Mit Musik lässt sich kein Geld mehr verdienen? Promotions-Ereignisse wie die Swiss Music Awards lassen etwas anderes vermuten. Mit derlei antiquierten Anlässen hält die Musikindustrie an überholten Rezepten fest, belohnt (oder überschüttet – je nach Standpunkt) die von ihr in den Markt gepumpten Eintagsfliegen und langjährigen Musik-Krampfer mit ein paar Minuten unterbelichtetem Glamour. Vor allem aber wird versucht, an längst verblichenen Blütezeiten der Pop- und Rockstars festzuhalten. Und an den einst sprudelnden Einkünften der Platten- und CD-Verkäufe.

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The Show Must Come To An End

Aus ist mit Goldgräberstimmung,  mit „the show must go on“. Die ökonomische Verwertbarkeit dieser Musik erodiert – zumindest jene der lieblos produzierten, aufgebauschten One Hit Wonder. Vor 10 Jahren kauften die Leute noch rund doppelt so viele CD wie heute. Obschon legale Downloads kontinuierlich zulegen, vermögen sie die Umsatzeinbrüche nicht zu kompensieren. Noch ist die CD kein Auslaufmodell, sie wird letztlich aber nur als exklusives Liebhaberinnenstück überleben. Vorausgesetzt, es werden dann noch ganze Alben produziert!

Eine Branche schrumpft sich gesund. Die betroffenen Musikerinnen und Musiker suchen derweil nach alternativen Einnahmequellen; beispielsweise Liveauftritte. Dies scheint kein schlechtes Geschäft, wenn man bedenkt, dass es sich für ein grosses Medienhaus offenbar lohnt, seine Glaubwürdigkeit im Journalismus einzubüssen, nur um den Musik- und Event-Markt (eigentlich sinnlos, zu differenzieren) umfassend zu promoten und tüchtig mit der Verwertungskette rasseln zu können.

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Nachtarbeit, Hirshoi Watanabe, Tokyo 2011

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Da mag ich kein Ohr leihen. Denn abseits von Show-Kämpfen um einbrechende Umsatzzahlen und dem Urheberrechts-Geplänkel entsteht hörenswerte Musik. Und interessante Arbeitsmodelle. Hiroshi Watanabe (aka Kaito) spielt vermutlich jenseits von Star-Streben und Popanz-Gebahren. Als einer unter tausenden „Technomusikern“ produziert und veröffentlicht er kontinuierlich seine Musik. Dazu braucht er kein grosses Tonstudio, keine illustren Produzenten, kein überschwängliches Marketing.

Das an sich ist weder neu noch aufregend. Auch nicht, dass Watanabe regelmässig als DJ tief in die Nacht hinein arbeitet. Interessant und (möglicherweise) zukunftsweisend ist, wie vielschichtig, ja generalistisch er dabei vorgeht. Hiroshi Watanabe „komponiert“ unter wechselnden Pseudonymen nicht nur für seine eigenen Projekte, sondern auch für Computerspiele. Und er fotografiert. Mit seinen Fotografien schafft er ein persönliches, stimmiges CD-Artwork.

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Artworkaito

Tonträger eingehüllt in Watanabes Fotos

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Music Must Go On

Nun lässt sich einwenden, auch Gölä arbeite nebenbei auf dem Bau, Carlos Leal schauspielere und Stefanie Heinzmann helfe als Jurorin bei einer Casting-Sendung aus. Sie alle sind oder waren aber Protagonistinnen eines allmählich nostalgisch anmutenden Star-Systems, das immer schwerer zu füttern ist. Event-Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ belegen diese Tatsache nur zu gut. Die DJ-Produzentinnen und -Produzenten arbeiten im Hintergrund – obschon es auch bei ihnen Rückfälle in Star-Muster gibt –  häufig unter Pseudonym und im Eigenverlag. Sie reisen von Ort zu Ort, von Club zu Club, da hin, wo die Menschen sich treffen, zuhören, trinken und tanzen wollen. Vergleichbar mit Volksmusikern, die am Abend zum Tanz aufspielen oder nach dem Gottesdienst mit schlichten Liedern die Gemeinde erfreuen.

Lüpfige Musik (heute: Groove) lässt sich mittlerweile ohne jahrelanges Instrumenten-Training produzieren. Ein solide Ausbildung ist zwar nach wie vor sehr förderlich – siehe Watanabe. Doch mit entsprechendem Talent und erschwinglicher Software bringen selbst Notenbanausen packende Klänge hervor.

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Insert: wem gebührt dann das Urheberrecht, wenn musizieren im wesentlichen im Abrufen und Arrangieren von Presets besteht? Den „Musikern“ oder den Software-Entwicklerinnen? Technologische Entwicklungen wälzen die Berufswelt um. Berufe verschwinden (Schriftsetzer, Fotografinnen, Journalisten, Musikerinnen…), neue entstehen (Blogger? Netzwerkerinnen?)

Die Musik von Kaito/Watanabe mag ich seit vielen Jahren. Nun konnte ich ihn im Internet neu entdecken. Offenbar inspirieren die expressiven bis sentimentalen Klänge zu eigenständigen Visualisierungen. Damit entfaltet sich eine weitere Qualität dieser Musik, findet in den visuellen Übersetzungen eine weitere, interessante Anwendung und Verwertung. Der Remix oder die Interpretation auf der Bildebene. Traditionalisten würden sagen, der Soundtrack ist einfach geklaut… Ich finde, es ist an der Zeit, diese Argumentation in Frage zu stellen.

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Videos zu (oder mit) Musik von Hiroshi Watanabe

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Insert: Frei zugänglich aber nicht gratis! Vorschlag: für jede Minute Video (oder Musik), die ich im Netz hochlade (und teile) zahle ich 1 Euro (1 Dollar , 1 Franken etc. angepasst an die länderspezifische Kaufkraft). Allein die 6,2 Millionen täglich bei Youtube hochgeladenen Minuten ergäben umgerechnet ein hübsches Sümmchen, das an die Urheber verteilt werden könnte.

 

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