss (…) Differenzen von Orten, Charakteren oder Handlungen glättet und uns so, fast wie im Internet, über verschiedene Netzoberflächen gleiten lässt. Mit diesem Video zeichnet Trecartin nicht weniger als ein unserer Zeit entsprechendes Portrait der neuen, jungen und digitalen Welt“ (Marc Glöde vom Bielefelder Kunstverein über „(Tommy Chat Just E-mailed Me)“.

Ryan Trecartins Video „Valentine’s Day Girl“ ist in der Ausstellung „Why I never Became a Dancer: Sammlung Goetz im Haus der Kunst“ bis 1. April 2012 im Haus der Kunst, München zu sehen. Sämtliche Videos sind auf vimeo, youtube und ubu.com abrufbar.

Fotos: sokret1 (flickriver) und liverpoolbiennial.co.uk

„Am I overexisting or am I over existing?“

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