„Mein Sohn hat was ausgefressen, er braucht Bestrafung“. Der Mann schlägt seinem Kind mehrmals mit der Faust ins Gesicht, bis der Kleine umfällt. Von einem Streich aufgeschreckt, rennt eine junge Frau aus ihrer Wohnung auf die Strasse. Ein Auto überfährt sie. „Streich ging schief! Frau stirbt“  lautet lapidar die Überschrift. Zwei Youtube-Videos unter vielen!

Menschen schlagen, Menschen quälen, Menschen sterben und Menschen stellen die Aufzeichnungen davon ins Netz. Putzig horrible Pleiten-, Pech- und Pannen-Videos sind das nicht. Es sind die „Gesichter des Todes“die uns erschrecken. Anders als die Video-Reihe aus den 1980-ern, sind die Filme heute nicht mehr indexiert und verboten.

Oder doch? Jedenfalls sind sie im Internet frei zugänglich. Den Link zum Vater, der seinen Jungen prügelt, bekam mein Sohn via Facebook-Account, der allerlei  „affengeiles Zeugs“ – so der Name der Seite – im Netz teilt. Selbst das seit Erscheinen vor 30 Jahren verbotene Texas Chainsaw Massacre ist auf Youtube anzusehen. Ungebremste, grauenvolle Lust…

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Auf Verderb…

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Real or fake?

Ist das nicht gestellt? Unter diesem Vorwand lässt sich alles posten und ansehen und die Nerven beruhigen (Kommentar: „looks so real haha great job“). Kaltblütig auf solche Darstellungen zu reagieren und echte Wirklichkeit von Bildwirklichkeit zu unterscheiden stärkt gar den Status. Zumindest unter Jugendlichen. Der Horrorfilm machte es einem einfach: natürlich war das gestellt, wenn auch möglichst realistisch ja hyperrealistisch dar-gestellt. Das Material im Netz lässt diese Frage oft nicht schlüssig beantworten.

Sequenzen mit kompilierten Bildern von  Überwachungskameras jedenfalls scheinen authentisch.Bereits dienen solche Filme einem guten Zweck: die Polizei veröffentlicht Aufzeichnungen von Verbrechen oder Unfällen. Sie sollen die Tätersuche unterstützen oder abschrecken, z.B. Rowdies im StrassenverkehrJugendliche suchen diese Szenen aus Lust, zur Zerstreuung oder um sich Grenzerfahrungen zu ermöglichen. Die in durchstrukturierten und behüteten Gesellschaften weg-gesicherten (oder unterdrückten) Schreckerfahrungen finden durch ein Hintertürchen wieder Zugang zu unserem Alltag.

Wer die Geburt eines Kindes erlebt und dabei erfahren hat, wie nah Leben und Tod liegen können, wer Sterbende begleitet oder die Ängste und Schmerzen schwer kranker Menschen kennen gelernt hat, der erträgt solche Darstellungen kaum.

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Körperschäden

Anstatt Leid und Grausamkeit einzig um Aufmerksamkeit zu erlangen als Show- oder Schockeffekt zu inszenieren (und damit banalisieren), gäbe es genug drängende Fragen rund um Körper, Schmerz und Verlust zu formulieren. Denn wir werden immer mehr zu Prothesen der Medien – und nicht umgekehrt. In unserem Leben gibt es immer die Furcht vor dem Tod, die Furcht vor dem Leiden. Doch wenn man diesen Schmerz verstehen will, muss man ihn inszenieren,“ sagt Marina Abramovic, die sich in einer Performance den (Gewalt-) Phantasien des Publikums aussetzte. Bei ihr ist die Not kein Show-Effekt sondern am Körper realisiertes Erleben.

Zu den Anfängen der Aktions- oder Performance-Kunst galt es, die „Defetischisierung von Verhaltensweisen“ ( Wolf Vostell) voranzutreiben. Sich von Konventionen und (Geschlechter-) Rollen zu befreien. Heute ist es einerseits umgekehrt: Wir müssten hinterfragen, was wir uns antun mit dem Zuviel an Freiheit… Freiheit zu verletzen, beleidigen, demütigen, der Freiheit, sich alles anzueignen.

Andererseits ist die Fetischisierung der Verhaltensweise umfassender und subtiler denn je in uns verankert. “ Man musste unbedingt zu einer Art Befreiung, zu befreienden Mitteln greifen. Ich habe die Bilder nur mehr zerschnitten und ausgepeitscht“. Günter Brus‘ Befreiungsschlag, so theatralisch er 50 Jahre später auf uns wirkt, war ein nachhaltiger, emanzipatorischer Akt.

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Suchbewegungen

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Orlan – Ihr Gesicht nach dem Vorbild der Mona Lisa mehrfach operiert. Plastische Chirurgie als Performance. Der zerstückelte Körper

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Stelarc – amplified body, the third hand, der Körper ist überholt, dient nur noch als Schnittstelle.Hybride Mensch-Maschinen-Systeme

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Aziz + Chucher – Das transpersonale Universum im Cyberspace. Die von extremer Idolatrie geprägte hypermenschliche Psyche unseres Zeitalters 

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Günter Brus – Selbstbemalung und – verletzung in der Aktionskunst. Bestandesaufnahme gelebter Erfahrung. Erregung als Selbstinitiation

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Joko Die Nadel durch die Brust ziehen. Dem Schmerz des Gegenübers sich stellen. Von Angesicht zu Angesicht

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 cuirhomme – Passfoto kopiert und kopiert und kopiert. Der robokop.f

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Den Akt gilt es zu wiederholen. Ein symbolischer Akt und ein Manifest wider die Barbarei der kommerzialisierten Affekt-Steuerung. Künstlerische Darstellungen regen uns an. Ohne Umschweife. Anders als wissenschaftlich analytische Untersuchungen in ihrer logisch nüchternen Sprache kommuniziert die Kunst sinnlich. Sie veranschaulicht Ambivalenz, Erahntes, selbst Unbeschreibliches. Auch wenn wir dabei erschrecken, die Not können wir erkennen ohne lähmenden Schock.

Verzichten wir auf den plakativen Schreckens-Porno und dessen zerebral wirkende Einschüchterung. Die materielle, künstlerische Realisierung setzt auf Prozesse, denen wir uns anschliessen können. Hier bleiben Reflexions-Räume gewahrt. Das ist das Gegenteil jener Attacken, mit denen uns das Internet konfrontiert.

„Was sich unterhalb der Schwelle wohlinstitutionalisierter Lebensordnungen (…) an den Rändern eines hochmobilen Wirtschaftssystems anbahnt, sind neue symbiotische Formen im Alltag, in denen sich das Kognitiv-Instrumentelle mit dem Moralisch-Praktischen und dem Ästhetisch-Expressiven wieder berührt, ist ein Kranz surrealistischer Erscheinungen, die vielleicht doch nicht nur Regressionen anzeigen, sondern Suchbewegungen.“ ( Jürgen Habermas)

Suchbewegungen. Nicht Heimsuchungen!

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…und Gedeih

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Die Kehrseite der Freiheit: Internetsoziologe Stephan Humer

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