Ich steh mit der Band auf einer Bühne. Das Publikum klatscht erwartungsvoll. Die Band legt los und ich müsste die Akkorde auf der Gitarre schlagen. Aber ich kann nicht. Ich kenne weder die Band noch deren Lieder. Auch kann ich nicht Gitarre spielen. Vor vielen Jahren träumte ich diese Szene hin und wieder und erwachte darob verängstigt.

So ähnlich wie in meinem Traum ging es Anfang der 70-Jahre einem Strassensänger in München. Zwei Musiker einer bekannten Band hörten ihn und baten den Sänger noch am selben Abend ins Konzert und auf die Bühne. Er nahm das Angebot an und improvisierte zu den Stücken ohne irgend eine Probe… Ab da war Damo Suzuki der Sänger von CAN. Wilde Zeiten waren das und alles schien möglich!

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Narben der Geschichte

Vor 40 Jahren. Die Bundesrepublik Deutschland zwischen verdrängtem Nazi-Mief und Terrorleichen im Kofferraum von Mittelklassewagen, zwischen Kaufhaus-Rausch und LSD-Trip, im Schatten des eisernen Vorhangs und der Raketenbasen. Die Welt flimmerte farbig in beinah jede Wohnstube, Biedermänner stifteten die Bevölkerung zur Verbrecherjagd an und der stern provozierte Aufruhr mit dem Titel „Wir haben abgetrieben.“ In dieser Atmosphäre drehten Musiker (kaum Musikerinnen damals) an den Reglern ihrer Moogs und schufen den Klang der Revolte. „Unter der Oberfläche der politischen Fieberausschläge rumorte es in der Alltagskultur“ (1).

Trotz – oder gerade wegen – Otto Normalverbraucher und Neckermännern wucherte die Studentenrevolte und die Utopie der Befreiung – Dutschke statt Heintje! Der Soundtrack dazu: Krautrock. 

Krautrock – The Rebirth of Germany von Ben Whalley (BBC)

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Der Rock der Krauts; das war psychedelischer, hypnotischer, gelegentlich minimalistischer, aber auch komplexer, ausufernder Sound. Led Zeppelin traf Stockhausen traf Ravi Shankar. Kaum zu fassen. Die britische Musikradio-Legende John Peel soll die Bezeichnung Krautrock geprägt haben. Ganz ernst nahm Peel die deutsche Szene offenbar nicht. Oder er sprach von ihr mit einem Augenzwinkern. Immerhin soll er die Band Faust als „hochgradig originell und äusserst aufregend“ empfunden haben.

Klangnarben

Die deutsche populäre Musikszene versammelte sich Ende der 1960-er Jahre in der ZDF Hitparade; Rex Gildo, Roy Black, Vicky Leandros. Hinter international klingenden Namen verbargen sich biederste Schlagerinterpretinnen, die von Sonne im Herzen, von Heimweh und dem Unbekannten Mädchen sangen. Das hatte nichts mit Aufbruch und Studentenrevolte zu tun, klang weder nach Napalm-Hölle noch nach sexueller Befreiung.

Eine vielschichtige, funktionierende Popindustrie gab es nicht in Deutschland. „Diese Leerstelle war den Verwüstungen der Nazi-Ära geschuldet, als der Jazz – die populäre Musik der 1930er und 40er Jahre – von den braunen Machthabern als entartet verfolgt und in Deutschland ausgemerzt worden war.“ (1) Erst die ekstatischen Klänge eines Jimi Hendrix elektrisierten die Szene. Im Untergrund wurde experimentiert. Christian Burchard: „Alle Leute, die irgendwie ein Instrument anfassen konnten, durften auf die Bühne. Da waren manchmal zwanzig bis dreissig Musiker. Man hat einfach angefangen, jeder hat gespielt, soviel er spielen konnte, so gut er konnte, was immer einem gerade einfiel. Manche haben nur einen einzigen Ton gespielt, andere viel Töne. Dabei entstand ein derart vielfältiges Klangemälde, wie ein akustisches Jackson Pollock-Bild…“ (1)

Hendrix, die Rolling Stones oder Beatles nachspielen? Nein! Stunde null. Ausbruch. Etwas Neues sollte geschehen… bloss nicht deutsch oder amerikanisch. Offen für afrikanische und asiatische Musik, ja. Vielleicht extraterrestrisch…? Abstrakt, radikal, grenzenlos… Eine Musik, die Spuren legt, die Narben hinterlässt.

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Verblassende Klangfarben

Diese Musik ist aktueller als wir vermuten. Unsere Lebensumstände sind denen der 1970er ähnlicher als uns lieb sein dürfte. Zwar sind wir nicht mehr verbannt in Frontzonen des Kalten Kriegs, auch nicht von konvertierter Nazi-Brut umgeben und die Musikszene scheint vielschichtiger denn je. Aber es wird immer enger!

Regeldichte Welt: vom normierten Abfalleimer bis zum Rayonverbot für Asylanten, die in „sensiblen Zonen“ – beispielsweise Badeanstalten – „Familien stören“ könnten. Unsere Kommunikation wird offensichtlich flächendeckend aufgezeichnet, bespitzelt und ausgewertet, ja wir selbst neigen immer mehr dazu, uns gegenseitig zu überwachen. Wir wollen in Ruhe unser Selbstbild optimieren, nichts Unerwartetes soll stören –

wir sind die Otto-Normalprosumer!

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Und die Musikindustrie? Die versucht die davon schwimmenden, kostbaren Felle mit Urheberrecht-Schleppnetzen zurückzuhalten und steckt – überspitzt formuliert – das übrig gebliebene Geld in Casting-Shows statt Musik-Förderung. Die Hitparaden-Manager von damals sind heute die Bohlens und Bobos. Spiesser-Stars. Gerne würde ich glauben, günstige Musiksoftware hätte die Produktion demokratisiert und damit ein gigantisches, kreatives Potenzial frei gesetzt. Doch bin ich ernüchtert. Seit der Techno-Revolution Anfang der 1990er stecken wir fest in bleiernem Stillstand. Mögen Patterns noch so variabel, Libraries umfassend und Plug-Ins kombinierbar sein – Software fördert Konformität. Wer ein Instrument spielen will, lernt Monate oder Jahre. Die Software produziert sofort Töne.

Wir sind satt, bevor es uns richtig gelüstet.

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Die Ausnahmen sind da, klar. Sie versickern jedoch in youtube-Kanälen und soundcloud-Profilen, verhallen schneller als sie veröffentlicht werden. Schade! Denn oft ist die Musik durchaus hörenswert, erfrischend und spannend. Mangels Öffentlichkeit vermag sie nicht zu bewegen. Keine Eruptionen, keine Aufruhr mehr, keine Risiken. Musikalische Revolutionen sind Privatereignisse geworden. Alles ist mega-cool… und spiessig wie damals.

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Der Glücksfall…

…wenn unterschiedlichste Persönlichkeiten sich zusammen finden und einander zuhören. Beispielhaft: CAN. Populär und Nischenprodukt gleichermassen, experimentell, ekstatisch, stilbildend und noch heute inspirierend. Wer würde uns das heute noch zumuten?

Can: The Documentary von Rudi Dolezal & Hannes Rossacher

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(1) Zitate aus „Klang der Revolte“ (s. Empfehlung am Ende dieses Artikels)

Empfehlenswert:

CAnCAN – The Lost Tapes (2012),  3CD-Box mit bisher unveröffentlichtem Material von einer der aufregendsten Krautrock-Bands (siehe Dok oben)

faustFaust – IV (1973), Doppel-CD mit dem Stück „Krautrock“, gilt als eine der spannendsten Faust-Produktionen

EmbryoEmbryo – La blama sparozzi (2003), Doppel CD mit Musik von 1979 bis 1983, Jazz, Rock, und Elektronik lückenlos vereint mit nordafrikanischer oder asiatischer Musik

tangsTangerine Dream – Stratosfear (1976), mit Moog-Synthesizer und herkömmlichen Instrumenten zu überirdischem Sound

Revolte_Coverklein2Christoph Wagner – Der Klang der Revolte, (2013) Buch mit unzähligen Zitaten und Abbildungen, ein tiefer Blick in die Szenen

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