Sie sind Kulissen für Roadmovies, Thriller und Western… Von Wim Wenders über David Lynch bis hin zu Florian Froschmayer bedienten sich ihrer die Regisseure. Die Stories der Easy Riders, Natural Born Killers, der Bonnies und Clydes handeln in den Landschaften Amerikas. Sie sind Seelenraum und Projektionsfläche für Sehnsüchte und Phantasien. Sie wurden niedergerungen von Helden, die Kuhherden über verschneite Pässe trieben, verteidigt gegen ausserirdische Eindringlinge oder durchwandert von verlassenen Seelen.

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Im „Western-Movieland“ Alabama Hills bei Lone Pine, 4,8.2012 (1)

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Die USA galten als „Neue Welt“ und das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Was bleibt jenseits von Klischee und Mystifizierung? Was bleibt zu entdecken, nach all den Büchern und Liedern, die wir von diesem Teil der Welt in uns aufgenommen haben? Im Sommer 2012 erfahren wir den Westen Amerikas. Wir fangen „Schnappschüsse der Wirklichkeit“ ein. Die Landschaft schreibt die Story. Sie beginnt am 18. Juli 2012 mit der Ankunft in Los Angeles International Airport – einem der 17 Flughäfen dieser Stadt.

18.7.2012 Zürich – London – Los Angeles (2)

19.7.2012 Los Angeles

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Die endlos wuchernde Kleinstadt

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Santa Monica und Downtown Los Angeles, 19.7.2012

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Dank Navigationsgerät bewegen wir uns schnurstracks durch Los Angeles unüberschaubares Strassengeflecht. Hier gibt es kein Zentrum, nur Strassenkreuzungen und Ballungen von Interessen, sozialen Schichten, Ethnien. Es ist die Stadt der unsichtbaren, jedoch scharf gezogenen Grenzen. Von den Hochhäusern des Geschäftszentrums in Downtown zur trostlosen Skid Row sind es nur ein paar Blocks.

Die Übergangszone bilden zuerst schicke Boutiquen und Bars – hier treffen wir niemanden über 30, offenbar alles Stylisten, Trendforscherinnen oder Mode-Bloggerinnen – dann jüdische Kleiderläden – pro Anzug 50 Dollar, 2 Anzüge inklusive ein Paar Schuhe für 99 Dollar – und schliesslich die Stoffläden, die bis zur Wall-Street reichen. Auf der anderen Strassenseite die Obdachlosen und Armen, die allein Gelassenen, die im Schatten der Mauern sitzen und warten, bis sie die mit Karton, Papier und Pet gefüllten Einkaufswagen in ein paar Dollars umtauschen können. Grummeln und Rufen der Hungrigen hängt über der Menschenschlange vor der Union Rescue Mission.

20.7.2012 Los Angeles – Joshua Tree National Park – Lake Havasu City

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Route 62 und Granite Mountains, 20.7.2012

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Mechanische und meteorologische Thunderstorms

Ab Twentynine Palms schmiegt sich die State Route 62 während rund 160 km an unbewohnte, karge Landschaft. Mit dem Sonnenuntergang im Rücken wird die Fahrt zu einem überwältigenden Trip. Ständig wechseln die Farben, die Luft flirrt, völlige Stille. Fluoreszierende, aquarellierte Himmel im Morphingmodus. Immer wieder halten wir an, blicken zum Horizont, an dem die Hügelketten kleben, tippeln über den heissen, rauen Wüstenasphalt als wäre verkehrsfreier Sonntag und drehen uns um, der Sonne entgegen, die sich langsam in der Ferne zum Pazifik hin senkt. Nach rund 3 Stunden – kurz bevor wir die Route 95 kreuzen – flackern vom Horizont her die ersten Schweinwerfer des tröpfelnden Gegenverkehrs.

Die letzte Zapfsäule passierten wir vor 5 Stunden. Nie beobachteten wir die Tankuhr intensiver. Wie präzis mag der gemietete Dogde die Füllung anzeigen? Der Sprit reicht schliesslich bis Parker. Abends um 21.30 tanken wir voll und löschen den Durst. Kühles Bier bekommen wir nur gegen Ausweis. Die Flasche muss ich in Papier gehüllt aus dem Shop tragen. Die Lady an der Kasse warnt noch davor, den Alkohol von den Kindern raustragen zu lassen.

Um 22.30 suchen wir in Lake Havasu City unser Hotel. Trotz düsterer Nacht ist es immer noch 40 Grad warm.

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Rotary Beach, Lake Havasu City, Arizona, 21.7.2012

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Lake Havasu City und der See sind ein Vergnügungs-Mekka für mehr oder minder betuchte Amis. Überall Kingsize Trucks, die gigantische Motorboote der Kategorie Albert II. von Monaco mit sich ziehen. Am Seeufer gurgeln die 1000 PS-Diesel-Aggregate. Es riecht nach Rennbox oder Durchgangsstrasse während der Rushhour. Wir mieten uns zwei Jet-Skis für eine vergnügliche Ausfahrt in spektakulärer Landschaft. Nur die mit ihren Wahnsinnsbooten Rennen fahrenden Cowboys haben etwas Bedrohliches. Mit stampfendem Grollen pflügen sie wie ein brüllendes Gewitter an uns vorbei über den See.

21.7.2012 Lake Havasu City – Oatman – Flagstaff

22.7.2012 Flagstaff – Grand Canyon – Tuba City – Moenkopi
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Tristesse mitten im Navajo Nation Reservation. Auf dem Parkfeld des Shopping-Centers in Kayenta kurven geheimnisumwittert Hopi-Männer in zerbeulten Trucks herum. Wonach halten sie Ausschau? Ein untersetzt verhuschter Mann streckt uns billigen Ohrschmuck entgegen, zeigt auf Mund und Ohren und gibt sich taubstumm. Wir wechseln das Plastik-Stück gegen einen Fünfer. Er umarmt uns alle und schleicht geduckt davon.

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Kommerzzone bei Tuba City, Arizona, 22.7.2012

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Den Reistopf vom Chinesen essen wir nicht auf dessen Take-Away Terasse, denn da hat sich eine alte, von verknotetem Haar verschleierte Frau hingesetzt. Sie hat einen Einkaufswagen voller vergammelter Tüten neben sich, ihre vier zerzausten Hundemischlinge streichen geduckt um das klapprige Tischchen. Der Chinese will die Frau bereits weg schicken, um für uns den Platz frei zu bekommen. Wir gehen zurück zum Dogde um dort auf einem Mäuerchen sitzend zu essen. Da kommt der Taubstumme wieder geschlurft und meint, für einen Dollar würde er für uns ein Lied singen.

Im Moenkopi Desert Inn (Moenkopi) sind Zeichungen der Künstlerin Leland Dennis ausgestellt. Naturbilder, Masken, Symbole. Wir kaufen uns eine Zeichnung, das Bildnis der „Squash Maiden“. Hier im Hotel sind wir umgeben von Indianerkunst, draussen herrscht die Ödnis einer amerikanischen Kommerzzone mit Leucht- und Plakatwerbung, Shopping-Center, Imbissbuden. Ausserhalb der Stadt dann: verlassene Gebäude, Autowracks, Rostlauben, Trümmerbehausungen, ausgehungerte, kläffende Hunde.

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Landhaus bei Kayenta, Arizona, 22.7.2012

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Der Himmel färbt sich drohend dunkelgrau bis schwarz. Eine Gewitterzelle kreuzt die Interstate ein paar Meilen nach unserer Durchfahrt. Heisse Winde an deren ausschweifenden Rändern kitzeln uns. Über diesen Landstrich fegen regelmässig Thunderstorms, deren Wasserläufe die Steppen- und Wüstenböden zerfurchen.

Im Wetterbericht sehen wir die Temperaturen der kommenden Tage. Vor allem aber interessiert, wo Thunderstorms zu erwarten sind. Der Moderator nennt jede Region, in der in den nächsten Stunden solche Unwetter mit starken Winden und heftigen Niederschläge durchziehen. Tödliche Flash Floods können ganze Landstriche zerstören.

23.7.2012 Moenkopi – Monument Valley – Valley of the Gods

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Nähe Monument Valley, 23.7.2012

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Bröselnde Berge – höllische Kneipen

Feinster Sand unten im Monument Valley. Reger Verkehr auf dem holprigen Weg, Geländewagen, Limousinen, Wohnmobile. Tiefe Rinnen durchqueren den letzten, steilen Streckenabschnitt. Die vier Räder des Dodge wühlen sich schnaubend durch den roten, mehligen Sand. Ein Rätsel, wie es die üppigen Wohnmobile mit ihren kleinen Rädern hier hoch schaffen. Sie schaukeln über die tiefen Dellen der Piste. Väter kurbeln schwitzend am Lenkrad und Mütter krallen sich an den Türchen der Geschirrschränke fest. Balancierend versuchen sie heraus schmetternde Gläser und Teller abzufangen.

24.7.2012 Valley of the Gods – Hanksville -Torrey

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Moki Dugway, die Zufahrt zum Valley of the Gods, 24.7.2012

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Das einzige Haus im hinreissenden Valley of the Gods bietet Bead&Breakfast und ist eine Oase für Touristen. Wir kommen am Abend an und sitzen staunend auf der Terrasse. Weit weg toben Blitze. Lautlos. Das Blau-Grau des Himmels versinkt allmählich in tiefster Schwärze, durchdrungen von der gleissenden Messerklinge des Sturms. Gebaut wurde das Haus vor über 60 Jahren. Deren Besitzer hielten Pferde und vermieteten sie an die Filmindustrie, die in der Wüste Western-Filme produzierte. Mit der Flaute des Genres verloren die damaligen Eigentümer ihre Jobs.

Die Restaurants und Bars in der Gegend tragen Namen wie „Cafe Diablo“. Claire vom Bead&Breakfast erklärt uns warum: Je weiter die Menschen gegen Westen reisten, desto mehr von ihnen starben an den Strapazen… Hier schimmert er wieder, dieser Mythos des zu erobernden Landes. Oder waren es solche Geschichten, die den Stoff für die Filme hergaben?

Wir schätzen derweil eine der cleversten Erfindungen der Autobranche: Speed-Control. Fahrend übersetzen wir in einen Trance ähnlichen Zustand.

25.7.2012 Torrey – Escalante – Bryce Canyon

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Hinterland bei Torrey, Utah, 25.7.2012

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Am Morgen rattert ein Telefon unzählige Male ins Leere, dann ein knarzendes Bett und die Kinder nebenan lachen. Sind die Wände des Motels aus Pappe? Immerhin dringen die Geräusche nur von der Seite und nicht auch von unten oder oben hierher. Das Rim Rock Inn Motel ist insgesamt jedoch angenehm. Die Betten komfortabel, frisch duftend. Herrliche Aussicht auf der eine Seite zu den glutroten Felsen des Capitol Reef Nationalparks, auf der anderen in den pittoresken Garten und zu den tanzenden Kolibris. Das Motel mit seinen dunklen Holzwänden und den grünen Türen fügt sich wie eine Schlange unauffällig in die Landschaft um Torrey.

26.7.2012 Bryce Canyon- Page

Zurück von den in Zeitlupe zerbröckelnden Bergen des Colorado Plateaus ans Wasser des gestauten Colorado River in Page am Lake Powell. Das Thermometer zeigt abends um 22 Uhr immer noch 35 Grad an. Rot-gelb-braun leuchtende Felsen und unten in der Tiefe der blau-grün funkelnde See. Wasser ist Leben – der Kontrast zwischen dem fliessenden Wasser und dem heissen, trockenen Gestein offenbart das beinah schmerzlich.

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Nähe Marina Hite und Page am Lake Havasu, 26.7.2012

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Am Abend sitzen wir im Pizza Hut und errechnen den Prozentanteil der Trucks – grosse 4-Türer mit Ladefläche – am Autoverkehr. Es sind rund 70 Prozent. Die Trucks gleiten gemächlich blubbernd über die nahe Kreuzung. Auf der anderen Seite der Strasse spielt eine Band auf einem Parkplatz frei und beherzt Rock-Klassiker. Wir essen Pizzas aus dem Karton. Alle haben es sehr eilig, sogar die Touristen. Doch so lange keine Europäer dazukommen, gibt es keine Drängelei. Erstaunlich, wie gelassen die Amis sich überall in die Schlange stellen. Statt sich zu nerven, beginnen sie miteinander zu schwatzen.

Bloss ein Tischwechsel im Restaurant verwirrt, denn die Servicezonen sind exakt zugeteilt. Allen Serviecangestellten werden gleich viele Gäste zugeordnet. So ist nicht nur die Arbeit gleichmässig verteilt, sondern auch die Trinkgelder, die Bestandteil der Entlöhnung sind.

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Einiges Wagnis für das beste Bild am Horseshoe Bend, 27.7.2012

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Luxus im Vogelnest

Die Dörfer erinnern an Vogelnester. Irgendwo im Geäst versteckt, kaum zu erkennen, bis wir es plötzlich durchfahren. Voraus gestreut einzelne Hütten, manchmal zerfallen und verlassen, dann wieder stattlich und herausgeputzt. Nach der nächsten Kurve oder hinter einem Hügel verdeckt, liegen die Häuser des Ortes unter Schatten spendenden Bäumen mit ihren vorgelagerten Terrassen. Stühle neben dem Eingang, Spielgerät, auch Land- oder Baumaschinen oder abgelagertes, altes Zeugs im Vorgarten. Von sorgsam gemähtem Rasen umgeben: die Kirche. Stets mit genügend Parkplätzen seitlich oder im Hintergrund.

27.7.2012 Page – Horseshoe Bend – Kanab – Mount Carmel

In einem dieser Nester – Mount Carmel – baden wir im Luxus. Bei 30 Grad Temperatur im noch wärmeren Sprudelwasser sitzend, verfolgen wir den Sonnenuntergang. Die Farben der Hügel wechseln von leuchtend rot-gelb zu mattem Grau-Gelb. Dazwischen kühlen wir uns im Pool bei ein oder zwei Längen ab, tippeln zurück ins heisse Wasser des Jakuzi und bleiben bis es finster ist. Die Nacht der Krösusse kostet uns im Best Western Motel von Mount Carmel 140 Dollar. Günstig für annähernd unbegrenzte Möglichkeiten.

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Motel-Pool, Mount Carmel, Utah, 27.7.2012

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28.7.2012 Mount Carmel – Zion National Park – Springdale

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Der Cowboy ist bei der Army

Wir sitzen in zerschlissenen Korbsesseln am Ufer des Virgin River. Der lauschige Sandplatz gehört zur Cliffrose Lodge in Springdale. Ein paar Kinder in Luft-Schläuche gefläzt, schweben auf dem gemächlich fliessenden Wasser. Ich denke an Western Filme, in denen nach einem langen Ritt durch die Prärie die Helden am Fluss rasten. Fehlt also nur noch der Cowboy, der auf seinem Pferd vorbei stolpert und uns zu einem Teller Bohnen einlädt.

Und tatsächlich, da taucht er auf. Er heisst Marc, trägt Shorts und hält eine Bierdose in der Hand. Er spricht und trinkt ziemlich viel. Marcs Freund Dennis kommt hinzu. Er ist am ganzen Körper tätowiert, trägt Zeichen der Erinnerung an Einsätze im Irak am Unterarm. Wir unterhalten uns, trinken Bier.

Später treffen wir am Pool wieder aufeinander. Das mündet in eine kleine Party mit der ganzen Familie – Grosseltern, Enkelkinder etc. – und reichlich Bier. Dennis springt mit zwei Schwimmschläuchen um den Bauch in den Pool. Er kann nicht schwimmen. Das hindert ihn nicht daran, mit der Bierdose in der Hand und in seine Schläuche gelehnt zwischen den anderen Gästen zu schaukeln. Es ist eine lustige Truppe, die uns immer wieder darauf hinweist, dies und das und vor allem sie selbst, nicht zu ernst zu nehmen.

Wir erfahren einiges über Marcs und Dennis Amerika, über Waffenbesitz, den Columbus-Schwindel – Felder in Amerika seien bereits 125 Jahr vor Columbus kommerziell genutzt und Tabak nach Europa verschifft worden – und die verfälscht dargestellte Geschichte der Indianer in den Schulbüchern.

29.7.2012 Zion National Park (Springdale)

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Reisegruppen in hüfttiefem Wasser

Wir gehören zu den 3 Millionen Besuchern, die jährlich in den Zion Nationalpark strömen. Vor unserem Hotel in Springdale stoppt der etwas ulkig anmutende Pendelbus zum Park. In ihm fahren wir eine halbe Stunde durch liebliche Landschaft mit Flüsschen, Laubbäumen, viel Grün, die durch leuchtende, beinah senkrecht aufsteigende Felswände begrenzt ist. Durch die Dachluke des Busses kann ich den oberen Rand der Wand und die dort wachsenden Bäume sehen.

An der Endstation folgen wir den anderen Touristen und gehen den asphaltierten Fussweg, bis er an einer Flusskehre endet. Dann stapfen wir mit einer Hundertschaft anderer Wanderer durch das Bachbett. Die meisten von ihnen tragen geschlossene Schuhe oder verstärkte , spezielle „Fluss-Sandalen“, die oberhalb des Fussgelenkes mit Klett verschlossen sind.

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Zion National Park, 29.7.2012

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Wir versuchen es barfuss. Die Steine im Wasser des North Fork Virgin Rivers sind gross und nicht allzu rutschig. Wir wollen den Flusslauf hoch, bis er sich zwischen den 200 Meter hohen Felswänden so sehr verengt, dass es kein Weiterkommen gibt. Wir waten in bis zum Nabel reichendem Wasser. Rucksack und Fototasche balancieren wir auf dem Kopf. Die Szenerie erinnert an Menschen in Überflutungs-Gebieten, die ihre Habseligkeiten ins Trockene bringen. Die meisten Wanderer kehren an dieser Stelle um. Etwa nach einem Drittel der Strecke – an einer herrlichen Flusskehre – baden noch rund ein Dutzend Holländer, Franzosen… und wir. Auch wir werden umkehren. Die Kraft in den Füssen lässt nach, öfters rutschen wir aus und Proviant fehlt, mit dem wir uns wieder aufpäppeln könnten.

Eine zünftige Fussrefelexzonen-Massage war das. Allerdings brennen die Waden hinauf bis zu den Knien.

30.7.2012 Springdale – Valley of Fire – Las Vegas

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Valley of Fire, 30.7.2012

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Kurz vor Las Vegas ein Abzweiger ins Valley of Fire. Die State-Park Entrittsgebühr versenken wir in ein Couvert verschlossen in einem rostigen Stahlkästchen – wie beim Salatkauf auf dem Acker des Gemüsebauern. Wir klettern auf Gesteinsformationen, die aussehen wie riesige Rindsbraten auf denen Häufchen von Pfefferkörner verstreut sind. Ein wunderbares Gefühl, barfuss auf dem warmen, von Wind und Niederschlägen geschliffenen Steinen zu gehen.

31.7.2012 Las Vegas

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Die Stadt als Kulisse

In der Nacht hat es in Las Vegas geregnet. Auf den umliegenden Parkhaus-Dächern staut sich das Regenwasser zwischen den parkierten Autos. Nach dem ersten, Stunden langen und anstrengenden Spaziergang den „Strip“ entlang, schlafen wir bis tief in den Vormittag. Es ist dunstig und nicht mehr so heiss wie in der vergangenen Nacht.

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Las Vegas,Nevada, 30.7.2012

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Das Hotel The Orleans an der West Tropicana Avenue liegt abseits vom Strip und ist die Hotel- und Spielburg für die unteren Klassen. An den Spielautomaten und in den Restaurants auffällig viele Rentner, farbige Junge in Baseball-Spieler-Klamotten, Familien mit kleinen Kindern und Übergewichtige, die den Tag auf ihren elektrischen Rollstühlen verbringen, müssen sie sich nicht zwingend kurz erheben – zum Pinkeln, zum Zahlen an der Kasse. In den Hallen breitet sich ein Geruch aus, den ich nicht mehr vergesse: Die Mischung aus abgehalftertem Teppich, Zigaretten-Rauch und Parfüm. Einmal noch entdecke ich in einem anderen Etablissement den identischen Geruch.

Am Las Vegas Boulevard – dem Strip – dominiert penetranter noch als in anderen Vergnügungsvierteln oder Einkaufsstrassen der pure Wettbewerb. Ständig lockt der Geldeinwurf. Eine Welt ausserhalb der Hingabe ans Spiel wird gezielt ausgesperrt. In den riesigen, verwinkelten Spielhallen gibt es keine Nacht und keinen Tag. Die Damen in Straps servieren fleissigen Spielern die Gratisdrinks um 9 a.m. genau so wie um 9 p.m. Melancholische Groupiers halten immer einen Tisch für’s Roulette bereit. Das Ziel ist der Kontrollverlust. Auch auf der Strasse: hier stehen in kleinen Gruppen Latinos, die Zettel mit Bildern und Telefonnummern von Tänzerinnen verteilen. Die Prostitution ist in Las Vegas illegal, doch sind wir uns sicher, dass unzählige der aufreizend gekleideten, jungen Frauen nicht zum Vergnügen hier sind.

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Las Vegas, 31.7.2012

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Spät am Abend bummeln wir duch The Forum Shop im Cesars Palace. Innen mediterranes, rekonstruiertes Ambiente mit Sonnenuntergang und Dämmerungshimmel am Gewölbe inklusive Springbrunnen. Aussen eine 10 Meter hohe, fensterlose Halle. Wir verirren uns im Service-Bereich zwischen Container-Kolonnen, Mitarbeiter-Zugängen und Grenzmauern. Ein Mann schlurft in Arbeitskleidung mit Lunch-Paket unterm Arm zur Nachtschicht.

Anders als all die themenorientierten Komplexe ist das City Center frei von Kitsch und Kulissen-Firlefanz. Ein atemberaubender, faszinierender Gebäudekomplex, strahlend, gigantisch und dennoch luftig leicht. Ein berauschender Mix aus Formen, Mustern und Farben, aber auch die opulente, breitbeinige Präszenz von überquellenden Geldströmen.

1.8.2012 Las Vegas – Death Valley – Panamint Springs

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Farbrausch in der Wüste

Im Hochsommer durch das Tal des Todes zu fahren soll riskant und anstrengend sein. Nichts dergleichen. Trotz 43 Grad ist es selbst für einen kurzen Spaziergang auf rauem, verwitterten Gestein nicht zu heiss. Es wird aber nachvollziehbar, wie sich starke Temperaturschwankungen auf Steine und Pflanzen auswirken. Kaum Leben, dafür gleissende Farben verstreut über bizarre Flächen und Formen. Dieses Tal prägt sich so dringend ins Bewusstsein, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis es auch zur Filmkulisse, ja zum Gegenstand von Filmen wurde – Zabriskie Point. Mehr als das Death Valley berauscht kaum ein Landstrich.

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Zabriskie Point, 1.8.2012

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Es ist der Schweizer Nationalfeiertag. Daheim steigen jetzt die Raketen in den Himmel, Böllerschüsse verängstigen Hund und Katz, rauchgeschwängerte Luft. Wir verbringen den 1. August im Death Valley – wie passend. Unser Feuerwerk strahlt ohne Unterbruch und permanent. Der Vollmond hängt saftig wie Vanille-Eis über uns und erhellt die Wüste. Wir liegen mitten auf dem Nadeau Trail (Highway 190) wie auf einem orthopädischen Bett. Der grobe, aufgewärmte Asphalt massiert sanft den Rücken. Der Mond überstrahlt den Sternenhimmel, im Gegenzug erleuchtet er matt das ganze Tal.

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Tankstelle/Reception, Panamint Springs, Kalifornien, 1.8.21012

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Das Motel in Panamint Springs – der Ort ist nichts weiter als Tankstelle, Restaurant, Motel und Camping-Platz – ist ziemlich ausgeleiert aber sauber und es gibt fliessendes Wasser, deftiges Essen und über 150 verschiedene Bierflaschen im Eisschrank. Ein Paradies für Wüstensurfer.

2.8.2012 Panamint Springs – Mammoth Lakes

3.8.2012 Mammoth Lakes

Mammoth Lakes sich als Wintersport-Ort vorzustellen fällt im Sommer schwer. Naturwunder auch hier. Der Horseshoe Lake ist von gespenstischer Landschaft umgeben. Als ob ein Meteorit eingeschlagen hätte. Der Wasserstand des kleinen Sees ist abgesackt und gibt einen von feinem Kiesel überzogenen, sanft abfallenden Strand frei. Das Ufer ist umhüllt von einem Wald aus Baumskeletten. Wir sind auf 3000 Metern über Meer, Atembeschwerden erinnern daran. Die Lufttemperatur erreicht hier oben Anfang August 26 Grad, doch das Wasser des Sees ist zu kalt zum Baden.

Angenehmer ist es im June Lake rund 30 Meilen den Three Flags Highway weiter Richtung Norden. Kurz vor June Lake zweigen wir ab, um den Obsidian Dome zu erklimmen – ein 20 Meter hoher Lavastrom (teilweise aus Glabasalt) – der sich vor etwa 700 Jahren hier in den Wald geschoben hat. Zum Abschluss wagen wir das Bad in einer heissen Quelle (Natural Hot Spring) in der Nähe von Mammoth Lakes. Ein halbes Dutzend Naturereignisse im Umkreis von 30 Meilen – und alle frei zugänglich, ohne kommerzielle Ausbeutung.

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Heisse Quellen in der Nähe von Mammoth Lakes, Kalifornien, 3.8.2012

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4.8.2012 Mammoth Lakes – Mono Lake – Yosemite – Merced

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Schweizer Brocken

Am Eingang zum Yosemite Nationalpark begrüsst uns der Ranger mit „welcome home“. Und so ist es. Die Landschaft erinnert an das Engadin, wären da nicht diese nackten hellgrauen Blöcke, die aus den Wäldern ragen.

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Seilschaft in der Wand des El Capitan, 5.8.2012

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Am El Capitan dann einige Aufruhr. Mehrere Feuerwehr- und Polizeiwagen blinken, Menschen stehen auf der Wiese und schauen zur 1000 Meter langen, senkrecht aufragenden Wand. Etwa in der Mitte des Granitblocks entdecken wir eine Seilschaft. Uns wird vom Zusehen schwindlig. Feuerwehr und Polizei ziehen allmählich ab, auch das Publikum setzt sich wieder in die Autos und fährt davon. Blinder Alarm? Wir schauen weiter nach oben und staunen.

Die Fahrt aus dem Park in Richtung Merced führt zuerst durch Schluchten, die an das Tessin erinnern. Nach Mariposa mündet der Central Yosemite Highway plötzlich in die fruchtbare Ebene des San Joaquin Valley mit endlosen Pistazien-, Mais- und Pflaumen-Plantagen.

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Yosemite Nationalpark Richtung Mariposa, 5.8.2012

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5.8.2012 Merced – Monterey – Carmel

Von glasklarem Licht und Sonnenschein in Merced und den glitzernden Bewässerungskanälen fahren wir in die Wolkenschwaden, die an den Rundungen der Santa Cruz Mountains und dem Gabillan Range hängen. Die Schwaden dringen vom rund 40 Meilen entfernten Pazifik gegen das Festland und stauen sich hier. In Monterey parkieren wir den Dogde für ein paar Stunden am Ocean View Boulevard, gehen essen und sehen uns das Monterey Bay Aquarium an. Als wir zurückkehren klemmt ein Busszettel unter dem Scheibenwischer. Ich habe mehr als 18 Inch vom Randstein entfernt (aber immer noch im Parkfeld) und dazu in der falschen Richtung parkiert. Ein sehr enges Regelwerk diszipliniert den amerikanischen Verkehr.

Dafür scheint jetzt die Sonne wieder. Doch um am Strand von Carmel zu baden ist es zu kühl. Hier, wo Clint Eastwood in den 80-Jahren als republikanischer Bürgermeister amtete, sind die Betuchten zuhause. Die Herren tragen am Strand rosa Hemden oder weisse Pullover. Nach dem Spielball des Hundes müssen sie sich nicht bücken, sondern heben ihn mit einer Art Katapult auf und schwingen den Ball weit über den weissen Sand. Vater und Mutter drapieren ihre dünnen Töchter wie Fotomodelle und beide – Vater und Mutter – fotografieren gleichzeitig die Mädchen im hellen Strandlicht. Über den ganzen Hügel sind Villen verteilt. Sie sind umgeben von sorgsam geschnittenen Lorbeer- und Tuja-Sträuchern und prächtigen Gärten. Viele Häuser erinnern an Bauten aus Disney- oder Fantasy-Filmen wie Lord of the Rings.

Im Navigationsgerät geben wir die Adresse eines Steakhouses ein, stossen dann aber auf ein Restaurant mit typischer Schweizer Küche. Hier finden wir uns in gänzlich heimischen Ambiente wieder, rustikal ausgestattet mit Kuhglocken, tessiner Boccalinos und gemalten Alpaufzügen. Wir amüsieren uns und bestellen Anfang August Käse- und Fleischfondue.

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Häuser entlang dem Highway No.1, südlich von Carmel, 6.8.2012

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Villen und Wale

Der Highway No. 1 zwischen Carmel und Gorda schlängelt sich der Küste entlang durch den paradiesischen Los Padres National Forest. In den Hügeln über der Küste sind locker verstreute Häuser zu entdecken. Sie mögen Filmstars, Drehbuch-Autoren oder Hedge-Fonds Managern gehören. Extravagante Villen, architektonische Schmuckstücke, exklusive Aussteiger-Domizile. An vielen Grundstück-Zufahrten sind Maklerschilder angebracht. Der Ruhm verblasst rasch.

Die Strasse verläuft sehr kurvig durch dichten Wald. Die 100 Meilen bis San Simeon sind bis auf die sich klandestin duckenden Villen kaum besiedelt. Besonders eindrücklich ist der Abschnitt zwischen Point Lobos und Cape San Martin. Immer wieder öffnen sich phantastische Ausblicke zur Küste.

6.8.2012Carmel – Pismo Beach

7.8.2012 Pismo Beach

Bei Sonnenuntergang sitzen Menschen verstreut und einsam am leeren Strand von Pismo Beach und schauen zur offenen See. Die Möwen picken Tüten mit Abfällen aus den Kübeln. Vom Pier dringt die Stimme einer Sängerin herüber. Unter unserem Balkon schlendern Paare, Jugendliche und Familien den Strandweg entlang, viele ältere Menschen tuckern mit ihren elektrischen Rollstühlen durch die Menge.

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Promenade, Pismo Beach, Kalifornien, 7.8.2012

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Am nächsten Vormittag schauen wir ein letztes Mal hinaus zum Pazifik. Vogelschwärme ziehen der Küste entlang gegen Norden. Wir möchten uns schon abwenden, um mit dem Dodge in die letzte Reise-Etappe einzufädeln. Ein letzter Blick zurück und wir entdecken wenige Hundert Meter vom Strand entfernt einzelne Wasserfontänen aus dem Wasser steigen. Nur wenig weiter draussen, als die Angelhaken der Fischer vom Pier ins Wasser reichen, tummelt sich eine Gruppe von Buckelwalen. Tausende von Vögel begleiten sie. Ständig kommen neue Vogelschwärme dazu. Wir stehen am äussersten Ende des Piers, wo die Fischer unbeeindruckt ihre Leinen auswerfen.

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Buckelwale vor Pismo Beach, 8.8.2012

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8.8.2012 Pismo Beach – Los Angeles

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Zurück zum Film

Vor dem Chinese Theatre in Hollywood stehen die Look-a-Likes im Schichtbetrieb. Den Charlie Chaplin vom Vormittag erkennen wir nicht wieder. Er trägt zwar Melone, Stock und Schnauzer wie derjenige von gestern Nacht, hat aber einen ganz anderen Charakter, ist eher ruhig, schüchtern und zögerlich. Chaplin, Michael Jackson und Spiderman bedecken ihre Maskerade mit der Hand. Nur wer zahlt, darf die Show ablichten.

Hier holt uns alles wieder ein, was wir an verklebter Geschichts- und Fantasy-Patina glaubten hinter uns gelassen zu haben: überspanntes Posing, Ramsch und Maskerade. Hier ist alles wieder nur noch Film oder ein Abklatsch dessen, was nach dem Abspann davon übrig bleibt.

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Das Charlie Chaplin Double der Tagesschicht, Hollywood, 9.8.2012

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9.8.2012 Los Angeles – London – Zürich

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Entledigte Amerikanismen

Alles Amerikanische war mir suspekt, häufig ein Greuel: die Cowboy-Stiefel, Country-Musik, die Kriege, die Überheblichkeit, die dicken Schlitten, die Hegemonie und das gekränkte Getue nach 9/11. Bis ich hierher kam – nach Kalifornien, Utah, Arziona, Nevada; die Nationalparks im Westen der USA.

Jetzt sehe ich nicht mehr nur das Tellerwäscher-Phänomen oder Law and Order Radikale. Nein. Ich sehe die Canyons, den Himmel über der Wüste, die Farben in den Tälern und der Sierra. Ich habe Respekt vor den Menschenscharen, die verbindende Strassen, Hochhäuser, Kanäle und Parks bauten. Ich schätze die relaxten und zuvorkommenden Menschen hier. Auch wenn sie flüchtig sind: Ich mag das Lachen und die Beflissenheit der Tankstellenshop-Kassierer, den Liebreiz zauberhafter Ladys, die mit ihren Tablaren und Tellern durch die Kneipen schweben, die unbekümmerten Hippie-Fischer am Pier, deren Angelhaken nicht bis zu dem Walgruppen in Sichtweite reichen.

Befreit von den ihr eingeschriebenen Geschichten, den Film-Assoziationen, bleibt eine hinreissende, geradezu berauschende Landschaft und unkomplizierte, hilfsbereite Menschen. Der Blick ist etwas weniger verstellt als bisher.

Doch die Realität (?!) lässt nicht locker. Ich lese John Updicke: „Sie war in Colorado geboren und hielt es für eine gute Idee, den Rockies nach Norden zu folgen, in ein anderes Land, wo eine dramatische Landschaft nicht der Befriedigung der habgierigen Eitelkeit der Vereinigten Staaten diente.“ (John Updicke, „Die Witwen von Eastwick“.)

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Roadmovie – Strassenfilm

Der Film zur Reise.

(1) Fotos: Andi Matrix

(2) Reisedatum und -Route

Die „elektroakustische Reportage“ zur Reise findet ihr hier

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