Neymar soll dem FC Barcelona wieder Fussball-Galas bescheren. Eine halbe Million Euro wird der 21-jährige Brasilianer dafür pro Monat kassieren. Die Katalanen sollen für den neuen Fussball-König bis zu 60 Millionen Euro Ablöse überweisen.

„Erotik ab 50 Franken“ gibt es im Sex-Club im Nachbardorf. In Flatrate-Bordellen kann Mann für 100 Franken mit so vielen Frauen so lange machen was er will oder eben kann – mutmasslich Sex haben. Die Darstellerin eines Pornofilms verdient an einer Sex-Szene zwischen 300 und 1000 Euro.

Abgesehen von den weit auseinander klaffenden Verdienstmöglichkeiten verrät auch der sprachliche Umgang einiges über die Genres: Gala hier, Schmuddelfilm da… Glamour und Erfolg prägen den Profi-Fussball, Ausbeutung und Demütigung die Sex-Branche. Wir bejubeln Wettkampf und Leistung, rümpfen aber die Nase bei Triebhaftigkeit und Kontrollverlust. Dabei haben Fussball- und Sex-Geschäft mehr gemeinsam, als dass sie trennt.

.

posing

Sehnsuchtsposen: Sieger-Typen und Lust-Frauen (1)

.

Frauen- und Männerhandel

Die Dimensionen des Frauenhandels sind schockierend. Millionen von Frauen und Mädchen werden unter falschen Versprechungen verführt oder verschleppt um sich dann zu prostituieren. Sie verlassen ihre Heimat um der wirtschaftlichen Misere zu entkommen – oft unter Druck gesetzt von der (männlichen) Verwandtschaft.

Tausende junge Männer verschlingt der Menschenhandel im Fussball-Business. Zynisch, die Anzahl der verschleppten Frauen und Männer gegeneinander auszuspielen… Es sind andere Dimensionen, aber die zugrunde liegende Systematik ist vergleichbar. Die Erfolgs-Geschichten von Jahrhundert-Talenten wie Lionel Messi oder Neymar täuschen darüber hinweg, dass tausende afrikanischer und südamerikanischer Männer in diesem Geschäft nicht reussieren und auf der Strasse landen oder delinquent werden.

Die Transfersummen, die für Top-Spieler fliessen, sind gelinde ausgedrückt anstössig. Diese Millionen setzen die Spieler enorm unter Druck. Wer kann oder will angesichts solcher Summen seinen Körper achten!?

.

Maximale Körperbeherrschung und Körperverlust

Für mich gibt es kaum widerlichere Szenen anzusehen, als jene, in denen Spieler in Zeitlupe foulen, grätschen und treten. Da wird Körperverletzung bis hin zur Invalidität in Kauf genommen. Unter dem Diktat von Kampfgeist und Siegeswillen brechen Knochen und reissen Sehnen. Hinterlistig wird gespuckt, gegrätscht, geschlagen, geflucht und simuliert.

Dem kommerziellen Pornofilm und dem durchschnittlichen Sexarbeiterinnen-Auftrag fehlt diese zur Schau gestellte Grausamkeit. Sie verbirgt sich ausserhalb der Kadrage, jenseits des Etablissements. Da, wo der Traum vom Pornostar sich als die verstörende Realität des Freier-Verkehrs entlarvt mit all seinen pubertären Allmachtsphantasien und dem von Pornografie aufgeladenen Potenz-Gehabe. Der Berufs-Alltag ist von Eintönigkeit, ständiger Verfügbarkeit und Apathie geprägt. Respekt gebührt jenen, die solche Arbeitsbedingungen ertragen.

. 

schmerz

Martyrium: Kampftrieb und Triebkampf bis zur Selbstverleugnung (2)

.

Paradox: die Körper-Optimierung befördert den Körper-Verlust, die Selbstbeherrschung basiert auf Selbstaufgabe. Ausdauerndes Training, schmerzstillende Medikamente, Drogen und Doping machen die Körper der Frauen und Männer gefügig, dämpfen den Schmerz. Die allermeisten Sexarbeiterinnen kennen Schmerz und Leid von früh auf, fast alle seien sie irgendwann oder gar regelmässig missbraucht worden. Mit solchen Erlebnissen verbunden sind starke Verlustängste: „Der Schmerz des Leidens ist eine Abwehr gegen den grösseren Schmerz des Verlusts.“(3) So kann Leiden zur Lust oder zumindest Entlastung werden. Auch für jene jungen Männer, die in afrikanischen oder südamerikanischen Spieler-Plantagen heranwachsen.

.

Radikale Marktwirtschaft

„Meine Kinder dürfen jeden Beruf ausüben – ausser Soldat oder Prostituierte…“ sagt eine Bekannte. Kaum vorstellbar, wo einem weniger Autonomie bliebe. Dagegen sind Fussballer oft die ersten Idole für Jungs und bleiben Vorbilder für junge Männer. Sie identifizieren sich mit dem Erfolg der besten Spieler, kaufen die Trikots ihrer Helden und tragen sie im Training oder in der Schule.

Derweil orientieren sich Frauen mehr und mehr an ästhetischen Vorgaben der Porno-Industrie und dem von ihr idealisierten Verhalten – wahrscheinlich gedrängt oder verleitet von ihren Partnern. Diese medialen Zerrbilder vervollständigen Castingshows wie „Germany’s next Topmodel“, Szene-Magazine oder Boulevard-Blätter.  

Vorgetäuschtes Foul oder gespielter Orgasmus – die Show ist alles. Ob aus Siegeszwang oder Triebdrang: Gewalt bleibt Gewalt. Was  ist obszöner? Die gegenüber den Pornodarstellerinnen und Prostituierten angetane (notorische) Gewalt um Triebe abzuleiten? Oder die (ignorierte respektive via Fairplay-Initiativen verdrängte) Gewalt am Körper um über den Gegner zu triumphieren?

.

marketing

Marketing: sie hat den eigenen Körper, er dealt mit dessen Verlängerungen (4)

.

Körper umzugestalten und auszubeuten ist hier zum „körpertechnologischen Imperativ“(5) geworden und darüber hinaus zum massentauglichen Phänomen: Intimbehaarung entfernen, Brust vergrösseren, Schamlippen verkleinern, Analbleaching, Doping, Analgetika, Bodybuilding. Das sind nicht mehr nur die  „…Vorboten der möglichen Körperindustrialisierung das 21. Jahrhunderts.“(5)  Wie weit dürfen einzelne ihren Körper ausbeuten oder kapitalisieren und damit das Wettrüsten gegen den eigenen Leib vorantreiben? Und damit auch andere unter Druck setzen?

Ist das Limit nicht überschritten, wenn ich mich im Berufs-Sport mit anderen nur messen kann, wenn ich ebenfalls leistungssteigernde Substanzen zu mir nehme? Wenn ich mir die Haare mit Sperma vollspritzen lassen muss, obschon ich das nicht mag? Wenn Frauen sich die Brüste operieren lassen, um von ihren Männern geschätzt zu werden? Wenn ich mich im Beruf bis zum Burn Out verausgabe, um nicht meinen Job zu verlieren?

„Handle so, dass du verwendete Körperpraktik immer wieder wollen kannst und du den anderen und dir selbst niemals bloss Mittel, sondern immer auch Zweck bist.“(5) Dem widerstreben Pornografie und Profi-Fussball. Beide idealisieren und/oder verharmlosen Selbstausbeutungstechniken. Über die elenden Einzelschicksale hinaus betrifft uns das alle!

.

(1) Arjen Robben und Maddy O’Reilly

(2) Franck Ribéry und Sasha Grey

(3) Léon Wurmser zitiert in „Das Rätsel des Masochismus“ Sheldon Bach.

(4)  Zlatan Ibrahimovic und Jessie Andrews

(5) Volker Caysa in „Körperutopien – Eine philosophische Anthropologie des Sports“

Advertisements