Die junge Frau im dunklen Hosenanzug wirkt etwas reserviert. Sie erzählt mir aus ihrem Leben. Sie ist in der Gegend aufgewachsen, fährt gern Ski und besitzt ein eigenes Haus. Und ich? Auch von mir will sie etwas erfahren… schliesslich möchte sie Partnerin in all meinen Lebensphasen sein.

Die Kundenberaterin freut sich, mich kennen zu lernen. Ich bin eingeladen, meine Anlagestrategie und Hypotheken-Erneuerung zu diskutieren. Seit 15 Jahren stehe ich in der Schuld dieser Bank. Damals erbte ich ein Haus, das mit einer Hypothek belastet ist. Ich bin privilegiert, gehöre wahrscheinlich zu den 20% der reichsten Erdbewohner.

Unter den 20% wohlhabender Erdbewohner sind die Privilegierten der Privilegierten – die Superreichen: „Im Jahr 1998 verfügten die 350 reichsten Menschen des Planeten über ein Vermögen, das höher war als die addierten Jahreseinkommen von mehr als der Hälfte der Weltbevölkerung.“ (Jeremy Rafkin, „Das Verschwinden des Eigentums“). 10% der Weltbevölkerung besitzen 85 % der Vermögen. Die Vermögens-Pyramide ist flach. Sehr sehr flach. Die Spitze wird immer kleiner, die Kluft umso grösser.

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Die Frau im Hosenanzug zeigt mir den Verlauf des Libor-Satzes. Das Auf und Ab der Weltwirtschaft, Tief- und Schicksalsschläge reduziert auf eine farbige ZickZack-Linie.

Während ich über meine monatliche Zinsbelastung nachdenke, werden in der Welt Minute für Minute Milliarden-Beträge vernichtet. Die Refinanzierung der in besseren Zeiten ausgeschütteten künstlichen Gewinne ist im Gang. Es ist eine gigantische Umverteilung von unten nach oben.

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Happiger Gewinn – hemmungsloser Konsum

Bessere Zeiten? Die Jahrtausendwende. Die Weltwirtschaft boomt trotz 9/11. Globalisierte Produktion und Warenhandel ziehen an.

Zwischen 1960 und 1980 wird steigt die Warenproduktion um das Fünffache.

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Ab 2000 wächst überproportional der Handel mit Finanzderivaten… 

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…die Produktivität verdreifacht sich innert 30 Jahren…

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…drei Mal höhere Bonuszahlungen –  innert 3 Jahren  – wie hier am Finanzplatz London…

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…und der Absatz von Luxusgütern explodiert – zum Beispiel Fahrzeuge von Bentley und Lamborghini.

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Ob Büroklammern, Tiefkühl-Nahrung oder Heissleim-Pistolen, die Aufzählung liesse sich beliebig fortsetzen. Bis hin zu den Schulden, zum Beispiel der USA…

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Nur die Durchschnittslöhne stagnieren oder schrumpfen gar leicht.

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Plakativ, diese Kurven. Sie zeigen: Der Konsum von Luxusgütern und Bonuszahlungen wachsen deutlich stärker als Produktivität und Durchschnittslöhne. Industriearbeiter und Dienstleistungsproletariat leisten immer mehr, profitieren aber kaum davon. Es scheint so etwas wie eine ökonomische Parallel-Welt zu existieren, „…ein monetäres Universum, das keine festen sozialen Grössen oder verlässliche Identitäten mehr kennt“ (Perry Anderson, „The Origins of Postmodernity“, zitiert bei Terry Eagleton).

Es ist die Welt des Kapitals, des globalen Handels, der Spekulation und der computergestützten Börsengeschäfte. Es offenbart sich, „…dass Banken wie die CS ihre Bilanz in guten Jahren auf groteske Art mit billigem Geld aufgeblasen haben. Auf diese Art lassen sich künstlich höhere Gewinne erzielen, die an die Mitarbeiter, vor allem ans Kader, ausgeschüttet wurden“. (Markus Städeli, NZZ am Sonntag vom 17.6.2012).

Trotz Subprime Krise und seither grassierendem „Crash in Zeitlupe“ hat sich kaum etwas geändert. Zur Schau gestellter Konsum ist nach wie vor salonfähig. Ob von Sport Utility Vehicles (einzig sinnvoll mit beladenem Pferdeanhänger) verstopfte Strassen, sich ausbreitende Gastronomie oder die Tourismusbranche (Kreuzfahrten für die Massen) – die Konsumindustrie expandiert, insbesondere im gehobenen Bereich.

Am anderen Ende der Skala können weniger rosig gebettete Schichten in Aldi, Media Markt oder Dönerbuden dem Konsumtaumel frönen. Billig produzierte Güter aus Fernost sind im Überfluss verfügbar. Unter dem Motto „Geiz ist geil“ hat dann auch Armseligkeit plötzlich etwas Erotisches und  „Ich bin doch nicht blöd“ zerstreut Zweifel gegenüber selbst stumpfsinnigsten Konsumräuschen.

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Von Schulden gut leben

Für das  Geld auf meinem Sparkonto erhalte ich 0.2 % Zins. Die Kundenberaterin findet, ich soll einen Teil meines Guthabens auf das berufliche Vorsorgekonto umlagern. Ich rechne nach: in den vergangenen 10 Jahren konnte ich rund 9’000 Franken an Zinsgeldern einstreichen. Im selben Zeitraum überwies ich der Bank 140’000 Franken an Hypothekar-Zinsen. Differenz zu gunsten der Bank: 131’000 Franken.

Das Urgeschäft der Banken mit langfristigen Krediten ist lukrativ. Und relativ sicher. Noch viel rentabler sind kurzfristige Investitionen. Am besten in deregulierten Märkten. Kapital ist hier äusserst mobil. Die Unvernunft wird systematisiert, die Risiken steigen. Die Folge sind Bank- und Finanzkrisen. Und da Profiteure solcher Krisen „to big to fail“ sind, eilt der Staat zur Hilfe.

Auch meiner Kundenberaterin stehen die Haare zu Berge.

Der Anthropologe und Vorreiter der Occupy-Bewegung David Graeber über die Immobilen-Krise von 2007: “ Man hatte armen Familien Hypotheken verkauft (…) und Wetten abgeschlossen, wie lange es dauern würde, bis die Kreditnehmer nicht mehr zahlen konnten. Die Hypotheken und Wetten hatte man dann zu Paketen verschnürt und an institutionelle Investoren verkauft mit der Behauptung, das Paket werde Geld einbringen, ganz gleich, was passieren sollte (…). Die Verantwortung für die Auszahlung der Wette wurde einem gigantischen Versicherungskonzern übertragen, der, falls er unter dem Gewicht der daraus resultierenden Schulden zusammenbrechen sollte, von den Steuerzahlern gerettet werden müsste“. (*1)

Teurer als die Rettungsmassnahmen sind die den Krisen folgenden Steuerausfälle und Konjunkturprogramme. Die Geld-Eliten kassieren mehrfach: zuerst dank riskanter Geschäfte, dann Steuereinsparungen und schliesslich Staatszuschüssen für den Wiederaufbau.

Der Kundenberaterin und mir bleibt die Spucke weg.

Durch die Umverteilung im grossen Stil steigen die Staatsschulden. Nach den Krisen der vergangen Jahre erfüllt kaum mehr ein europäisches Land die Maastrichter Kriterien. Das als Sündenbock angeprangerte Griechenland ist mit einer Schuldenlast von 165% des BIP noch nicht einmal Spitzenreiter. Zimbabwe soll eine Schuldenlast von gegen 300% des BIP tragen, Singapur oder Japan nagen an 200%. Kinkerlitzchen im Vergleich zur Verschuldung von Grossbanken.

Denn diese sind regelrechte Schuldenbomben. Die „Credit Suisse“ deckt ihre Bilanzsumme gerade mal mit 1.7% Eigenkapital („echt verlustabsorbierendes Kapital“, NZZ und NZZaS vom 17.6.2012). Von Warnungen der Nationalbank oder Hinweisen auf unkalkulierbare Risiken will sich niemand die Laune verderben lassen. Die „leistungsorientierten Vergütungen“ sind denn auch nach dem Einbruch von 2007 bis 2009  (s. Grafik oben) wieder kräftig gestiegen. Teilweise auf undurchsichtige Art. Das Motto: Diesmal wird aber wirklich alles anders.

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Wenn sich der Markt als „… beispielhafter Schauplatz zur Klärung eines anderswo unübersichtlichen und opaken sozialen Verkehrs präsentiert“ (*2), dann sind wir momentan Publikum einer der groteskesten Vorstellungen überhaupt.

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Reiche schonen

Zunehmendes Grummeln in der Gesellschaft. „Die Staatsschulden sind die verweigerten Steuern der Reichen“ und „ohne Umverteilung wird ganz Europa brennen“, schreibt Kurt Marti bei infosperberOccupy-Aktivisten besetzen Plätze in den Städten, die Griechen sagen „Die Sondersteuern fressen uns auf“ (*3) und verprügeln ausländische Arbeiter. Verständlich? Entschuldbar?

Die  Verlierer der Finanzkrisen – ob Latinos und Schwarze mit geringem Einkommen, Studentinnen aus unteren Schichten, der Mittelstand, griechische Rentnerinnen oder Jugendliche etc. etc. – werden von Politikern und Mainstream-Medien als Unruhestifter, Faulenzer, Nörgler, Verhinderer oder Unbelehrbare gebrandmarkt. Das sind gut vermittelbare, starke Bilder, die von den realen sozialen Problemen ablenken. Die waren Täter ernten derweil eher Mitleid und Verständnis. Zumindest sollen sie in Ruhe den Wiederaufbau voran treiben können und die Arbeitsplätze sichern. Es ist, als ob ich mir vom Zigarettenfabrikanten Zigaretten aufschwatzen lassen muss, obwohl ich schon längst an Lungenkrebs leide.

Business as usual? Ja! Seit dem Jahr 1800 haben sich 320 Staatsschuldenkrisen ereignet. Es wird immer so weiter gehen, wenn Gelderwerb vom Alltag abgekoppelt und von grenzenlosem Wachstum sowie enthemmten Rendite-Vorstellungen geprägt bleibt.

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Richtig umverteilen

Von den vom Kapitalismus produzierten Überschüssen darf nicht mehr nur eine Minderheit profitieren. Die bisherige Umverteilung von unten nach oben müsste angepasst, ja umgekehrt werden. Die Kluft würde bereits geschmälert, würde Leistungsgerechtigkeit wieder hergestellt in dem die Löhne an die Produktivität gekoppelt werden. Es braucht transparenteres Gebahren von Finanzindustrien und Volkswirtschaften sowie eine starke internationale Aufsichtsbehörde, die regulierend eingreift.  „Der Wettbewerb ist (…) ein geschichtliches Ziel, das eine ebenso aktive wie resolute Politik verlangt. Er appelliert an eine Regierung, die seine Spielregeln diktiert, deren Einhaltung überwacht und die Mitspieler zum Mitspielen aktiviert“ (Joseph Vogl, „Das Gespenst des Kaptials“).

So weit ist es noch nicht. Krise ist ja stets wo anders.

Die Kundenberaterin rät mir, möglichst rasch den Folgevertrag für meine Hypothek zu unterzeichnen. Da ich jetzt 4 Monate vor dem regulären Termin abschliessen würde, wäre ein kleiner Aufschlag von 0.1 % fällig. Und zwar über die ganz Vertragsdauer, also die kommenden 10 Jahre. Profitieren würde ich sowieso, bei dem Zinssatz auf historischem Tiefstand. Sagt die Frau im Hosenanzug.

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Nachtrag vom 23. Januar 2014

Steuerzahler schützen

Im Interview mit der NZZ vermeldet Mario Draghi von der Europäischen Zentralbank (EZB), die Steuerzahler würden zukünftig nicht mehr für die Banken die Zeche begleichen müssen. Oder nur, wenn es nicht mehr anders ginge…

NZZ: „Und für die anstehende Bankenprüfung, denken Sie, werden die Regierungen für Banken in Schieflagen aufkommen?“ MD: „Ja, sie haben sich dazu verpflichtet sowohl auf der Ebene der Staats- und Regierungschefs als auch auf der Ebene der Finanzminister. Zudem gibt es heute klare Bail-in-Regeln, die die Gläubiger der Banken in die Pflicht ziehen werden. Die hatten wir bei Ausbruch der Krise noch nicht. Künftig sollen nicht mehr die Steuerzahler für Bankenpleiten aufkommen.“

NZZ: „Sind Sie optimistisch? Die Steuerzahler werden nicht mehr zur Kasse gebeten?“ MD: „Das ist keine Frage des Optimismus, die neuen Regeln schützen die Steuerzahler einfach viel besser. Ich bin zuversichtlich, dass die Bail-in-Regeln eingehalten werden und Steuergeld wirklich nur noch das allerletzte Mittel sein wird.“

Bevor europäische Banken den Stresstest der EZB bestehen sollen, dringt das Ergebnis einer Horror-Studie an die Öffentlichkeit: den Banken fehlten 770 Milliarden Euro. Das billige Geld, das die EZB in die Märkte schleust, komme dort zwar an, sagt Draghi im Interview, aber noch erreiche es zu wenig die Realwirtschaft. Wo bleibt das Geld dann…?

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(*1) David Graeber: „Schulden“

(*2) Joseph Vogl, „Das Gespenst des Kapitals“

(*3) Reportage vom Elena Panagiotidis in der NZZ vom 16.6.2012

Grafik-Daten: forum.finanzen.net, usgovernmentspending.com, Volkswagen AG, Bundeszentrale für politische Bildung (www.bpb.de)

Fotos: Ferienvilla Olya (osemlak.com). Slum Jakarta (wikipedia), Tata Nano, Maybach, Balkonpublikum Street Parade (cuirhomme), Quartierstrasse Al Quasir (cuirhomme)

Artikel von Daniel Binswanger Und was nun? (DAS MAGAZIN, 34/2011)

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Unser Wirtschaftssystem basiert auf der Anhäufung von Schulden

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