Kein Dach über dem Kopf? Draussen schutzlos ausgesetzt? Harndrang am Open Air Konzert aber alle Toiletten besetzt und im Wäldchen schon verbreitet Streunende mit Notdurft? Wer will dasjenige im realen Leben erfahren, dem wir uns im Netz freizügig ausliefern?

Eine junge Frau wird öffentlich entblösst, in dem ihr Ex-Freund ein vielleicht im Liebestaumel aufgezeichnetes Video mit ihr bei Facebook postet. Die Intimsphäre der Frau wird auf’s Gröbste verletzt… und der Grossverteiler, dessen Eistee-Flasche im Video zu sehen ist, versucht mit ganzer PR-Macht den zu erwartenden Reputationsschaden abzuwenden. Die Katastrophe des Einen ist der Imageschaden des Andern – oder umgekehrt.

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Badezimmer

Privatsphäre Badezimmer

 

Was ist schon privat

„Privatsphäre“ ist ein ständig neu ausgehandeltes Konstrukt. Was wir vom Öffentlichen getrennt und damit geschützt halten wollen (oder dürfen) kann rasch ändern. Ich denke an Nacktheit oder an das Bankgeheimnis. Privatsphäre ist Verhaltenskodex, findet sich aber auch in juristisch festgehaltenem (oder interpretiertem) Recht.

Mit fortschreitender Industrialisierung wurde das Recht auf Privatsphäre wichtiger und ausgeweitet. Arbeitskräfte erhielten Rückzugsmöglichkeiten zugestanden – um sich vor der nächsten Arbeitsschicht erholen zu können. Erst mit steigendem Wohlstand wurde das Private geadelt. Davor konnten es sich die Menschen kaum leisten, „etwas für sich zu behalten“ oder die Gemeinschaft zu „berauben“ (lateinisch „privare“). Vor wenigen Jahrzehnten schwang mit dem Ausdruck „privatisieren“ etwas Anrüchiges mit, z.B.: er privatisiert ein wenig… womit man ausdrücken wollte: man weiss nicht recht, wovon er lebt.

Doch auch heute gilt: wer gar nichts mehr hat, dem bleibt auch keine Privatsphäre. Nur reiche Menschen können es sich leisten, diskret zu leben, abgesondert bis hin zu gated communities. Den Obdachlosen oder Slumbewohnern bleibt kaum Privatraum und damit Privatsphäre.

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Die Lust zu zeigen

Das Bedürfnis nach Rückzug weicht mehr und mehr der Lust, sich zu zeigen. Auch jene, die schüchtern oder einsam sind, offenbaren sich im Schutz von Social Media. Da werden Tabus gebrochen („War gerade KACKEN! Ich dachte Ihr solltet das wissen…“ twittert einer, vielleicht ironisch), Peinlichkeiten gepostet („scheiss gymischueler“) und immer wieder Schutzräume geöffnet (Amanda Todd). Wer teilnehmen und nicht nur zuschauen will, muss etwas zu sagen oder wenigstens zu zeigen haben… Die Lust – die immer mehr zum Zwang wird – untergräbt so allmählich die mühsam errungenen Sphären des Rückzugs, des Intimen, des Unproduktiven, der Geheimnisse. „Die populären sozialen Netzwerke leben ja von der Privatisierung der Geselligkeit und der Veröffentlichung der Persönlichkeit. Jeder wird zur Mini-Celebrity. Damit bezeichnen wir den Gegenpol zum bürgerlichen Optimum der Identität“, meint Norbert Bolz.

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Öffentliche Privatsphären – vor Social Media

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Was bis vor kurzem als rasch vergessener Fehltritt überwunden war, ist dank der jetzigen technischen Mittel unter Umständen nicht mehr zu kontrollieren. Wer sich verliebt oder im Spiel fotografieren und filmen lässt, kann plötzlich auf einer der zahlreichen „ex Gf“ -Webseiten (Jargon für „Ex-Girlfriend“) zum pornografischen Objekt oder – noch gravierender – in der Social Media Gemeinschaft herumgereicht und zum Gespött werden. Die heimlich gefilmten, mit der Petflasche liebkosten Schamlippen (die Pornografie wirkt ja bereits ins Private zurück) werden uns bald nicht mehr aufregen, als der zur Schau gestellte blanke Busen der Badi-Kollegin. Ausser vielleicht deshalb, weil immer noch vor allem Frauen die Opfer solcher (Veröffentlichungs-) Attacken sind…

So diskutieren wir heute noch über die Opfer von Cybermobbing – zumindest die gravierendsten Fälle. In einigen Jahren jedoch werden die Opfer des Cybermobbing wie Zehntausende von Verkehrsopfern nur noch periodisch beklagt und als Kollateralschäden unserer Web-Genüsse abgebucht. Die Angebote für Social Media Schulung und Medienkompetenz-Trainings werden unser Gewissen beruhigen. Selber schuld, wer mit der Technik nicht richtig umgehen kann. Die kann rein gar nichts dafür, nur die Menschen – zumindest die Opfer – sind halt wieder zu wenig reif. Schon jetzt ist das weit verbreiteter Tenor in der Netzgemeinde.

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Naturgewalt Internet

So wie sich Autos gegen Fuhrhalter oder technisch machbare Waffen gegen jeden Pazifismus durchgesetzt haben, so wird sich auch die auf militärischer Technologie beruhende, alles absorbierende Megamaschine Internet durchsetzen. Die Nörgler, die „kulturpessimistischen“ Rufer werden allmählich stiller und vom Fortschritt überrollt, die negativen Begleiterscheinungen dem Gewinn auf der anderen Seite angerechnet. Die Privatsphäre ist dann neu verhandelt, dem – durchaus nützlichen und komfortablen – System angepasst. Das Internet scheint in vielen Köpfen so etwas wie eine Naturerscheinung, eine Naturgewalt, die weder kontrolliert werden kann noch soll.

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Tagebuch

Privatsphäre Tagebücher

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Tun wir aber nicht so, als ob es keine Alternativen gäbe. Vergessen wir nicht, was das Internet letztlich ist: Unterhaltung, Werbung, Nachschlagewerk und etwas Service. Mehr ist da nicht – trotz aller Bemühungen und Lobpreisungen. Voilà. Wir können abschalten. Wir können Konten und Profile löschen und wir können unsere Inhalte kontrollieren – BEVOR wir sie veröffentlichen. Die Unterscheidung zwischen mir als Mensch ausserhalb des Netzes und der digitalen Existenz ist eminent wichtig. Denn die digitale Existenz kann ich aufgeben und löschen, wann immer es mir passt. Zumindest so lange ich diese Freiheit noch habe…

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Literatur: „Privatsphäre“, Joachim Güntner (Vontobel-Stiftung), „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“, Richard Sennett, „Die stille Revolution“, Mercedes Bunz

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