Hügel in schwarzem Schatten. Mitten im Dunkel. Das Helle weit weg. Ein letzter Wärmehauch strömt über die Weiden her zum Waldrand. Dann wird es rasch düster und kühl. Der Weg windet sich dem Gebüsch entlang und sinkt ins schwere Schwarz des dichten Waldes. Die schlanken Stämme sind Gitterstäbe, zwischendrin ein Mensch wie im Laufgitter. In Freiheit eingesperrt.

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Aeste

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Bald fährt der letzte Bus. Es gibt kein Hin und kein Zurück. Die Nacht! Kein Morgen. „…der lachende Mann (stahl sich) in seiner ungeheuren Einsamkeit in den dichten Wald, der das Versteck der Banditen umgab. Dort freundete er sich mit jeder Menge und Art von Tieren an: Hunden, weissen Mäusen, Adlern, Löwen, Königsboas, Wölfen. Zudem nahm er dann auch die Maske ab und sprach mit ihnen, leise, melodiös, in ihren Sprachen. Sie fanden ihn nicht hässlich.“ (1)

Einen letzten Moment lang glüht in der Ferne das Licht. Wie einst im Club. Stillstand im Stroboskop. Scharfe Gräser. Die Erde noch warm und feucht, ein stilles Tier. Kein Atem. Nackt. Sterbendes Licht. Der Wald klingt. Rundherum leises Knacken, Zirpen, Rascheln, Zischen. Der Waldmensch bricht einen Kolben Mais von der Staude, zieht die Schale ab. Unreif und hart ist die Frucht. Denn Magen stillen… das Herz längst still.

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maisgras

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Einst lebte hier zurückgezogen Herr K. Mit filzigem Haar, vor Scheu flackerndem Blick, zusammen gebundenem Schuhwerk. Verwahrlost, einzig seiner eigenen Wahrheit verpflichtet. Er hielt grosszügig Abstand zu den Menschen. Niemand sollte ihm zu nahe kommen, weder fragen noch antworten. Er trug Kopfhörer unter der Mütze. Selbst im Wald war es ihm zu laut. Wollte er sich ganz den inneren Stimmen hingeben oder glaubte er, sie würden unter dem Kopfhörer verstummen?

„Ich suche weder Freunde noch Fröhlichkeit, auch nicht die helle Üppigkeit des Sonnenscheins oder blitzenden Wassers, das den jungen und fröhlichen Leuten so gefällt. Ich bin nicht mehr jung, und mein Herz ist, durch lange trübselige Jahre des Trauerns über den Toten, nicht mehr an Fröhlichkeit gewöhnt. Der Schatten sind zahlreiche, und der Wind bläst kalt durch die zerbrochenen Zinnen und Fenster. Ich liebe das Dunkel und den Schatten und möchte gern allein sein mit meinen Gedanken, wenn ich kann.“ (2)

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Krone

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Nestbau und Versteck. In einem Lager aus Planen und Tuch übernachtet K. Die Welt geschrumpft zu einer Insel, umgeben von unsicherem Festland aus Laub, Wind, Kälte, Tieren, Einsamkeit und Rückzug. Hin und wieder schlurft er ins Dorf. Die meisten wenden sich ab. Kopfschüttelnd. Die Kinder stecken ihm gelegentlich Süssigkeiten oder Pommes Chips zu – mehr abweisend – und die Frau an der Volg-Kasse übersieht, wenn er nicht genug Münzen dabei hat.

„Wenn ich den Weg, den ich gekommen bin, zurück ginge, könnte ich ins Leben zurückkehren. Ich hätte wohl noch weitere 20 oder 30 Jahre zu leben. Oder besser, ich wäre gezwungen zu leben. Wie bisher. Ohne jedes Interesse und völlig unbeteiligt am Lauf dieser Welt. Da diese Welt nicht für mich geschaffen ist, habe ich beschlossen, in die andere Welt überzusiedeln. Es ist zu spät, jetzt noch umzukehren.“ (3)

Er hat keine Wahl. K. bleibt im Wald. Selbst im Winter. Die Gemeinde richtet ihm am Dorfrand einen Unterschlupf ein. In einem hübschen Häuschen könnte er übernachten. Doch lässt er das. Nur bei Minustemparaturen kommt er spät nachts und geht im Morgengrauen wieder. Erst todkrank lässt er sich pflegen. Nach Jahren im Wald stirbt der stille Mann vereinsamt im Krankenhaus.

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Baumliegend.

Mit dem Licht schwindet die Orientierung. Im Dunkel gibt es keine Distanzen, Abstand lässt sich nicht mehr ermessen. Der Körper endet an der Hautoberfläche. Die Waldmenschen reduzieren ihr Menschsein. Eher Reh, Hase oder Vogel, sammeln, essen, trinken, schlafen sie, entleeren und verstecken sich. Die Hand vor dem Gesicht unsichtbar, der ausströmende Atem sinkt über die Fingerspitzen. Für Stunden, Tage, Jahre. Immer wieder ziehen Menschen sich ins Dickicht zurück.

„So folgte aus dem Anfang ein zeitloses Zurücksinken in das Ganze, auf eine immergleiche, gewollte Insel ohne Wehtun, denn der Stillstand kennt keinen Widerspruch, logischerweise. Und wenn er jetzt, wie er muss, in seiner Geschichte fortfährt, um auszuwickeln, was in ihr angelegt ist, dann immerhin schon gestärkt und ermutigt von diesem möglichen Nichtaufhörenmüssen.“ (4)

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Morgen

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Der Wald schliesst ab nach allen Seiten. Genau so bleibt er durchlässig. Sichtbar, wer auf Wegen geht, verborgen, wer sich ins Unterholz zurückzieht. Die Bäume strukturieren das Gelände, Äste verzweigen und verknoten sich. Baumkronen sind wie Wolken, Blätter kleine Zeichnungen im Dunkeln. Die Objekte reflektieren ein gezielt gerichtetes Licht, angestrahlt vom Blitz des Fotoapparates. Momente in duftendem Raum voller möglicher Entdeckungen und Überraschungen – wie im Netz der Computer. Aus dem Dunkel ins Licht sehen, dem Ausgang entgegen gehen…

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(1) aus „Der lachende Mann“ in „Neun Erzählungen“ von J. D. Salinger

(2) Graf Dracula in Bram Stokers „Dracula“

(3) aus „The Sound of Insects – Record of a Mummy“, Film von Peter Liechti

(4) aus „Was ist was“ von Christian Enzensberger

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