Da ist Mama. Und das da ist der Papa. Das Kleinkind geht Objektbeziehungen ganz selbstverständlich ein. Zwangsläufig, müsste man sagen. Bald zweifelt das Kind, ist frustiert oder neugierig und beginnt den Ablösungsprozess, in dem es sich Übergangsobjekten zuwendet. Das unbefriedigte Kleinkind streckt die Fühler nach der Welt aus und entdeckt. Ein Tisch ist ein Tisch. Da ist ein Stuhl. Warum aber ist ein Stuhl ein Stuhl? „Natürlich“: Mutter hat es gesagt. Es gibt eine Sitzfläche, Stuhlbeine, vielleicht eine Lehne. Und warum ist ein Computer ein Computer, eine Nachricht eine Nachricht oder was macht Coca Cola zu Coca Cola? Zum Glück sind wir uns mehr oder weniger einig, stimmen überein in der Bedeutungsordnung der „Dinge“.

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IMG_9166IMG_9167Dekonstruktion

Wirklich? Ich misstraue der Ordnung in einer von Konsumgütern verstellten (Medien-) Welt, in der Erfahrung sich bald nur noch aus Simulation speist. Also unterscheide ich und beginne zu de-konstruieren. Ich bastle und kombiniere Gegenstände neu, stelle deren Nutzen in Frage, deute mit neuen Zuordnungen eine andere Möglichkeit von Realität an. Mein Haus ist ein Rechner, der Fussboden ein Sessel, das Parkett eine Platine, das Einpackpapier ein dekorativer Gegenstand, ein Kunstwerk an der Wand. Objets trouvés, objets bricolés.

die vielen buchstaben – die nicht aus ihren wörtern können – die vielen wörter – die nicht aus ihren sätzen können – die vielen sätze – die nicht aus ihren texten können – die vielen texte – die nicht aus ihren büchern können – die vielen bücher – mit dem vielen staub darauf …  (Ernst Jandl). Ich löse Buchstaben aus den Wörtern, Wörter aus den Sätzen, Platinen aus Rechnern.

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Verstörende Objekte

Wenn der Motor am Morgen anspringt, weshalb sollte ich dann ein Teil ausbauen? Wenn sich die neue App auf meinem Smartphone installiert und ich damit für 85 Franken im Monat „gratis“ ins Internet kann, warum sollte ich das Display entfernen und in eine Vase stecken? Weil ich verstört bin und weil ich mich ärgere! Wenn erst der dritte, neu gekaufte Wasserkocher über Wochen störungsfrei funktioniert. Oder wenn ich mehrere Radiowecker besorgen muss, bis ein Modell auf dem Nachttisch steht, das ich auch müde und im Halbdunkeln ohne Handbuch einstellen kann. Weil ich mit unnützen Produkten überfrachtet werde, an deren Wert ich zweifle.

Und weil ich dem Versprechen, das dem Produkt eingeschrieben wurde, misstraue. Was uns verkauft wird, ist kaum mehr durchschaubar, definiert sich einzig über das zugeschriebene  Gebrauchswertversprechen. Einem Nutzen, dessen wir nur durch Werbung (Sinn-Design) und Warenästhetik (siehe Apple) „gewahr“ werden. Schliesslich lassen wir uns von der Notwendigkeit des Besitzes überzeugen. Bedarfsökonomie ist abgelöst durch die Ökonomie der Wunscherfüllung.

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IMG_9174Abfall

Ich „brauche“ aber keinen Multifunktionswecker, weder iPad, noch GPS-gesteuerte Armbanduhr! Ausgehend von meinen Grundbedürfnissen als Mensch frage ich mich: ist der Nutzen derartiger Geräte höher als derjenige eines mit der Wand verbunden Keyboards?

„Konsumier oder stirb. Das ist der Auftrag der Kultur. Und alles endet auf der Halde. Wir erzeugen Wahnsinnsmengen an Müll, dann reagieren wir darauf, nicht nur technologisch, sondern auch im Herzen, im Kopf. Wir lassen es zu, dass er uns formt.“ („Unterwelt“, Don De Lillo, Zitat: Kunstforum Band 168)

Zuerst war da Müll. Danach entwickelten sich Zivilisationen, meint Jesse Detwiler in De Lillos Roman. Reicht der Abfall den Menschen bis zum Hals reagieren sie. Dieser Befund deckt sich mit der eigenen Erfahrung. Selbst ent-sorg-t wird im Verborgenen, um unsere Konsumtions-Ausscheidungen der Wahrnehmung und dem Bewusstsein zu entziehen. Das verhindert Schuldgefühle.

 Ich sammle den Abfall wieder ein und mache ihn sichtbar. Müll ist das von seinem Gebrauchswertversprechen befreite Konsumgut. Mein Rohstoff, meine Übergangsobjekte. Gegenstände, an denen ich Orientierungs- und Identitätsarbeit leiste. In dem ich den Dingen Nutzen entziehe, gebe ich ihnen einen Mehrwert. Der Mehrwert der Imagination, Verwunderung, Interpretation. Bricolage und (imaginäre) Wertsteigerung verlängern die Lebensdauer und entzieht die Waren der Schlaufe Produktion – Gebrauch – Recycling – Produktion – Gebrauch – Recycling…

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objets bricolés digitales

Die hier abgebildeten Objekte aus Fundstücken und Sperrmüll entstanden vor rund 20 Jahren. Die Kritik müsste heute auch Prozesse in der Produktion von Informationen und Vernetzung mit einbeziehen. Die Überproduktion – und die dadurch entstehenden Unmengen von „Müll“ – bedarf dezidierter Positionierung oder immerhin der Formulierung kritischer Fragestellungen.

Diese Einsicht wird aber fast vollständig absorbiert durch enthemmte Affirmation und wohlig erwartungsvolles Schweben in Daten-Fluten. Der öffentliche Diskurs folgt immer mehr den Spielregeln von Markenkommunikation (Social Media!). Eine Kritik der Warenästhetik ist verpönt, gilt als überholt.

„Die ästhetische Haltung der unbedingten Bejahung gewinnt an Aktualität, seit die Welt als zweipolige, zwischen herrschender Wirklichkeit und utopischer Möglichkeit zusammengebrochen ist. Wer dies mit fröhlicher Gleichgültigkeit aufnimmt, hat den Zeitgeist verstanden“, sagt Beat Wyss („In der Kathedrale des Kaptialismus“).

Zeitgeist?  Eher die vollzogene Identifikation mit dem Aggressor! Zeit für einen weiteren Ablösungsprozess. Zeit, sich zu emanzipieren…

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Abbildungen: (1) Stuhl, (2) Keyboard, (3) Blumenpapier, (4) Fernseher, der nur sich selber zeigt, (5) Philipps-Monitor zeigt Sony Schriftzug, (6) Büromaterial, (7) Salontisch

Links: Costa Vece, Urs Frei, Aldo Mozzini, Laura Kikauka, Christoph Büchel

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