Die beiden Herren sitzen meist auf den selben eisernen Garten-Stühlen mit weissen Sitzkissen. Die trefflichste Optik ergibt sich beim Gespräch im piccobello gepflegten, geradezu aseptisch wirkenden Garten oder vor dem Pool mit spiegelglattem Wasser. Im Hintergrund schimmert der Zürichsee und die „Pfnüselküste“. Hier an der Goldküste – auf der Sonnenseite – sitzt er: Christoph Blocher, der Chefstratege der Schweizerischen Volkspartei (SVP).

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Teleblocher 260 vom 17.8.2012

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Blocher dauerpräsent

Christoph Blocher ist präsent wie kein anderer. Er ist der bekannteste aktive Politiker der Schweiz. Selbst Kinder kennen ihn von Inseraten, Plakaten, Nachrichten-Sendungen und vom Familientisch. Der SVP-Patron poltert, kommentiert, stellt richtig, unterweist und belehrt wo und wann immer er kann. Einmal pro Woche tut er dies von seinem Hochsitz ob Herrliberg aus – via Teleblocher. Und das seit bereits 5 Jahren.

Bei Teleblocher geht es rasch zur Sache. Nach dem minimalistischen Signet mit brillentragendem Smiley und der Überschrift „DAS BLOCHER-PRINZIP“ und dem stereotypen „Recht herzlich willkomme zunere wiitere Usstrahlig vo Teleblocher…“ von Dr. (das ist wichtig) Matthias Ackeret folgt das erste Stichwort an den Alt-Bundesrat. Blocher und Ackeret bestimmen die Themenwahl offenbar kurz vor der Aufzeichnung der Sendung. Es ist ein eingespieltes Team. Es braucht kein ausführliches Briefing.

Meist greift Christoph Blocher auf, was die SVP in den vergangenen Tagen lanciert oder bereits thematisiert hat. Im lockeren Plauderton und öfters vehement stellt er sich als aufrechten, fürsorglichen Staatsbürger dar, dessen Herz am rechten Fleck pocht. Blocher verspottet den politischen Gegner, Kritik wertet er ab oder bezeichnet sie als von Neid gesteuert. „Da macht mä doch nöd…“ ist eine häufige Redewendung. Matthias Ackeret gibt den untertänigen Meister-Gesellen, der hin und wieder als Fragen getarnte Bestätigungen einwirft und an den passenden Stellen lacht und der Häme damit das i-Tüpfelchen aufsetzt. Das ist Verlautbarungs-Journalismus in seiner reinsten Form.

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Teleblocher 265 vom 20.9.2012.

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Genau das wirft Christoph Blocher immer wieder den „Mainstream-Medien“ vor: gesteuerte Gleichschaltung. Geschichten über kriminelle, rassistische oder unfähige SVP-Politiker? Das ist bloss das Geschrei regierungshöriger Medienhäuser und nimmt er nicht ernst: „…nur zum säge, in welchem Zustand die Schweizerische Presse und der Journalischt isch, das verzell ich Ihne jetzt hüt, da wüssed sie, was ich meine… – da isch ja der Herr Benini vo de NZZ am Sunntig, däm passt das gar nid, die hend jo welle d‘ Basler Ziitig schnappe und denn wär das au so nes Rahmäblättli worde im Mainstream inne…“ (Teleblocher vom 3.9.2012).

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Themensetting funktioniert

Zahlreiche Journalisten nutzen Teleblocher unterdessen, um Geschichten aufzustöbern„Ich schaue Teleblocher, weil ich dort ab und zu die neuesten Positionen der SVP erfahre, oft ergibt sich daraus auch eine Geschichte“, sagt Francesco Benini von der NZZ am Sonntag. „Das ist eine wahre Fundgrube“ meint Martin Beglinger vom Magazin (hier). Christoph Blocher als Skandalnudel? Als Nachrichtengenerator?  Das ist alarmierend.

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Teleblocher 263 vom 7.9.2012

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Das Agenda- und Themensetting funktioniert jedenfalls. Wen wundert’s! Blocher lässt die wenigsten kalt, wird geliebt oder gehasst, emotionalisiert. Eine moderne Medienstrategie und bestes Storytelling steigern die Aufmerksamkeit und damit Auflagen und Einschalt-Quoten. Darin ist die SVP Meisterin. Und wo sich Auflagen/Quoten steigern lassen, beisst die Branche gierig an. Lang genug hat „Arena-Dompteur“ Filippo Leutenegger der stetig aufstrebenden SVP die Bühne bereitet. Nachfolger Reto Brennwald pflegte das Konzept der Schwarz-/Weiss-Malerei mit scharfen Kontrahenten weiter und liess die Vertreter der SVP gern und ausführlich reden.

Viel Aufmerksamkeit ist der SVP sicher. Dabei spielt es keine Rolle, ob positiv oder negativ berichtet wird. Schelte kommt der Partei zu gute: sie mobilisiert die Unzufriedenen und stärkt die Solidarität mit der Basis. Christoph Blocher münzt Kritik geschickt zu seinen Gunsten um: „Tüend’s wiider luut, weiss ich nur: ich hann recht…“

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Teleblocher 261 vom 24.8.2012

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Rechte Medienfront

Ein haarsträubend konstruiertes Argument wird zum medienpolitischen Leitsatz der SVP: „Eine Gesellschaft freier Bürger kann nur funktionieren, wenn die Medien völlig unabhängig von staatlichen Einflüssen arbeiten“, (Zitat: Parteiprogramm, Seite 103). Wenn schon, dann müsste es heissen: „Die freie Meinungsbildung ist durch umfassende, vielfältige und sachgerechte Information insbesondere über politische, wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge zu gewährleisten. Der Leistungsauftrag soll im Schutz der verfassungsmässig garantierten Unabhängigkeit und Autonomie erfüllt werden. Die Finanzierung durch öffentliche Gelder sichert die grösstmögliche Unabhängigkeit.“

Das klingt zwar weniger sozialromantisch – dafür konkret und ist dem Programmauftrag der SRG sowie der Antwort auf einer von Christoph Mörgeli eingereichten Motion entlehnt. Um diese Art Sorgfalt foutiert sich Teleblocher. Diese Freiheit (der einseitigen Information oder der Desinformation) kann sich nur der nicht konzessionierte Veranstalter leisten. Mit der Konzession wäre ein klarer Auftrag verbunden, der eben auch Ausgewogenheit und Verantwortung beinhaltet. Das aber ist nicht die Absicht von Teleblocher.

Die SVP setzt alles daran, das seit Jahrzehnten in der Schweiz etablierte, duale Mediensystem mit privaten und öffentlich-rechtlichen Anbietern zu attackieren. Sie wähnt sich von linken Journalisten umzingelt. Dass Journalistinnen eher der Linken als dem Spektrum ganz rechts nahestehen, scheint in der Tendenz richtig. Die meisten Berichterstatter bewegen sich aber – wenn sie sich überhaupt politisch verorten lassen – in der Mitte.

 

Teleblocher 225 vom 24.12.2011

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Für die Manipulation

Der SVP geht es nicht um den Wettstreit der Meinungen oder Ausgewogenheit. Es geht ihr um Medienmacht. Teleblocher, Weltwoche und BAZ sind die Speerspitzen und Schweizerzeit, cc-talk, politik.ch, diverse Social Media Accounts sowie zahlreiche Quartierzeitungen bilden den Bodensatz. Im Dunstkreis: Tele Züri, Schweiz 5, Schaffhauser Nachrichten, Star TV und – sozusagen Backstage – Lobster AG, Constantin Film, Goldbach Media, Aktion Medienfreiheit. Die Gegenseite ist mit der WOZ oder Work abgeschlagen und fristet vergleichsweise ein Nieschendasein.

Die Manipulations-Initiative der SVP (und anderer rechtsbürgerlicher Kreise) hat ihren Kumulationspunkt mit der Gebührenmonster-Initiative erreicht. Sie gipfelt in der unsäglich lapidaren Feststellung: „Was private Sender machen können, soll auch den Privaten überlassen werden“. Derart substanziell äussert sich Natalie Rickli. Die „bestgewählte Nationalrätin“ – was Christoph Blocher bei jeder Gelegenheit wiederholt – hat einen Drittel ihrer parlamentarischen Arbeit damit verbracht, die SRG oder ihre Finanzen anzugreifen. Ist der ihr unterstellte Sinn für Eigennutz ausgeprägter als bei anderen Politikerinnen? Jedenfalls muss sie sich immer wieder vorwerfen lassen, hemmungslos für ihre Arbeitgeberin Goldbach Media zu lobbyieren. Vordergründig geht es um die „Stärkung der Meinungsvielfalt“ und gegen „staatliche Bevormundung und Verbote“.

Doch es ist die Verstümmelung des dualen Mediensystem, die diese Kreise anstreben, um privaten Anbietern Terrain-Gewinne zu ermöglichen. Gelingt dies, dürfte sich die gepriesene Unabhängigkeit als die von finanzstarken Gruppierungen erschlichene Meinungshoheit nach italienischem Vorbild (Silvio Berlusconi/ mediaset) herausstellen. Und die Stärkung der Meinungsvielfalt entpuppt sich als einfältig uniformes Mordsgaudi, das – von Goldbach Media vermarktete – Unterhaltungskanäle verbreiten. Im Verbund mit dem Ramba Zamba von Weltwoche und Konsorten werden wir in wohlig aufregender Stimmungsmache und Desinformation versinken.

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„Schriller die Glocken nie klingen“  – An der Bundesfeier mit Christoph Blocher, 1. August 2014: https://andimatrix.wordpress.com/2014/08/03/schriller-die-glocken-nie-klingen/

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