Er gab den „Juden- und Negerschlachter“. Kontrahenten lud er provokativ zu sich nach Schwanden ein – sie sollten sich nur getrauen. Dann wieder posierte der 39-jährige Fassadenbauer aus dem Glarnerland in Unterhose und mit Kleinkind im Schoss als fürsorglicher Vater. Seinen wahren Stolz jedoch schien er auf, nicht in der Brust zu tragen: tätowierte Nazi-Symbole. Am ganzen Körper. Martialisch anzusehen, gefiel er sich in der Pose des emotional verwahrlosten Drogenkillers, kriminellen Gangmitglieds, gnadenlosen Outlaws…

Der unreife Zerstörer wurde in sozialen Medien scharf attackiert, das Vokabular ebenso sexualisiert wie jenes des Bersekers, orientiert an Verdauungsvorgängen und den Ausscheidungen des Körpers: „Manche werden nicht geboren, manche werden geschissen“, der „miese kleine Wixer“ und „Nazipisser…“, „der muss weg…“ In den Schützengräben der sozialen Netzwerke knatterte identisches verbales Kaliber.

Der Twitter-Account von 1291helvetia74 ist inzwischen gelöscht, die Polizei hat ihn verhört und danach wieder frei gelassen. Seiner Leidenschaft wird er mit Kind und Frau – offensichtlich gleich gesinnt und ebenfalls (Ex) Twitterin – sowie Spiessgesellen weiterhin fröhnen.

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Bohren.Andere spalten, um der eigenen Spaltung zu entkommen

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Zappelt da die Dolchspitze einer neuen Bewegung? Warum findet das so zerstörerische und zutiefst verlogene Nazi-Regime und dessen Ziele selbst 70 Jahre nach der Zerschlagung immer noch Verehrerinnen und Ergebene? Weg waren diese Leute ja nie. Doch haben wir es hier kaum mit den Kindern von Altnazis zu tun. Wer engagiert sich denn da, integriert in politischen Organisationen oder versammelt an dunkelsten Rändern der Gesellschaft?

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Rassismus als Krankheit

Wahrscheinlich ist es gar nicht die Gesinnung, der wir weiter nachforschen sollten, sondern die Krankheit, die solche Gesinnung nährt. Müssten wir nicht der Frage nachgehen, „warum sich dieser Typ nicht in den Analytikerzimmern und psychiatrischen Kliniken eingefunden hat, sondern in der Politik?“ (Klaus Theweleit). Der Zwang zu Einheit und Zusammenhalt, der unerschütterliche Gehorsam gegenüber Herrschaftsgebilden, die Fetischisierung von Symbolen, die Zuneigung zur Pornografie und die Diffamierung der Frau – oder des Körpers der Anderen („Weiber sind da zum ficken und dann wegwerfen“ (1291helvetia74) – und die damit verbundene Kontrolle der Lust… all das lässt darauf schliessen, dass politische Meinung nur die Verpackung des Klebstoffs ist, der geborstenes Selbst verleimt und den Ich-Panzer zusammen hält.

Theweleit: „Der Nicht-Zuende-Geborene ist sich seiner und der Emotionen und der menschlichen Möglichkeiten anderer nicht sicher. Der drohenden Gefahr wegen, die für ihn in der Lebendigkeit der menschlichen Produktionen steckt, ist er bereit, auf vieles zu verzichten.“ Nur nicht auf Alkohol, möchte ich anfügen. Denn der lässt geahnte Grenzen kurzzeitig verschwimmen, öffnet Schleusen.

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Ich-Panzer, zusammen gehalten von gezeichneter Hülle

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Danach geht der Käfig wieder zu, das innere Tier ist fest gezurrt, doch nie gänzlich weg gesperrt. Unweigerlich taucht es wieder auf…! Aussen, als das Fremde, Falsche, Böse. Im Zaum gehalten oder noch besser vernichtet wird dann der Neger, Jude, Moslem, der Linke, die Frau. In den Lagern der Gegenseite ist es: der Fascho, der Bulle, der Abzocker, die Bonzen, der Mann etc. „Wer immer einen bedrängt, ist das gleiche wie man selbst.“ Elias Canetti trifft mit wenigen Worten, was viele nicht begreifen wollen, nicht begreifen können.

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Mutterschiff verlässt Vaterland

Weisse Frauen schenkten dem Führer ihre Kinder – als Treibstoff für die Herrschaftsmaschine. Schwarzen blieb nur Sehnsucht. Als die Sklavenhändler bemerkten, dass sie schwangere Frauen verschleppt hatten, warfen sie diese während der Überfahrt ins Meer. Unter Wasser gebaren die Frauen Kinder und diese water babies gründeten Unterwasserkulturen. So die Sklaven-Erzählungen. Überfallen, erobert, geraubt, geschändet, unterdrückt ist die afrodiasporische Kultur geprägt von Befreiungsversuchen: Free-Jazz anstelle von Marschmusik, Techno statt Turbo, Drogen statt Drill. Und ist die Erde unbewohnbar, bleibt nur die Flucht ins All (Sun Ra).

„I have a dream“ sagte Martin Luther King. Ich habe ein Endziel, meint der weisse Mann. Die Diskrepanz besteht weiter, so lange ein Weisser einen amerikanischen Jugendlichen straffrei töten kann oder Menschen Twitter-Accounts wie diesen betreiben. Fällt kein Licht in ihr Inneres, verrotten auch die Ich-Panzer mit ihren dicken Stahlschichten nicht.

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Den Neger bändigen? Sun Ra wird mit Militärmusik gefoltert (1)

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Gräben überall

Verlasse ich die Schützengräben, stolpere ich dauernd in Gräben, die durch die Gesellschaft gezogen sind. Die sind tückischer, noch gravierender. Verblüffend, diese Rüpelei. Da twittert ein Nationalrat und geschasster Institutsleiter: „Frau Widmer- Schlumpf, Sie haben keine Mehrheit im Parlament, Sie sind Vertreterin einer Bonsai-Partei. Machen Sie sich vom Acker!“ Eine Journalistin schreibt einer Professorin und Kolumnistin „Hat’s dir ins Hirn geschissen…“ was die Professorin wiederum schnurstracks auf ihrem Facebook-Profil veröffentlicht und zurück schnaubt. Eine Nationalrätin bezeichnet einen Journalisten als „feigen Spiesser…“. etc. etc. Da sind Presse-Erzeugnisse wie die Weltwoche, die nicht davor zurückschrecken, mit esoterisch anmutenden Enthüllungen die Öffentlichkeit zu verwirren. Die Berlusconis, Putins, Orbans und andere Despoten denunzieren hemmungslos alles und jeden, der ihnen im Weg ist.

Persönliche Befindlichkeit und das Erreichen der eigenen Ziele scheinen jedes Mittel zu rechtfertigen. Es heisst, content is king. Für dessen schneidige Vermittlung wird dann aber der ganze Hofstab aufgeboten oder zumindest angriffiges Vokabular. „Die politische Kultur steckt in der Tat in einer tiefen Krise. Das Bild hat die Substanz verdrängt, Managertum ist an die Stelle von politischen Inhalten getreten. In dieser Entwicklung spiegelt sich ein Rückzug von den Grundsätzen der demokratischen Kultur wieder, die Realität der Spaltung unserer Gesellschaft…“ (2).  Schreiend und bunt genug kann das Bild gar nicht sein, das man vor sich herträgt. Um so mehr, je erbärmlicher der content-König ausfällt. 

Das Internet verstärkt mit seinen sozialen Netzwerken den Trend: „Pausenlos hören wir von den unendlichen Möglichkeiten, die virtuelle Gemeinschaften bereithalten. Das Problem ist jedoch, dass es bei der Idee von Demokratie im Internet häufig nur um die Vorteile der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft geht – was, selbst wenn ich virtuellen Gemeinschaften eine gewisse Rolle zugestehen würde, noch lange nichts mit Demokratie zu tun hätte.“ (ebd.)

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Township-Lifestyle

Zurück von meinen Exkursionen zu Frotzel-Seiten, schaue ich mich in meiner Twitter-Timeline um. Hier ist es behaglich. Niemand möchte sich den Grillabend oder den Tatort Krimi vermiesen lassen. Die aus Schützengräben fliegenden Petarden hat man satt und teilt lieber Lyrik, Sprüche oder Musik. Eine bessere Welt! Den Rest deckeln.

Bis jemand schwärmt: „ziemlich geile Musik aus der Schweiz“ und es mir schon wieder die Nackenhaare aufstellt. Ist Behaglichkeit denn liiert mit Ignoranz? Diesmal dringt nicht der Sklavenhändler oder Negerschlachter ins Territorium ein, sondern eine Verse vortragende Rapperin. Sie ist aufrichtig und gesteht: „be ou numme Touris i dem bordelle quoi, be ou nur e Tubel wo chli nonsens  lallt.“

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Township-Kulisse mit Alien (3)

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Ganz am Anfang ihres Musiclips ist diese weisse Frau von Township-Einwohnerinnen (vor allem Kindern) umgeben. Wenige Einstellungen später taucht sie nur noch allein auf oder mit ihren zwei afrikanischen Sängerinnen. Dazwischen sind die Kinder montiert wie in anderen HipHop Videos die hüftkreisenden Frauen. Ausserdem: drei ältere Frauen und ein weiterer Sänger. Sie alle bleiben beziehungslos zur Hauptfigur, ganz so wie Tänzerinnen, die auf einer Bühne ihrer Choeografie folgen. In den Credits zum Video erfahren wir, wer es produzierte, wer sang, wer für Styling oder Color-Grading zuständig war. Inexistent: die Statistinnen und Statisten, der Drehort, der Kontext.

„Jetzt sind wir nach Südafrika gegangen, weil mein Produzent Dodo und ich halt immer etwas anderes machen wollen als die anderen“. Steff la Cheffe holt sich in Südafrika Inspiration und Unterstützung, um sich von anderen Produkten abzuheben. Derlei Kulturtransfer ist gängige Praxis – gerade im Musikgeschäft – und würde Chancen eröffnen, überholte Rassismen zu überwinden und Entfremdung vorzubeugen. So wie sich Steff la Cheffe aber als Andere unter Gleichen inszeniert, muss sie sich den Hinweis gefallen lassen, sie reduziere Multikulturalismus auf Konsumbeziehungen und exotische Staffage.

So werden problematische politische und soziale Beziehungen übertüncht. Und das nicht in den Sperrzonen radikaler Hetzer, sondern mitten im pop-kulturellen Mittelfeld. Es ist zu befürchten, dass „auf unterschiedlichen Ebenen kulturelle Zuschreibungen und Konsumverhältnisse, die sich aus alten und neuen Rassismen, Sexismen und Kulturalismen speisen, die Beziehung zwischen Mehrheiten und Minderheiten, Selben und Andren, zwischen den erzwungenen und errungenen Lifestyles regulieren. (Diedrich Diederichsen in „Loving the Alien“)

Die unreflektierte Aneignung der amerikanischen Ghetto-Ästhetik durch Weisse ist schon peinlich genug. Sich nun auch eines Township-Lifestyles zu bedienen, würde eine intensivere, vertiefte Auseinandersetzung und vor allem Integration fordern, als sie hier offenbart wird.

Auch das können oder wollen nicht alle wahrnehmen, geschweige denn diskutieren. In den Kommentarspalten, wo die Problematik thematisiert werden könnte, öffnen sich nicht nur die oben angesprochenen gesellschaftlichen Gräben. Auch aus den Schützengräben schiessen die Klichees. Konflikt ist eben geiler attraktiver als Konsens. Und verschafft erst noch wesentlich mehr Aufmerksamkeit.

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(1) Sun Ra in „Space is the Place“ aus „Loving the Alien – Science, Fiction, Diaspora, Multikultur“

(2) E-Mail-Interview von Mark Terkessidis mit Kevin Robins – „Aus sicherer Entfernung“ in „Imageneering“ (Literaturverzeichnis unten…)

(3) Steff la Cheffe, Still aus Musikclip „Ha ke Ahning“

Literatur: Klaus Theweleit, „Männerphantasien, Band 2. Männerkörper – zur Psychoanlayse des weissen Terrors“ / Diedrich Diederichsen (Herausgeber), Loving the Alien – Science Fiction, Diaspora, Multikultur“ / Tom Holert (Herausgeber), Imagineering, Jahresring 47, Jahrbuch für moderne Kunst“

Ausserdem: Das braune Loch (Dossier vocer.org)

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