„Gottlose Diebe – Banden plündern Opferstöcke“oder „Störfeuer gegen die Armee“ und „Holländer mit geladener Pistole unterwegs“, dann „Tiefere Steuereinnahmen befürchtet – Regierungsrat lehnt 1:12 Initiative ab. Setzen „linksliberal“ positionierte Redaktionen solche Überschriften? Bringt eine staatshörige Medienindustrie derlei Schlagzeilen hervor? Unsinn! Es sind Überschriften, die ich nach kurzer Stichprobe auf grossen Info-Portalen der Schweiz gefunden habe. Was Blick, 20minuten oder Tagesanzeiger veröffentlichen, ob online oder auf Papier gedruckt, was SRG-Sender spielen, was die privaten Fernseh- und Radiostationen senden, all das sei (grösstenteils) gleichgeschaltet und dem politisch links gerichteten Mainstream folgend. In dieses ideologisch geschnitzte Horn blies der amtierende Bundespräsident und SVP-Bundesrat Ueli Maurer am diesjährigen Verlegerkongress in Interlaken. Maurer setzt damit ein weiteres Glanzlicht auf die von bürgerlichen Politikerinnen und Politikern geführte intensive Kampagne gegen die Freiheit der Medien.

Insbesondere die „Schweizerische Volkspartei“ (SVP) kämpft zäh und beharrlich um mehr MedienmachtParteiübervater Christoph Blocher verheimlichte anfangs noch listig sein Engagement bei der Basler Zeitung, musste schliesslich aber doch die Übernahme des Verlages eingestehen. Voilà! Ob Blocher die Öffentlichkeit belügt oder nur um der Sache willen geschwindelt hat… viel gravierender ist, dass er Politik wieder mit Medienkontrolle vereint. Und statt das offen als Parteipresse zu deklarieren, wird die BAZ unter dem Etikett „Medienvielfalt“ produziert. Dito Die Weltwoche.

„Wir investieren lieber in eigene Produkte als für politische Inserate in Zeitungen, in denen man jeden zweiten Tag auf die SVP eindrischt,“ sagt Parteipräsident Toni Brunner, „eine Konsequenz aus der Art, wie wir in den letzten Jahren behandelt wurden.“ Die SVP sieht es nicht gern, wenn ihre Politik analysiert oder gar kritisiert wird. Die von einzelnen Exponenten immer wieder vorgeführte Dünnhäutigkeit, ja Selbstgefälligkeit (siehe Christoph Mörgeli, Oskar Freysinger, Alexander Müller aka. dailytalk etc.) wird auch von der Organisation als Ganzes vorgetragen. Wer nicht für die SVP ist, ist gegen sie („Schweizer wählen SVP“). Ansichten jenseits der SVP-Linie werden als Gefasel, dummes Zeug oder wirres Geschwätz diskreditiert und bald auch als links oder linksliberal verspottet. Vor diesem Hintergrund wird selbst eine urliberale und bürgerliche NZZ zur linken Postille. Der rhetorische Kniff als Totschlag-Argument!

Christoph Blocher ist lediglich der populärste und unverschämteste Strippenzieher in einem ständig weiter wuchernden Netzwerk. Alte Seilschaften und frischere Kampfgefährten bilden eine libertäre EinsatztruppeMilliardäre, Unternehmer, Politikerinnen, Verleger. Für sie richtet der Markt alles. Nur der Markt gibt den Menschen das, was sie wollen. Der Wettbewerb fördert Innovation sowie Eigenverantwortung und stärkt die Meinungsvielfalt. Dies Credo lässt sich offensichtlich in allen Lebensbereichen anwenden.

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Konsumartikel Information

Wem Informationen lediglich Konsumartikel unter vielen sind – ganz so wie Kühltruhen, Blusen oder Handytarife  – mag dies akzeptieren. Jeder noch so neoliberale Marktfan würde aber seinen eigenen Kindern nicht täglich nur Brause und Pommes auftischen, sondern auch Früchte und klares Wasser. Und das, obschon Kinder sich noch so gerne mit dem Salzigen oder Süssen begnügen würden – so viel der Markt hergibt.

Was man den eigenen Kindern leidenschaftlich als Verantwortung und Motivation angedeihen lässt, wird bei erwachsene Kunden plötzlich in Verbot und Bevormundung umgemünzt. Den Mündigen sollen Gratiszeitung, Dauertalk, Trash-Serien und als Reportagen verkleidetes Marketing genügen. Fast-Food und Zuckersaft für den Wissensdurst. Selber Schuld, wer sich nicht weitergehend informiert. Doch wie soll man sich noch zurecht finden in der allseits gepriesenen Medienfreiheit, die sich allzu rasch als mächtig träger, überschwappender Fluss des Immergleichen zu erkennen gibt?

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Fernsehen.Programminhalt oder dessen Überreste im liberalisierten Markt

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Im kostenintensiven Fernseh- und Radiobereich ist das besonders frappant. Was wurde uns an Vielfalt versprochen, wenn erst die Monopole zerschlagen wären und der Markt spielt! Und was haben wir erhalten? Aus den wenigen langweiligen Programmen wurden hunderte… Aus duzenden Stunden Ödnis wurden tausende… Wenigstens hatten wir früher die Chance, Innovationen zu entdecken. Wenn es denn heute noch welche gäbe, dann versenden die sich in irgend einer Nische. Der freie Markt pumpt Stoff im Überfluss zu einem gigantischen Mainstream – weder besonders linksliberal noch ausgeprägt rechtskonservativ. Sondern schlicht und ergreifend marktkonform.

Das übersieht die SVP grosszügig. In ihrem Parteiprogramm polemisiert sie lieber gegen die Staatssender, ist doch “ …die SRG seit vielen Jahren fest in den Händen linker oder „linksliberaler“ Seilschaften. Weil die Konkurrenz fehlt, bleiben Professionalität und politische Ausgewogenheit auf der Strecke“. Ins krude Schwarz-/Weissbild passt, dass der SVP-Hasser und EU-Turbo Roger de Weck Direktor dieser Gesellschaft ist. Ein gefundenes Fressen.

Dass aber Radio- und Fernsehprogramme zusehends in volkstümelndes Hallodri mit jodle, vogle und schteistosse abdriften und mit Filmen, Serien, Spiel- und Abenteuerreportagen, Eventshows sowie Sportübertragen abgefüllt werden, verschweigt die SVP ebenfalls. Selbst die Informationssendungen werden oder wurden von Persönlichkeiten geleitet, die kaum als Linke bezeichnet werden dürften. Im Gegenteil: Filippo Leutenegger – notabene Präsident der Aktion Medienfreiheit und glühender SRG-Destabilisator – sowie Reto Brennwald haben mit ihrer Themenwahl und Gesprächsführung des Polit-Talks Arena sogar einen wesentlichen Beitrag an die Popularität der SVP geleistet.

Die SRG Informationssendungen berichten ausgewogen und glaubwürdig. Genau deshalb werden jene Beiträge, welche die SVP kritisch beleuchten, von der Partei oder Betroffenen jeweils sofort skandalisiert und mit Beanstandungen eingedeckt oder gar mit unhaltbaren Unterstellungen ausgeschlachtet. Da diese Strohfeuer rasch verglimmen, wird ständig irgendwo etwas Sprit nachgegossen und weiter gezündelt.

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srfmo

Fakten sind Dreck, wenn nur die Pointe sitzt…

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Information als kostbares Gut

Anders die Autoren des Jahrbuchs zur Qualität der MedienSie stechen ins Wespennest, weisen auf  zunehmende inhaltliche Verflachung und publizistisches Einerlei hin. Qualitätsverlust durch Ressourcenschwund, ausgelöst vom Strukturwandel im Medienbereich? Dagegen läuft die versammelte Mediengilde sturm. Während die grossen Verlagshäuser sich ungern die aus ihrem Geschäftsgebahren resultierenden Defizite unter die Nase reiben lassen, drischt die Gesinnungspresse des rechten Lagers auf den ultralinken Herausgeber Kurt Imhof ein. Das übliche Schema: in die missliebige politische Ecke stellen und dann tüchtig trompeten. Aus der Luft gegriffene oder hanebüchen zurecht gebogene Zuschreibungen (Professor Zensor) sowie Beleidigungen (Gastrokritiker mit Allzweck-Zunge) gehören zum Standard-Repertoire. Fronten zeichnen und zurück in die Schützengräben. Hauptsache plakativ.

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Fünfmal täglich Hackfleisch mit süsser Brause – marktkonforme Publikation

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Die Konzentration an Medienmacht ist ein Fakt. In der Schweiz dominieren drei grosse Verlagshäuser (Ringier, Tamedia, NZZ) den Markt. „Wegen dem Strukturwandel im Medienbereich ist weltweit bei den Medien entweder ein Trend zu Grösse oder ein Zurück zu gesinnungsethischen Engagements feststellbar“, meint Kurt Imhof. Statt jedoch immer noch mehr Markt zu fordern und damit Information weiter zum Wegwerfprodukt und/oder Gesinnungsterror umzutexten, sollte sie weiterhin zur Aufklärung und – ja – (staatspolitischen und kulturellen) Bildung beitragen.

Da dies eine für funktionierende, demokratische Gesellschaften eminent wichtige Pflicht ist, darf sie nicht einem Markt überlassen werden, der bloss noch Köder anbietet, die dem Fisch schmecken. So wie wir Schulbildung, medizinische Versorgung oder Landwirtschaft nicht einfach gänzlich dem Markt überlassen, so sollten wir auch einer freien und der Aufklärung verpflichteten Medienlandschaft Sorge tragen. Die ermüdenden Tiraden von rechts mit entsprechenden Schwächungsversuchen des (gar nicht schlecht) funktionierenden Modells torpedieren diese Sorgfalt. Und das aus purem Eigeninteresse!

Weitere BlogPosts: Blocher Macht Medien (Blocher TV) und Angriff der Infozombies (Blocher-Hildebrand-Affäre)

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