Es ist Herbstmarkt im malerischen Städtchen. In den Gassen stapeln sich die Stände entlang den Hauswänden. Im Angebot lokales Kunsthandwerk zwischen Praktischem, Schnickschnack und Souvenir-Ramsch sowie Raclette-, Wurst und Saufbuden. Dann lieber Malerei ansehen.

Auf zum Bahnhof. Den Roller zirkle ich vorbei an weit in die Wiesen und Landstrassen hinaus parkierten Autos. Jugendliche, Pärchen, hintereinander gehende Langvermählte und Familien mit Kinderwagen strömen an mir vorbei. „Der Mensch geht aufrecht, die Landschaft liegt flach.“ (*) Ich will in die Stadt, ins Helmhaus zur Ausstellung X – Malerei in Zürich.

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Spiegelbild im Zürichbergtunnel

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Graue Wolken breiten sich unter dem hellblauen Himmel aus. Im Bahnhof Stadelhofen trete ich aus dem Zug hinaus in einen trüben Sonntag Nachmittag. Herbstanfang. Ein kurzer Spaziergang entlang edler Geschäfte, ältere Menschen in feinen Kleidern schlendern den Schaufenstern entlang. Die Leute sind nicht wie im Dorf in grau-blaue Windjacken und schwarze Mützen gehüllt, sondern die Kleidungsstücke „einer Kiste voller Schals für Frauen. Und einem Kleiderbügel voller Krawatten für Männer“ entnommen.

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Im Helmhaus steige ich das nüchterne Treppenhaus hoch und wähne mich in einem Schulhaus, einem Amtsgebäude.

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Handlauf im Helmhaus

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Fotografieren in der Ausstellung ist verboten. Warum eigentlich? Wer würde auf einen Kinobesuch verzichten, nur weil ein Standbild in der Zeitung abgedruckt ist? Trotz zahlreicher Besucher ist es beschaulich, konzentriert. Bilder schauen statt Bilder machen. Gut ist Fotografieren nicht erlaubt, denn es gilt, „dass hier die menschliche Perspektive auf die Welt nicht von einem technischen Apparat abhängt, sondern (…) mit Pinseln, Spachteln aktiv geformt werden kann“.

In den glänzend weissen Räumen stellen 13 zürcher Malerinnen und Maler aus. Es ist eine treffliche Auswahl und Gegenüberstellung von verschiedenen Positionen. Ich taumle seelig von den strengen, konkreten Kompositionen eines Jahanguir und den minimalistisch rudimentären Formen des Valentin Hauri zu den präzise hingehuschten Landschaften einer Ann Nelson und den faustdick gespachtelten Porträts des Giampaolo Russo. Wiedermal greifbar: „Die Tiefe muss man verstecken. Wo? An der Oberfläche“ der Malerei.

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Giampaolo Russi, Florian Bühler, Vera Ida Müller

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Irritierend ist die Ausdauer der Künstler, sich in aufwendigen Reihen abzuarbeiten. Beinah zwanghaft mutet es an, Variationen von Bildern immer wieder zu malen. Mit den 30 Biergläsern von Christoph Hänsli oder Tina Braeggers 16-teiliger Bären-Serie assoziere ich Warenproduktion und -überschuss heutiger Konsumgesellschaften. Perfektes Handwerk und Anordnung der in den Ausmassen identischen Leinwände lassen die wandfüllenden Arbeiten sehr dekorativ wirken. Ideal für Bank-Kantinen, Empfangshallen von Dienstleistungs-Unternehmen, Sitzungszimmer etc. Hat sich deshalb „…Braegger doch ganz explizit für die Gepflogenheiten der Malerei entschieden, um eine zeitgenössische Künstlerkarriere aufzubauen – und abzubilden“? Aus rein wirtschaftlichem Kalkül?

Freundlich wirken die Bilder. Selbst die Frau, die Florian Bühler uns über ihre gespreizten Beine anschauen lässt, die ölig glänzenden Fleischstücke im Teller, der Männerakt mit baumelndem Pimmel von Dieter Hall – sie alle sind im Museum eingeschlossen wie Briefmarken im Album, in Pelz gehüllte Teetassen. Die Garderobe beim Eingang, die aufliegenden Postkarten, die besonnene Hängung der Leinwände, urheberrechtlich geschützte, in sonntäglicher Biederkeit einbalsamierte Bilder zwischen Klosterklause und Kuchenfahrt… so ist die Kunst domestiziert in einer „Leere, die (…) nur vermeintlich leer ist, sondern die Betrachtenden auf sich selbst zurückwirft, wie Spiegel; Leere, in der sich Geschichten erzählen, Leere, die einen nervös macht“.

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Helmhaus, grosser Saal im 1. Stock

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Tiefer hängen würde Wolfgang Ullrich sagen, Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit entgegnete Karl Valentin. Die Genies sind vom Sockel gestossen, der Kunst das Geweihte entzogen – erst recht im Museum möchte ich sagen. Ein Beruf wie jeder andere: produzieren, verwalten, verkaufen. Bin nur ich gefangen in alten Rollenbildern und sinniere den Exzentrikern, den Nachteulen, den radikalen Verfechtern einer Freiheit ausserhalb ökonomischer Prinzipien nach? Gibt es nichts mehr ausser Dienstleistern wie hier im Helmhaus und Sternchen wie Sylvie Fleury oder Pipilotti Rist?

Letztlich verlasse ich erfüllt und zufrieden das Helmhaus. Draussen auf der Strasse herrscht pure Provokation. Wenige Schritte vom Helmhaus entfernt biegt ein Geländewagen in die Fussgänger-Zone und beschleunigt mit brüllendem Motor und faucht an mir vorbei. Ich muss zur Seite treten und blicke dem schwarz glänzenden Mocken nach, der durch die leere Gasse braust. Der Mercedes-Fahrer wühlt mich auf, die Malerei im Helmhaus beglückt, beruhigt.

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Neubau beim Bahnhof Schwerzenbach

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Auf der Heimfahrt entdecke ich einen Teil der Bilder wieder. Sie vermischen sich mit den Häuserfassaden, den Ausflüglern am Bahnhof, den Bergen zwischen Wiesen und Himmel. „Die Malereien muten entsprechend selbst schon fast wie aus der Natur enthoben an.“ Ich habe Lust auf eine in Schokolade getauchte Banane. Am Stand des Herbstmarkes wartet nur noch eine Familie mit ihren drei Kindern. Zügig bekomme ich mein Dessert. Ein Stück des Schokolade-Mantels splittert ab und fällt zu Boden. Die Marktbesucher treten drauf und hinterlassen einen hellbraunen Fleck auf grauem Asphalt.

(*) Alle Zitate entstammen der Rückseite des Ausstellunsplakats mit Texten zu den gezeigten Malerinnen/Malern.

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