Aschermittwoch in Splügen, Graubünden. Nichts ahnend komme ich Skitourist von der Piste, als mir schwarz bemalte Kinder entgegen spazieren. Mitten im Dorf dann: in Felle gekleidete junge Männer jagen mit Schellen lärmend den jungen Frauen des Dorfes nach.

Die Männer ringen die Frauen zu Boden und streichen deren Gesichter mit einer schwarzen Paste aus Schuhcrème, Öl und Kohle ein. Bis Sonnenuntergang müssen alle unverheirateten Damen „pschuuret“ sein (Pschuuri ist Valser-Dialekt und lässt sich mit Schwärzung übersetzen). Danach ziehen die Männer und Frauen gemeinsam durch das Dorf und schnorren an den Haustüren Eier, die sie zu Speisen und mit Wein gemischten Cocktails verarbeiten. Schliesslich wird gefeiert bis zum Morgen.

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Die Pschuuri Fasnacht – ein derbes, gar grobes Vergnügen.

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Das scheint nur noch wenig mit traditionellen, katholischen Buss- und Vergänglichkeits-Ritualen an Aschermittwoch gemein zu haben („Gedenke, o Mensch, du bist Staub, und zum Staube kehrest du zurück.“ Psalm 90,3). Kaum jemand wird bis Ostern fasten. Trotzdem ist dieser Brauch für viele hier der gesellschaftliche Höhepunkt des Jahres. Auch von Splügen Weggezogene kommen ins Dorf zurück, um mit ihren Bekannten zu festen.

Irritiert hat mich, wie rau die Männer zupacken und die Frauen „in ihre Gewalt bringen“, sich auf sie setzen und nicht los lassen, bis das Gesicht „gstriche“ ist. Die Damen scheinen sich grösstenteils zu amüsieren, selbst wenn sie unter den „Pschuurirolli“ in Strassenpfützen liegen und auch die Haare mit einer zünftigen Ladung Paste eingeschmiert werden – und überholte Geschlechter-Stereotypen wieder aufleben.

Ein Fasnachts-Anlass als Umkehrritual, welches die traditionelle Ordnung bestätigt? Inszenierte Folklore? Ein touristischer Magnet wie Silvesterkläuse oder Basler Fasnacht? Jedenfalls verbindet die lang gehegte Tradition die jungen Einheimischen. Und auch die Feriengäste können sich zuschauend amüsieren, wundern und ein wenig schaudern. Ein lokales Spektakel zwischen Totenkult, Flirt und Volksfest.

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