Mit der Schlagzeile „Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz“ (Weltwoche 14/2012) hat der Stimmungsjournalisums der „Weltwoche“ einen weiteren Höhepunkt erreicht. Im Wochenrhythmus attackiert die Publikation Persönlichkeiten, Institutionen oder ganze Bevölkerungsgruppen. Die Redaktion gibt vor, über Missstände und politisch unerwünschte Realität zu berichten (Roger Köppel bei Welt Online). In erster Linie ist die „Weltwoche“ jedoch zum publizistischen Arm der Schweizerischen Volkspartei (SVP) geworden.

Dass das Renomée der Traditionsmarke „Weltwoche“ erst missbraucht und nun verscherbelt ist, muss man akzeptieren. Mit welcher Inbrunst die Redaktion und ihre Publikation konsequent konfrontiert und provoziert, ist weniger erträglich.

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Journalistenporno

Dabei spielt es keine Rolle mehr, wie unsorgfältig oder oberflächlich die Artikel recherchiert sind. Im Falle des Roma-Berichts mussten offensichtlich Internet-Recherchen und das Abschreiben anderer Veröffentlichungen (NZZ , 10vor10DOK SFgenügen. Der bisherigen Berichterstattung wurden keine neuen Erkenntnisse hinzugefügt. Sie wurden lediglich anders gewichtet. Die wordle-Auswertung lässt den Aussagewunsch des Artikels erahnen.

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Häufigkeit der im Artikel verwendeten Begriffe in der Wortwolke

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Die Roma und die Schweiz: „In jüngerer Zeit seien „viele“ Roma (…) in die Schweiz geströmt“. Eine kriegerische Invasion, der wir schutzlos ausgeliefert sind: „Blitzkriegen aus dem Ausland gleich, fallen sie für ihre Raub- und Beutezüge über die Schweiz her (…)“. Rasch sind  Erklärungen parat: „Kriminaltourismus, organisierte Bettelbanden, Strassenprostitution: Die Probleme (…) haben auch politische Gründe„.

Schengen-Abkommen und Personenfreizügigkeit – beides von der SVP vehement bekämpft – erleichtern die Raubzüge der Roma. „Die Tore sind offenlautet die Überschrift eines Absatzes.

Empörung erregt das Cover der Ausgabe. Den mit der Pistole auf den Betrachter zielenden Jungen in den Zusammenhang mit Raubzügen zu bringen, ist nicht nur unsorgfältig, sondern auch einfältig (Empörung über „Weltwoche“-Titelbild). Derart platte Symbolik leisten sich nicht einmal Schülerzeitungen. Doch die „Weltwoche“ kalkuliert den Skandal mit ein. Die Auflagensteigerung rechtfertigt auch den Missbrauch namenloser Protagonisten. Sämtliche Hemmungen müssen sich der Macht der Darstellung unterwerfen.

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Wäre dieses Foto akzeptabel als Symbolbild für eine in „Menschenhandel involvierte Bevölkerungsgruppe“? (*)

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Der Videokommentar des stellvertretenden Chefredaktors und Mitautors Philipp Gut zum Cover ist erschreckend banal: „Es symbolisiert die stossende Praxis dieser Roma-Banden, dass sie eben oft  Kinder für ihre kriminellen Zwecke missbrauchen…“ Philipp Gut demonstriert damit, wie willkürlich die „Weltwoche“ mit Informationsmaterial umgeht und sie dem Aussagewunsch gemäss in neuen Zusammenhang stellt. Das Foto des Jungen mit der Pistole ist kein Symbolbild. Es stellt eine konkrete Situation mit einer real existierenden, nicht anonymisierten Person dar. Selbst wenn das Bild gestellt wäre, dürfte es nicht aus dem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und mit phantasierter Symbolik aufgeladen werden. Das ist verletztes Persönlichkeitsrecht.

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Publizistisches Säbelrasseln

Der Ton in Politik und Medien ist rauer geworden. Boulevard-Medien verletzen Persönlikchkeitsrechte unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit. „Einer der unausgesprochenen Skandale ist der Umstand, dass eine Vielzahl von Berichterstattungen in den Medien rechtlich eindeutig verboten ist. Das heisst, man kann im wahrsten Sinne mit Fug und „Recht“ davon sprechen, dass der bewusste täglich wiederholte Rechtsbruch Teil des Mediengeschäfts ist, ja sogar einen nicht unerheblichen Teil von ihm ausmacht“. (1)

Immer wieder an der Grenze zum Rufmord (oder darüber hinaus wie im Fall des Philipp Hildebrand) agierend, belegt die Weltwoche, „dass Journalisten ihre Kernkompetenzen der Recherche, des Kommentars und der kritischen Warnung aufgeben, um sich selbst als politische Strippenzieher zu betätigen. Oder dass sie den moralisierenden Grossinquisitor spielen, statt sich als „Dienstleute der Information“ zu bescheiden.“ Wie das Blatt Hetze als Rebellion ausgibt, ist  im Blog von Stefan Niggemeier beschrieben.

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Mission Weltwoche

Kritische journalistische Haltung – gerade auch jenseits von „Political Correctness“ – gehört zur funktionierenden Demokratie. Auch der Gesinnungsjournalismus der „Weltwoche“ findet in unserer Demokratie seinen Platz. Der Diskurs jedenfalls ist lebendig, wenn auch immer öfter fest gefahren. Die Fronten verhärten sich. Das ist Ausdruck zunehmender Polarisierung und deren Abwehr.

Die „Weltwoche“ flankiert die Bemühungen der SVP, Diskurs- und Konsensbereitschaft weiter zu unterwandern. Auf politischem Weg tut dies die Partei mit Initiativen (Gebührenmonster) und parlamentarischen Vorstössen (s. auch Aktion Medienfreiheit). Meinungsvielfalt und Innovation ohne staatliche Bevormundung und Verbote (sic) sei das Ziel, schreibt die „Aktion Medienfreiheit“. Um das zu erreichen wird das gut verankerte, duale Mediensystem der Schweiz attackiert.

Die „Weltwoche“ spielt mit. Ein paar Seiten nach dem Roma-Artikel ist ein Porträt über Roger de Weck („Mission de Weck“) zu finden. Der Generaldirektor der SRG wird als machthungriger Charismatiker beschrieben, der die gesamte Schweizer Medienlandschaft unter seine Schirmherrschaft bringen will. Es ist ein weiterer SRG-feindlicher Artikel, mit dem die „Weltwoche“ das Terrain für Natalie Ricklis „Gebühren-Monster“ Initiative ebnet.

Das rechts-bürgerliche Establishment um die SVP greift nach immer mehr Medienmacht. Nur so kann die Partei ihren Populismus noch konsequenter kommunizieren und verankern  – und den Wähleranteil von annähernd 30 % halten oder steigern. Dazu gehört die Mission „Weltwoche“. Man muss besorgt feststellen: sie ist auf Kurs.

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(*) Foto: Flüchtlingskind, Spanischer Bürgerkrieg (aus: „150 Jahre Fotojournalismus“, Band II, Hulton Deutsch Collection).

(1) aus „Persönlichkeitsrechte und Medien“ von Christian Schertz in „Rufmord und Medienopfer“)

(2) aus „Zwischen Ethik und Medienrecht“  von Peter Studer/ Rudolf Mayr von Baldegg in „Medienrecht für die Praxis“).

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