„Guten Abend. Herzlich willkommen. Schliessen Sie die Augen…“ Ich kann nicht. Ich bin am Kochen, Putzen oder treibe Sport. Es sind diese Momente, in denen ich die Musik von Schiller höre. Auch schliesse ich nicht auf Geheiss die Augen, sondern seh mich gern um mit wachem Blick. Da kann mir die Stimme, die mich an EX-Tagesschau-Sprecherin Dagmar Berghoff gemahnt, noch so sehr beim Einlegen einer Schiller CD ins Ohr flöten: „…entspannen Sie sich.“ Es geht auch so. Sehr gut sogar.

Christopher von Deylen aka. Schiller hat Anfang Oktober eine neue Doppel-CD veröffentlicht. Neues Material von Schiller kommt nicht oft, dafür üppig daher. Diesmal sind es in der „Super Deluxe Edition“ gut zweieinviertel Stunden neue Musik plus zwei DVD mit Konzertaufnahmen. „Sonne“ heisst das Werk, eine Art Konzept-Album, das zwar keine lineare Geschichte erzählt, mit Titeln wie „Solaris“, „Morgenrot“ oder „Das dritte Auge“ aber um Wärme, Licht und Leben (irgendwie auch im übertragenen Sinn) kreist.

.

Von Deylen hat nichts an seinem typischen Sound geändert, seinen Kuschel-Trance oder Liedermacher-Techno allenfalls etwas zugespitzt – noch etwas süsslicher überzogen. Schiller ist mehr als Musik, Schiller ist eine Marke – die ähnlich konsequent nur noch die Pet Shop Boys pflegen – und der ist er treu geblieben.

.

Die jüngste Single „Sonne“, 2012

.

„Noch nie einen Musiker kennengelernt, der so strukturiert und systematisch arbeitet“, zitiert das CD-Booklet Meredith Call, eine der Gast-Sängerinnen. Das ist der Musik anzuhören. Deutsche Tugenden – lasst es uns bitte nicht strapazieren aber auch nicht unerwähnt – wie Gründlichkeit, Ordnungsliebe oder Ausdauer durch und durch. „Deutsche Musik ist das Pendant zu deutscher Ingenieurskunst“, sagt Christopher von Deylen in einem Fernseh-Interview. Schnörkellose Sequenzen, messerscharfe Einfinger-Melodien, wohlig warme Synth-Flächen. „Ich glaube das Talent des deutschen Musikers ist das Kreieren von Musik, die eine gewisse Maschinenhaftigkeit hat“. Karlheinz Stockhausen, Popol Vuh, Kraftwerk, Klaus Schulze, Michael Cretu, Westbam, Marusha… Schiller. Von der kosmischen Musik der Akademiker über Synthie-Schwaden der Berliner Schule in die Hitparaden mit der Techno-Generation. Von Darmstadt nach Berlin im ICE.

„Für mich ist eine Melodie eigentlich nur das Mittel zum Zweck, einen Klang wirken zu lassen“. Von Deylen möchte Klänge erzeugen, die das Gemüt verändern, ein Gefühl evozieren und ihm Tiefe geben. Obschon die Musik schnörckellos und reduziert scheint, legt von Deylen rund 50 Musikspuren an in einem Track. Er meint denn auch, auf dem Klavier zu komponieren gelinge ihm nicht gut. Der mit mehreren Tonspuren konstruierte Klang einer Melodie sei ihm wichtig. Der Sieg der Form über den Inhalt ist durchaus gewollt. „Wunderful German Kitsch“ nannte es Neil Tennant.

.

Die erste Single „Das Glockenspiel“, 1998

.

Theodor W. Adorno würde es als den „Fetischmus der Mittel“ bezeichnen und die „Überwertigkeit künstlerischer Verfahrungsweisen“ und dass es dann bei „von aussen in die Gestalt gewissermassen hineingelegten sinnhaften Ideen bleibt, ohne dass diese Ideen selber aus sich heraus substantiell würden, (…) Weltanschauungskunst“ eben (Adorno „Ästhetik 1958/59“). Bloss, wo gälte dieser Befund heute nicht. Schiller ist ein KMU im popmusikalischen Geschäft. Ein Unternehmen wie tausend andere im Musik-Business.

Die Kunst hole ich mir anderswo. Schiller ist wie feine Schokolade, ein schönes Möbelstück, ein edles Paar Schuhe, ein gepflegter Wein, ein exquisites Schaumbad – purer Luxus. Handwerk vom Feinsten, das sich alle leisten können. Und ja – wenn Kim Sanders, Kate Havnevik oder Mia Bergstroem singen, Jaki Liebezeit trommelt und Klaus Schulze an den Reglern dreht, wenn die Schlagzeuger am Konzert den Takt aus den Fellen schlagen, Christopher von Deylen und Christian Kretschmar mit beringten Fingern die Flächen aus den Tasten streicheln, dann lasse ich mich sogar ein Stück weit „fallen“ und lausche nur noch interesselos dem süssesten Wohlklang…

.

Edles Coporate Design auch im Konzert

.

Nachtrag vom 23.10.2013

Kurzentschlossen zum Konzert im Volkshaus Zürich. Schlecht gelaunt. Am Bahnhof bemerke ich: Bahnabo daheim liegen lassen. Der bereits  bezahlte Parkplatz ist weg, die letzten Münzen verschwinden im Ticket-Automaten ohne zu registrieren…  ich parke mehrere Stunden schwarz, 10 Franken Parkgebühren weg. Der Zug ebenfalls.

Im Konzertsaal fühle ich mich aber bereits wieder aufgehoben. Nummerierter Sitzplatz in der zweitletzten Reihe am rechten Rand, unter dem Balkon. Ich erwarte keine gute Akustik. New Age Klänge wabern durch den Raum. Jene Sphärensounds, die mich auch in Ruheräume von Wellness-Anlagen schier zur Weissglut bringen. Auf jedem Stuhl liegt ein Zettel: Aha. Christopher von Deylen hat die Klänge eigens für die Tour komponiert. Er hat mit ein paar Griffen auf dem Keyboard mit der Synthie-Emulation endlose Doom-Wolken produziert – das kann ich auch auf meinem Laptop, denke ich.

Das Konzert beginnt so: das Licht geht aus, zurückhaltender Applaus, die Wolken wabern lauter, ja, es dröhnt. Daran ändert sich in der ersten halben Stunde wenig. Es plätschert dahin, die Tracks enden wie sie beginnen – irgendwie und irgendwo mit einem Tastengriff und Drehen an Reglern. Mit dem Stück Ruhe bin ich erstmals etwas berührt, spüre, was Menschen mit all den Geräten, Patterns, Schaltungen, Emulatoren und Sequenzern schaffen können: packende, rhythmisierte Schönheit die mir die Beine unterm Hintern wegzieht, mich nach hinten fallen und drehend überm Boden schweben lässt. Von Sinnen. Dann bricht das Stück ab, warmer Applaus, helles Licht auf der Bühne. „Danke für den ersten Teil des Konzerts, wir kommen ganz bestimmt wieder“ sagt von Deylen.

Muss nicht sein, denke ich. Aber wer weiss, angekündigt war im zweiten Teil Musik, „in der ihr euch ganz fallen lassen könnt…“ (oder so ähnlich). Ich möchte herausfinden, ob das Konzert nun gänzlich in manieristischer Tantra- und „Sei dich selbst“-Kulisse aufgeht oder ob vielleicht doch noch messerscharfe Soundarchitektur schillern wird.

Teil zwei beginnt zupackend, zerbröselt aber bereits im nächsten Track wieder. Die Dramaturgie der Studioarbeiten (auf CD) fehlt. Die einzelnen Stücke wirken willkürlich aneinander gereiht, unbeteiligt, spannungslos. Das Setting scheint den 3 Musikern keinen Raum für Interaktion mit dem Publikum zu lassen. Wo die Musik zu bewegen beginnt, spürbar die Menge pulsiert, ist auch schon wieder Schluss… Ich muss an Sex-Szenen in James Bond Filmen denken: Tolles Schlafzimmer, Seidenwäsche, warmes Licht, etwas Schmusen und schon piepst wieder was, ein Geräsuch von draussen und der Kerl macht sich davon. Wieder nichts mit geilem Spiel…

Beim fünften Stück von Teil zwei gebe ich draussen an der Bar meinen Becher zurück, kassiere den Zweifränkler für’s Depot und freue mich, früh ins Bett zu kommen. Der Abend endet versöhnlich: kein Strafzettel unter der Windschutzscheibe.

.

Advertisements