Nur ein paar Klicks bin ich entfernt vom Familienfest in Sao Paulo oder der psychosozialen Entwicklung eines Mädchens in Kingston. Dem Soldaten Jarad kann ich zusehen, wie er im karierten Hemd oder der Uniform inklusive Maschinengewehr posiert. Achmed aus Khartoum mag Fussball und verspottet zaghaft islamistischen Terror. Das lese ich aus seinen Facebook-Postings

Eine Millarde Facebook-Profile eröffnen mir ein virtuelles Sightseeing. Ohne Touristen-Ticket! Auch der klimatisierte Doppeldecker-Bus kann mir gestohlen bleiben. Facebook liefert mir Ansichten von Menschen und den Sehenswürdigkeiten ferner Länder frei Haus. Keine Reiseleitung, die im Minutentakt von Ort zu Ort treibt, keine kalkulierten Knips-Stops oder Transfers zu Souvenirläden mit ihren Staubfängern. Ich verweile da, wo ich will und wann ich will.

Zwar fehlen Gerüche und Geräusche. Dennoch entdecke ich charakteristische Besonderheiten einer Region und der Menschen, die dort leben. So mögen es die Amis offenbar martialisch, mit Tattoos, Muskeln und Waffen. Japaner fotografieren Kulinarisches und die Saudis zelebrieren Fahnen und Schriften. Es bestätigen sich (auf den ersten Blick) die Klischees.

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Irgendwo auf Erden – in Facebook-Profilen

Hier Ausschnitte von Fotosammlungen jener Menschen aus aller Welt, die ich mit wenigen Klicks bei Facebook aufspürte. Nivellierte kulturelle Identität hinter globalisierter Inszenierung (auf den zweiten Blick):

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iranIran

SimbabweSimbabwe

UkraineUkraine

DemokratRepublikKongoRepublik Kongo

maltaMalta

Fidschi Fidschi

AfghanistanMAfghanistan

NepalNepal

SuedKoreaSüd Korea

IslandIsland

RusslandRussland

TrinidadTobagoTrinidad

JapanJapan

USAmUSA

SerbienSerbien

AethiopienAethiopien 

JemenJemen 

SaudiArabienSaudi Arabien 

AlbanienAlbanien 

BrasielienBrasilien

SuedAfrikaSüdafrika

PakistanPakistan 

UgandaUganda 

TschetschenienTschetschenien

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Offen herumliegende Fotoalben

Erstaunlich, wie viele Profile völlig frei zugänglich sind. Vor wenigen Jahren noch hätte kaum jemand daheim wildfremde Menschen in seinen Fotoalben blättern lassen! Bloss, wer kennt heute noch Fotoalben? Nicht nur professionelle Berichterstatter sondern auch Privatpersonen nutzen heute regelmässig die Fotografie, um Informationen auszutauschen. Seit der Digitalisierung zirkulieren Fotos so selbstverständlich wie Notengeld. Während wir einst zum Familienfest, am Dia-Abend oder in besinnlichen Momenten anhand der Bilder in Erinnerungen schwelgten, produzieren wir heute ein gigantisches Archiv der Bilder – ein globales Bildgedächtnis.

Enthüllungen über Spionageaktivitäten wie jener der National Security Agency (NSA) fördern möglicherweise die Sensibilität gegenüber dem eigenen exhibitionistischen Verhalten. Vielleicht werden wir stutzig, wenn Datenschützer Hanspeter Thür meint: „Viele Personen wissen nicht, dass es möglich ist, mit vergleichsweise wenig öffentlich zugänglichen Informationen eine Person ziemlich sicher zu identifizieren“. Vielleicht aber auch nicht. Denn einerseits protestieren wir gegen Schnüffelattacken, andererseits nutzen wir begeistert technische Innovationen, die uns immer transparenter erscheinen lassen.

Das Transnationale im globalisierten, postkapitalistischen Markt macht uns alle zu global players. Martin Albrow: „Man geht als Katholik zu Bett und erwacht als Moslem“. Lustvoll ist es, das entterritorialisierte Soziale… wenn wir bloss nicht den Boden unter den Füssen verlieren!

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