Endlose Landschaften, Sex und Freaks… Himmel, wie finde ich mich bloss zurecht im vimeo-Universum. Wo sind die Perlen unter Hunderttausend Videos. Was gibt es zu entdecken jenseits ölige Frauenkörper massierender Männer, Base Jumper hinter Color FX Filtern und dünnen Frauen in Zeitlupe. Gebt mir einen Film, in dem nicht schon in der ersten Sekunde die Musik spielt!

Ich suche bis ich finde. Irgendwas, worüber ich nachdenken möchte. Wie diesen Film über Rico, den alten Mann, der auf der Strasse lebt.

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Jeremy Snell, „Rico“  (2011)

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Er trägt einen borstigen Bart, jedes Haar ein ins Gesicht getriebener Stachel. Alterslos. Das rechte Auge angeschwollen, blutunterlaufen. Sein Leben rekapituliert Rico in wenigen Sekunden. Er findet eine Zigarette auf der Strasse und zündet sie an: „Don’t take the road I took…“ Das Piano hebt an zum Crescendo, die wehmütige Singstimme setzt ein, faltiges Gesicht in Slow Motion, die Stimme verschmilzt mit der Musik, alles Sound, beim Höhepunkt ein Trommelschlag, Lichterfunkeln, Abblende…  sanfte Klänge und Rico setzt seine Erzählung mit einem Hauch perlender Hoffnung fort. „Jesus Christ“. Perfektes Timing. Exquisites Color Grading. Prädikat „Staff Pick“.

Der Film berührt. „real real nice, brought a tear…“ kommentiert einer. Es bleibt ein schaler Geschmack zurück: in erster Linie will dieser Beitrag emotionalisieren. Jeremy Snell reduziert das Material auf das, womit er die genau kalkulierte Wirkung erzielen kann. Das ist legitim. Was er inhaltlich unterschlägt, überträgt er in die Form: Harte Kontraste, dunkle Flächen und Unschärfen müssen die uns vorenthaltenen Grausamkeiten im Leben des Obdachlosen kompensieren. Das ist manipulativ. Ricos Dasein ist ästhetisiert und zum Auslöser von Gefühlen degradiert. Instrumentalisiert gar? Zwiespältig.

Offenbar ist dies eine dokumentarische Form, die ihr Publikum findet (1285 Likes). In dieser Kürze, gestaltet wie ein Werbeclip, mit zurückhaltend dosierten Zumutungen – ein Rührstück. Immerhin wird in der Kommentarspalte einiges Mitgefühl gezeigt. Mehr kann ein Film kaum bewirken.

Die Webseite von Jeremy Snell

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