Ich zitiere einige Textpassagen aus „Überwachen und Strafen“ von Michel Foucault, in der er sich mit dem „Panoptismus“ befasst. Er entwickelt seine Gedanken ausgehend von einem Reglement aus dem 17. Jahrhundert. Dieses listet die Massnahmen auf, die nach ausgebrochener Pest zu ergreifen sind. Was Foucault 1977 über die „Geburt des Gefängnisses“ schrieb, könnte genau so gut für die Entwicklungen im Internet gelten. Ersetze „Panopticon“ mit Social Media, „Maschinerie“ mit Internet…

„Die Überwachung (der Stadtbevölkerung während der Epidemie) stützt sich auf ein lückenloses Registrierungssystem. Zu Beginn der Einschliessung wird das Verzeichnis erstellt, das jeden in der Stadt anwesenden Bewohner erfasst; „eingetragen werden darin Name, Alter, Geschlecht ausnahmslos aller“. (…) Dieser geschlossene, parzellierte, lückenlos überwachte Raum, innerhalb dessen die Individuen in feste Plätze eingespannt sind, die geringsten Bewegungen kontrolliert und sämtliche Ereignisse registriert werden, eine ununterbrochene Schreibarbeit das Zentrum mit der Peripherie verbindet, die Gewalt ohne Teilung in einer bruchlosen Hierarchie ausgeübt wird, jedes Individuum ständig erfasst, geprüft und unter die Lebenden, die Kranken und die Toten aufgeteilt wird – dies ist das kompakte Modell einer Disziplinierungsanlage.“

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Als Reaktion auf die Pest wurde ein Disziplinierungs-Modell geschaffen, das anstelle „einer massiven und zweiteilenden Grenzziehung zwischen den einen und den anderen (…) nach vielfältigen Trennungen, nach individualisierenden Aufteilungen, nach einer in die Tiefe gehenden Organisation der Überwachungen und der Kontrollen, nach einer Intensivierung und Verzweigung der Macht“ verlangt. Dieses Modell findet Foucault auch wieder im Strafvollzug.

„Die panoptische Anlage schafft Raumeinheiten, die es ermöglichen, ohne Unterlass zu sehen und zugleich zu erkennen, Das Prinzip des Kerkers wird umgekehrt, genauer gesagt: von seinen drei Funktionen – einsperren, verdunkeln und verbergen – wird nur die erste aufrechterhalten, die beiden anderen fallen weg. Das volle Licht und der Blick des Aufsehers erfassen besser als das Dunkel, das auch schützte. Die Sichtbarkeit ist eine Falle“.

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Panoptisches Überwachungssetting im Strafvollzug

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„Daraus ergibt sich die Hauptwirkung des Panopticon: die Schaffung eines bewussten und permanenten Sichtbarkeitszustandes beim Gefangenen, der das automatische Funktionieren der Macht sicherstellt. Die Wirkung der Überwachung ist permanent, auch wenn ihre Durchführung sporadisch ist; (…) der architektonische Apparat ist eine Maschine, die ein Machtverhältnis schaffen und aufrechterhalten kann, welches vom Machtausübenden unabhängig ist; die Häftlinge sind Gefangene einer Machtsituation, die sie selber stützen. (…) Die Anlage ist deswegen so bedeutend, weil sie die Macht automatisiert und entindividualisiert. Das Prinzip der Macht liegt weniger in einer Person als vielmehr in einer konzertierten Anordnung von Körpern, Oberflächen, Lichtern und Blicken. Die Zeremonien, Rituale und Stigmen, in denen die Übermacht des Souveräns zum Ausdruck kam, erweisen sich als ungeeignet und überflüssig, wenn es eine Maschinerie gibt, welche Asymmetrie, das Gefälle, den Unterschied sicherstellt.“ 

Foucaults Darstellungen unterscheiden sich kaum von den Schilderungen kulturpessimistischer Netzkritiker und Mahner. Es ist fast, als läse ich aktuelle Texte eines Norbert Bolz  oder Frank Schirrmacher etc. Ob Michel Foucault aufgrund aktueller Entwicklungen im Internet die Fortsetzung von Überwachen und Strafen verfassen würde?

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