Bis vor wenigen Jahren las ich Tageszeitung, Wochenzeitungen und Zeitschriften, hörte mindestens einmal täglich Radio-Nachrichten, guckte wenig fern, blätterte in den Abstimmungsunterlagen und diskutierte mit den Menschen in meiner Nähe. Ich war auf dem Laufenden, fühlte mich gut informiert und aufgeklärt.

Nun schnüffle ich auch im Internet nach Informationen. Um’s geradeaus zu sagen: Ich finde viel, aber kaum nützliches, was ich nicht woanders auch gefunden hätte. Würde ich die dafür zerrinnende Zeit nicht als Hobby – also freie Zeit – abbuchen, wäre das Verhältnis von Aufwand und Ertrag nicht prekär, sondern ruinös. Einst nach einer Stunde im Bilde, bin ich heute selbst nach einer Arbeitsschicht immer noch auf der Suche…

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Arbeiterfamilie vor dem Radio

Kompakt-Medien… Multitasking 1933 

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Morgens 8 Uhr sitze ich im Büro. Während der erste Kaffe in einen Becher rinnt, starte ich den Rechner. Bevor ich das Mail-Programm öffne, logge ich mich bei Twitter ein. Tausende Tweets hätte ich am Abend und in der Nacht in meiner Timeline abrufen können. Was habe ich verpasst? Jemand mit 1040 Followern schrieb; „Den anderen gleich mal auf seinem Podest kaltstellen“ (2 Retweets, 8 Favoriten) oder „Ist das schlimm, wenn man anfängt mit dem Türrahmen zu sprechen und wenn ja, wieso seid ihr gemein zu Herbert?“ (3100 Follower, 4 Retweets, 49 Favoriten). Dann gehaltvoller: „au mann. „ich find das grad sehr zum kotzen. sbb. avenirsuisse. ga.“ (2200 Follwer, 2 Retweets, 4 Favoriten). Schliesslich Pingpong-Tweets, es geht um „Carlos“. Ich lese von „Falsche Fragen, erschreckende Antworten“ (1. Tweet) bis „Opfer der Gewalttat hat Trauma…“ (14. Tweet) und vergleiche dies mit dem Informationsgehalt einer Bazooka Kaugummipackung. Bazooka gewinnt. Höchste Zeit, mit der Arbeit anzufangen.

Ich ordne die Mails nach Dringlichkeit und konzentriere mich auf meine Aufgaben. Den Vormittags-Kaffee mit Kollegen lasse ich ausfallen. 300 neue Tweets sind da. Unter ihnen viele erfreuliche Grüsse von Tweeties, die mir ans Herz gewachsen sind. Ich antworte kurz und fave. Auch den einen oder anderen Link zu Online-Portalen – fast ausschliesslich bekannter Verlage – klicke ich an. Dann starte ich wordpress, lese die frischen Blogposts, finde amüsant Alltägliches, künstlerische Versuche, Fotoexperimente, Gehaltvolles… Ein schöner Mix, eine feine Illustrierte, die ich mir selbst zusammenstellen kann. Die Pause ist bereits wieder überzogen. Arbeitsrückstand! Mittagspause gestrichen.

Nicht ganz! Zwischen Salat und Kaffee bleibt dann doch Zeit, bei Twitter nachzusehen, ob’s Erwähnungen gibt. Gibt’s nicht – ok. Ein paar hundert Tweets ignoriere ich,  überfliege einige Portale wie persoenlich.ch, medienwoche.ch und infosperber.ch (um das Gleichgewicht zu wahren und mich nicht auf wirtschafts- respektive SVP-nahe Portale zu beschränken) und schau nochmal bei wordpress vorbei. Und so weiter…

Auf dem Heimweg dann umgeben mich Menschen, die eins sind mit ihrem Smartphone. Ich schaue ihnen über die Schulter. Ausnahmslos scrollen die Leute durch Facebook-Profile, spielen mit fallenden Klötzchen im Display oder wischen und tippen durch Musiklisten. Unweigerlich geht mir Enzensberger durch den Kopf: Nullmedium. Unterwegs habe ich keinen Internetzugang, bewahre mir netzfreie Zonen. Auch aus Spargründen. Das Einsteiger-Smartphone nutze ich als Telephon. Mein Arbeitgeber erwartet von mir (und bezahlt mich dafür), dass ich erreichbar bin. Im Zug sitzend breiten sich auf meinem Knie 200 Seiten auf Papier gedruckte Reflexion über Terrence Malick aus. So was finde ich auf keinem Film-Blog.

Abends daheim zücke ich hin und wieder Sohnemanns iPad – any Erwähnungen? – vielleicht verbringe ich einen Abend am Rechner, recherchiere, höre Musik, schneide ein Video, schreibe im Blog, twittere. Oder ich mache ganz was anderes und tausche das digital/glasige Interface gegen Papierenes, Duftendes, Warmes… Ein paar Stunden mit dem Schatz. Aufräumen, Aufgaben, Aufatmen. Beziehung, Bewegung, Betreuung. Maxim Gorkis Die Mutter statt mamablog von Tamedia. Ich bin ein Fan der Informationsaufnahme jenseits der Displays.

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Null-Medien… Multitasking 2013

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Verwahrlosende Massenmedien

Ich will die verschiedenen Medien nicht gegeneinander ausspielen, wende mich aber gegen die aus meiner Sicht zu optimistische Lobpreisung neuer Infokanäle wie Blogs oder Microblogs, sowie die damit einhergehende Diskreditierung traditioneller Informationskanäle. Diese werden zwar durch das Angebot im Internet erspriesslich ergänzt. Gleichzeitig fördern sie die Erosion des alten Mediensystems. Das Bedürfnis nach Abonnements- und Kaufzeitungen schwindet und damit die Finanzierung von qualitativ hochstehendem und unabhängigem Journalismus. Auch die Akzeptanz gegenüber einem urdemokratischen Projekt wackelt: der Produktion öffentlich-rechtlicher Radio- und Fernsehprogramme. Wirtschaftsliberalen Kräften widerstrebt es, dass wir alle solidarisch für ein ausgewogenes und seriöses Informations- und Unterhaltungsangebot zahlen. Die Privatisierer schimpfen über Zwangsgebühren oder Gebührenmonster. Wer in der Sahara Solarien verkaufen will muss die Botschaft zuspitzen.

Der Deal könnte gelingen. Denn im Wettkampf um Aufmerksamkeit haben die der Information und Aufklärung verpflichteten Kanäle kaum mehr eine Chance. Die Logik einer langjährigen, perfiden Strategie! Die selben Kräfte, die heute die Freiheit der Medien proklamieren (aber die gekaufte Information meinen) bodigten vor etwa 30 Jahren die Monopole des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland und der Schweiz. Die Medienlüge damals: Das Angebot wird vielfältiger, spannender, unterhaltsamer, unabhängiger, günstiger… Wer nur kurz zum amerikanischen Markt schielte, wusste, dass es nur wenige Jahre dauern würde, bis wir im selben Info-Schlamassel stecken würden wie die Amis. Die Annahme war falsch: es ging noch viel rascher.

Etwas länger dauerte es, bis die ehemaligen Monopol-Sender ihre Programme den Privaten anpassten, um im Konkurrenzkampf nicht gänzlich nieder geprügelt zu werden. Und noch etwas mehr Zeit musste vergehen, bis die Medienschlawiner von damals wieder ins Rampenlicht zottelten, um den einstigen Monopolsendern – denen sie unterdessen das Etikett Staatssender verpassen – Irrelevanz vorzuwerfen. Und irrelevante Sender würden auch keine Abzocker-Gebühren verdienen. Der Kreis dürfte sich bald schliessen.

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Verelendende Massen

Dann dürfe es finster werden für die Massen. Und das ist wahrhaft skandalös: Durch die Umwälzung der Medienlandschaft weitet sich zwar das Informationsangebot völlig unkontrolliert aus, der Zugang für die Mehrheit der Menschen wird jedoch immer schwieriger. Profitieren tut eine elitäre Info-Aristokratie, die sich den zeitlichen Aufwand leisten kann und fähig ist, das völlig unstrukturierte Internetangebot für sich zu organisieren und nutzbar zu machen. So vermute ich die allmähliche Herausbildung „… einer Digital Divide, also einer sozialen Spaltung in der Art des Umgangs mit dem neuen Medium, durch die sich die bereits bestehenden Differenzen im Grad der demokratischen Beteiligung nur noch weiter vertiefen könnte.“ (1)

So! Alle anderen begnügen sich mit Unterhaltungs- und Zerstreuungsprodukten, mit denen wir seit rund 30 Jahren – seit dem Fall der öffentlich-rechtlichen Sende-Monopole – regelrecht geflutet werden. Das Internet hat den Gin ersetzt – Mediensucht anstelle von Elendsalkoholismus. Daraus folgt: zunehmender Konformismus, verschobene Deutungsmuster, zerfallende ethische Standards, Wahlabstinenz, Politik-Apathie, Desinteresse an zivilem Engagement usw. Begleiterscheinungen, die von gewissen Kreisen durchaus erwünscht (und angestrebt) sind. Das Publikum wird manipulierbar, sind Botschaften nur plakativ und oft genug formuliert. Jene Kanäle, die eine kollektive Erwiderung nähren könnten, bleiben zugeschüttet, stumm. Wird die öffentliche Willensbildung von den Zentrifugalkräften des Internets aufgesogen, stecken wir unweigerlich in einem weiteren Zeitalter verelendender Massen.
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(1) aus „Das Recht der Freiheit“ (Axel Honneth)
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