Die Kraft der Beschreibung. Christoph Ransmayr ist der Meister: „Ich sah einen schwarzen andalusischen Kampfstier an einem strahlenden Palmsonntag in der grossen Arena von Sevilla. Als ob er die Nabe an einem aus mehr als zwölftausend Zuschauern bestehenden Rad wäre, das sich brausend um ihn drehte, stand er bewegungslos, schwer atmend, verstrickt in ein tief in den Sand eingegrabenes Muster aus Kampfspuren, und schien wie versunken in den Anblick seines Feindes, eines berittenen Toreros, der ihn fünf oder sechs Pferdelängen entfernt erwartete. Zwischen den Schulterblättern des Bullen steckten sechs Banderillas, armlange, mit buntem Papier umwickelte Spiesse, die an einen Strauss geknickter Blumen erinnerten. Mit jedem seiner Atemzüge stieg Blut aus den Stichwunden und kroch in wirren Spuren über das Fell zu den Hufen hinab.“ („Tod in Sevilla“ aus „Atlas eines ängstlichen Mannes“).

Entspricht zwar nicht den Regeln für Online-Texte (14 Wörter pro Satz als Limit etc.), ist dafür umso lesenswerter. „Geschichten ereignen sich nicht, Geschichten werden erzählt“, sagt Christoph Ransmayr. Kaum jemand tut das lebendiger als er.

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