Ich zitiere nachfolgend Geert Lovink. In „Zero Comments“ befasst sich Lovink unter anderem mit der „Krise der Neue-Medien-Kunst“. Die folgende Passage stammt aus dem Kapitel „Ein motivierendes Kunst-Intermezzo“ (Seite 93). Er beschreibt aus meiner Sicht sehr treffend aktuell vorherrschenden Machbarkeits-Glauben, die verbreitete Tendenz zur Selbstoptimierung und – paradoxerweise – Selbstverachtung. Allumfassende Nutzenorientierung und Nihilismus gehören zusammen. Kapitalistische Vermarktungsimperative durchdringen sämtliche Lebensbereiche. Leben, um herauszuragen. Das ist das Zeitalter, das Geert Lovink beschreibt:

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„Dies wäre meine Einschätzung des Anthony-Robbins-Zeitalters, in dem wir heute leben. Das Publikum sucht nicht mehr nach leerer Unterhaltung, es will Hilfe. Kunst muss motivieren und unterstützen – nicht in Frage stellen. Sie sollte nicht in erster Linie reflektieren, repräsentieren oder die Welt entdecken, sondern mit dem Publikum reden, im ins Gesicht schlagen, wie heutige Kunstvermarkter sagen. Ironie kann eine Medizin sein, solange sie zur Heilung des Patienten beiträgt. Aber pass auf, niemanden vor den Kopf zu stossen. Die heutigen ästhetischen Erfahrungen sollten die spirituellen Seiten des Lebens wecken. Ästhetik ist nicht nur zur Kontemplation da. Kunst muss  (inter-) aktiv werden und die Rolle des Coaches übernehmen. Im Sinne des Selbstwirksamkeits-Diskurses hilft der Künstler des 21. Jahrhunderts dabei, die Kraft des Inneren zu befreien. Ohne Zweifel wird dies mit positiver Energie erreicht. 

Man braucht einen perversen Optimismus… Kunst muss erschaffen, nicht zerstören. Ein Besuch im Museum oder einer Galerie muss in das Programm zur persönlichen Entwicklung passen. Kunst sollte uns in Transformationstechniken beraten und uns nicht kritisieren. Wenn ein Kunstwerk eine wirkliche Erfahrung sein will,muss es auch eine direkte körperliche Erfahrung sein, so wie ein Gang auf glühenden Kohlen. Es muss leidenschaftlich sein und seine Verachtung für den Betrachter ablegen, ebenso wie seine postmodernen Strategien der Ironie, Umkehrung und Indifferenz. Kurz, Künstler sollen Verantwortung übernehmen und mit ihren albernen Spielchen aufhören. Der perfekte Day Job für den Performancekünstler ist das Firmenseminar, in dem Vertrauen aufgebaut und die Kernwerte des Unternehmens aus seiner Mitarbeiterschaft herausgeschält werden.

(…) Komplexe Bezüge zu intellektuellen Strömungen innerhalb der Kunstgeschichte sind Zeitverschwendung. Die Kunsterfahrung muss passen und zur Agenda des persönlichen Wachstums beitragen. Kunst soll Ängste ausser Kraft setzen und Erfolg garantieren. Halb Therapeut, halb Berater, ist die Kunst keine Kompensation für ein farbloses Leben mehr. Vielmehr holt sie aus den wertvollen Ressourcen das Beste heraus und berücksichtigt dabei auch die Aufmerksamkeitsökonomie, in der sie operiert. Um solche höheren Weihen der Vergegenwärtigung zu erlangen, scheint es unvermeidbar, die eigene perverse Existenz zuzugeben und zu feiern. Jeder ist ein grosser Misthaufen und hat sich die Hände schmutzig gemacht.“

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