„Kein Kommentar.“ Der ältere Herr winkt ab. Dazu will er sich nicht äussern. Zu peinlich ist ihm die Angelegenheit. Er will seinen Ruf nicht noch mehr schädigen. Ja, es geht um Kopf und Kragen. Rainer Brüderle entzieht sich der Schlinge. Ein Politprofi hält die Luft an angesichts der Protestwelle, die über ihn schwappt. Provokationen, Fehltritte, Skandale… werden sie öffentlich sprudeln Reaktionen. Kein Wunder kein Kommentar.

Während der Aufschrei-Debatte wurden zehntausende Tweets durchs Netz gepumpt. Der zielgenau lancierte Artikel einer Stern-Redaktorin über die plumpe Anmache eines Parteichefs und Lüstlings löste in Internet-Muskeln gewaltige Kontraktionen aus. Es waren Ausnahme-Zuckungen. Der Normalzustand ist eher entspannt, ja Lähmung… die völlige Stille der Long-Tail Galaxie.

Es ist die Stille im Universum der 700’000’00 Facebookers, 200’000’000 Twitterers und rund 200’000’000 Blogs weltweit (oder 240000000000 URLs). Hier treffen wir auf jene, die ihre Gedanken zum Tag nicht in gebundene Büchlein kritzeln, auch nicht Lebensweisheiten auf Post Its an den Kühlschrank kleben oder ihre Photos teilnahmslos auf Festplatten ablagern mögen. Die Katzen-, Rezepte-, Reise-, Belustigungs- und Befindlichkeitsblogs – den cuirhommeblog mit täglich einer handvoll oder weniger Klicks. Klicks, nicht Lesende. Denn Lesende würden hin und wieder kommentieren.

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Seitenaufrufe cuirhommeblog

In Schulklassen sitzt mehr Publikum – Klick-Statistik cuirhommeblog

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Vergiss mich nicht

Das Netz vergisst nicht, heisst es. Doch da ist nichts, was in Erinnerung bliebe. Wo nichts wahrgenommen wird, gibt es nichts zu erinnern, nichts zu vergessen. Möglicherweise sind da mehr Blogger als Lesende. Zwar besteht die Gefahr, dass Unpässlichkeiten entdeckt werden – auch wenn sowieso kein Schwein Blogs liest. Doch sind dies Einzelfälle.

Die in Social-Media zelebrierte Redefreiheit führt nach Carl Trueman zu einem Paradox: „Wo jeder das Recht zu sprechen hat, meint am Ende jeder, dass er auch ein Recht hat, gehört zu werden; und wenn jeder allgemein denkt, er hat ein Recht gehört zu werden, dann läuft das auf eine Situation hinaus, in der keinem wirklich mehr zugehört wird“. Die gesellschaftliche Relevanz der Blogger ist vergleichbar mit jener der Panini-Bildchen Sammler. Die Begrenzungen der Online-Kohorten bleiben ebenso bewahrt wie der Dunstkreis der Fussballer-Kollegen – geschlossene Online-Stämme.

Nur wenige gelangen in den Kreis respektierter A-List-Blogger. Meist sind es durch Werbung oder von Unternehmen finanzierte kommerzielle Seiten oder von Journalisten (überproportional häufig konservativ) betriebene Blogs (Ranking). Bestehende Machtverhältnisse werden nicht untergraben – wie oft und gern von den Enthusiasten kolportiert – sondern im Gegenteil gefestigt. „Je populärer Blogs werden, desto weniger ist sicher gestellt, dass sie zur Aufklärung beitragen,“ meint Geert Lovink (siehe Buchtipp). Big Player im Reallife binden mit jeglichem Nonsens die Aufmerksamkeit von Millionen. Und ein Mittelbau von Blogokraten – ebenfalls im realen Leben gut vernetzt, sonst würde auch sie niemand lesen –  stützt dieses System. Sie bearbeiten ihre Themen (vorzugsweise Medien, Mode, Moneten) ausdauernd und vermitteln ihr vermeintlich zukunftsträchtiges Know How an Hochschulen in Multimedia Lehrgängen. Bloss interessieren diese Lehrgänge kaum jemanden. Amateure bevölkern die Szene. Sie meiden Professionalisierung. „Profis“ eignen sich einzig zum Verwalten der Netzwerke grosser Unternehmen.

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Zum Platzen satt

Das Rezept für erfolgreiches Bloggen liest sich wie das Rezept zur Zubereitung von Fastfood-Nahrung: „Veröffentliche Deine Meinung, verlinke wie verrückt, schreibe weniger, 250 Worte sind genug, setze dynamische Überschriften, schreibe mit Leidenschaft, baue Listen mit Aufzählungen ein, redigiere Deinen Eintrag, sorge dafür, dass er leicht zu erfassen ist, schaffe einen konsistenten Stil, übersäe den Artikel mit Keywords“ (problogger.net). Der Blog-Post soll sich durch das Netz arbeiten, gespickt mit Schlüsselwörtern als Köder für die Roboter der Suchmaschinen. Unter der Oberfläche der Differenz herrscht Konformität!

Sind Social Media der Verdauungstrakt des Internets? Wo Eingespeistes hin und her geschoben, geteilt und verwertet wird…? Ein Organismus, der hin und wieder ausscheidet – beispielsweise „Kristallnacht-Twitterer DailyTalk“ – wenn krampfartige Durchfälle die chronifizierte Obstipation unterbrechen? Und wir sind die an wild und wirr zirkulierenden Daten-Fresspäckchen knabbernden Enzyme.

Irgendwann werden wir übersättigt oder gelangweilt weiterziehen. Dann zerbröseln die Netzwerke. Zurück bleiben Datenruinen, die der letzte verbleibende Administrator löscht. Jetzige Social Media sind Übergangsphänomene mit ihrer Bedeutungslosigkeit anstelle von Bedeutungsvielfalt. Carl Trueman rät: „Lache über die eigene lächerliche Komplizenschaft in diesem ganzen Unsinn; decke die Widersprüche des Systems auf und wofür sie gut sind; mache dich über die Blogwelt und ihre gehaltlose Selbstüberschätzung lustig; (…).“

Ob das genügt, das System von innen zu unterwandern? Wenn sich die Technologie und deren Eigner nicht noch mehr gegen uns wendet (Registrierung, Infantilisierung, Kommerzialisierung), gäbe es vielleicht Hoffnung. Und dann? Noch einmal Geert Lovink: „Wie man das Fehlen von Bedeutungszusammenhängen überwindet, ohne dabei wieder in zentralisierte Bedeutungsstrukturen zurückzufallen, ist die Herausforderung, vor die uns die bloggenden Millionen stellen.“

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Das empfehlenswerte Buch (aus dem obige Zitate stammen) zu diesem Blgoeintrag

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