In den letzten Wochen sind mir zwei Musikvideos aufgefallen. Nicht spektakulär, nicht besonders raffiniert und auch nicht übermässig drollig. Nein. Aber nachhaltig eindrücklich und berührend.

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Dub Tractor

Anders Remmer (Dub Tractor) steht in „And You Are Back“ starr vor einem Baum. In einem sehr dunklen Wald. In einer gerodeten Lichtung. Den Blick direkt in die Kamera gerichtet. Die Stämme, die Äste und Blätter sind beinah schwarz im harten Kontrast. Die Farbe reduziert, etwas mattes Grün und Blau, überstrahltes, ausfransendes Weiss. Schwebende Schatten im Wind. Baumrinden, Äste und Blätter schroff gezeichnet wie die geloopten Gitarrenakkorde.

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Diese Musik braucht kein Video (wie jede andere Musik natürlich auch, vielleicht müsste man sagen, Anders Remmer braucht keine Videos zu seinen Stücken…). Dieses Video ist für mich einzig der Beleg, wie mit minimalen Mitteln – einigen Bildern, wenigen Kunstgriffen im Schnitt, den feinen Jump-Cuts, dem Schauplatzwechsel in den letzten Einstellungen – ein kongeniales Musikvideo geschaffen werden kann. Die Musik von Dub Tractor steht für sich, zauberhaft schön, dieses Video umhüllt sie trefflich.

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Flight Facilities

Zwei Frauen verabreden sich, trinken etwas, hängen herum, fahren durch die Nacht, langweilen sich. Bis aus heiterem Himmel…

Das Musikvideo zu „Clair de Lune“ ist ein kurzer Spielfilm. Ein Stummfilm. Der Film schildert fragmentarisch die Ereignisse des Abends, dazwischen geschnitten sind Bilder der einen Frau zuhause. Es ist nicht klar, ob wir die Frau vor den Ereignissen dieses Abends sehen oder danach. Denn das Ende des Films ist angesichts des bis dahin sehr realistischen Verlaufs der Geschichte zu aufgesetzt, als dass es „wahr“ sein könnte. Eher scheint es symbolisch für einen völligen Bruch im Leben der Frauen. Ein Zusammenbruch.

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Auch dieser Film verlässt sich weitgehend auf die Musik. Es geschieht wenig bis auf die kleinen Irritationen: ein Zigarettenpäckchen wird stibitzt, Äpfel im Laden geklaut und auf dem Parkplatz mit dem Baseballschläger zerschmettert, das „Spiegel-Auto“… Beinah belanglose 6 Minuten vergehen. Doch wer sich diese am Stück ansieht, wird um so mehr überrascht von dem Geschehen. Genau so unverhofft wie hier schlägt das Schicksal im realen Leben zu, unvermittelt, überwältigend – wenn vielleicht auch nicht zufällig.

An Schockmomente in populärem Film sind wir uns gewohnt, ja derer eigentlich längst überdrüssig. Doch hier trägt sich alles – nüchtern erzählt – plausibel zu. Fast scheint es im Nachhinein so, als hätte es irgendwann so kommen müssen. Bei nochmaligem Ansehen fallen dann Details auf, die Charaktere  werden genauer gezeichnet: der lose Fingernagel, der zerkaute Trinkhalm, das zerschossene Sofa. Musikvideos können mehr als bloss  uniforme Werbeträger sein.

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