Rom ist nah. Wohin all die Strassen, Gässchen und Wege führen, bleibt jedoch oft unklar. Immer wieder lotst das Navigationsgerät in Engpässe, durch die sich selbst ein Cinquecento mit Heckmotörchen nicht quetschen liesse oder in Sackgassen, die zwischen überfüllten Containern und Pollern versickern. Aufatmen kann, wer in Navelli (oder dio mio anderswo) auf Anhieb statt der 60-Grad Spitzkehre jene im 80-Grad Winkel trifft und von da dem Massiv des Gran Sasso d’Italia entgegen fährt.

Es ist ein Gondeln auf einsamen Bergstrassen. Höher und höher hinauf, das adriatische Meer im Rücken. Sanft schwingen die Hügel entlang schroffer Bergmassive, dazwischen liegen ausgerollt wie kleine Teppiche die Weiden, Haine und Felder. Hier gibt der Boden seine Früchte und Knollen nur zögerlich her. Leben in Kargheit und Enthaltsamkeit ist an jedem Stein, an jedem Baum oder Strauch begreifbar. Eine schwere, dunkle Stille sinkt über die Landschaft. Selbst die Reifen des Autos scheinen gedämpft abzurollen – so wie Schritte auf weichem, flauschigem Teppich. Nur der Wind und die flatternden Blätter in den Baumwipfeln stimmen zusammen zu gespenstischem Rauschen, Rascheln und Raunen.

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Landschaft

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Hügellandschaft bei Calascio

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Eine schmale Bergstrasse endet im Dorf Calascio. Am Ende der Welt. Unterhalb des Dorfes ein Parkplatz. Die letzten paar hundert Meter steigen wir zu Fuss hinauf zu den fast völlig verlassenen Steinhäusern, erklettern staunend die holprigen Gassen zur hoch oben thronenden Rocca Calascio, einer Burganlage, die einem den Atem raubt – nicht nur wegen der annähernd 1500 Metern Meereshöhe. Wie in Gottes Namen schufen Menschen das Material hierher, um eine so gigantische Festung zu errichten. Vor 1000 Jahren. Fern ab von… von allem!

Die letzten Sonnenstrahlen streicheln die gegenüber liegenden Hügel mit ihrem goldenem Licht. Wie in einer dramatischen Darstellung endet dieses Stück Tag mit langsam schwindendem Licht und aufsteigender Stille. Wir finden uns in einer Arena der Magie. Fliegen wir schon? Berührt uns etwas Göttliches? Ergriffenheit, von der nicht nur wir beseelt sind.

Am Fusse der Anlage stellt sich die Kirche Santa Maria della Pietà in den Weg. Links führt ein Pfad hinunter nach Santo Stefano die Sessanio, rechts nach Calascio und weiter zu den Weiden, wo einst die Schaffe der Medicis weideten. Hundertausende sollen es gewesen sein im 16 und 17. Jahrhundert, als auch die Kirche errichtet wurde. Enormer Reichtum in einsamer Bergwelt.

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Kappelle

La chiesa di Santa Maria della Pietà

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Mit Rocca Calascio erwarben die Medicis auch gleich noch das Bergdorf Santo Stefano di Sessanio. Die letzten Jahrzehnte zerfiel der Ort mehr und mehr. Von den einst 3000 Einwohnern sind etwas mehr als 100 geblieben. Die scheinen aber nicht in den alten Gemäuern zu wohnen, sondern eher ausserhalb, einen Steinwurf entfernt, in den paar neueren Häusern. Das schwere Erdbeben von 2009 schüttelte die alten Steinhäuser durch. Das Wahrzeichen – der mittelalterliche Turm – fiel über rüttelnder Erde in sich zusammen. Armdicke Gestänge stützen und verstärken viele Hausmauern. Wir wähnen uns flanierend in Film-Kulissen. Dass hier Aufnahmen zu „Der Name der Rose“ (mit Sean Connory) entstanden seien, lässt in der Phantasie Pferdehufe, Eisenhämmer und aufgeregtes Rufen erklingen

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Dorf

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Die Zeit steht still – nicht so die Gebäude

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Nun ja; das Dorf ist Kulisse. Und Projektionsfläche für Phantasien. Wer hier übernachtet, isst und in die wenigen Geschäfte schaut, spürt: das ist alles nur für uns noch da. Stilgerecht hergerichtet ist man verführt und glaubt; liebevoll. So fühlt man sich einige hundert Jahre zurück versetzt, füllt diesen Zustand mit den Vorstellungen einer längst vergangnen Zeit. Anregungen gibt es allenthalben. Selbst wenn sich im Restaurant an der Via Principe Umberto nur wenige Gäste verköstigen, meint man ausgelassen lachende Zecher zu vernehmen, vom grossen Feuer im Kamin könnte Wärme in den rauchgeschwärzten Raum strömen (es brennen bloss Kerzen) und zu später Stunde würde der Abend mit einer Keilerei unter betrunkenen, zahnlosen Rabauken abgeschlossen. Alles nur phantasiert. Total Recall. Der Film läuft im Kopf. Vintage ist die Bäbi-Stube, das hier der Robinson-Spielplatz.

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Restaurant

Il Cantinone: schlicht aber lecker essen

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Weit und breit keine Schafherden, doch ein einsamer, grosser weisser Hütehund begleitet uns durch finstere Gassen, die unverhofft an einer Hausmauer enden oder bei Durchgängen mit Einsturzgefahr versperrt bleiben. Eine Gelateria hat spät abends noch auf. Zwei geduckte Räume, eine Theke, zwei alte Holztische, Bank und Stühle. Zum Kuchen gibt es auch noch Eiscrème. Der Besitzer lebt eigentlich in Pescara am Meer. Eigenhändig hat er seine Ferienwohnung zum kleinen Lokal umgebaut, sucht hier ein Einkommen. Heute wären viele Gäste da gewesen, meint er. Waren es ein halbes oder gar ganzes Dutzend Touristen, die sich von ihm verköstigen liessen? Wir vergessen zu fragen.

Es kämen immer mehr Menschen ins Dorf, erzählt er weiter. Dank Internet würden die Touristen diesen verlassenen Ort entdecken. Sie sähen, dass sich der Umweg abseits der Transitrouten durch die Toscana, an die Adria oder Riviera lohnt. Hier sei es im Sommer nicht so heiss, im Winter hätte es reichlich Schnee. Und Ruhe sowie gute Luft gäbe es das ganze Jahr durch. Ideal für Menschen, die entspannen möchten, für Geniesser und Wandervögel.

Zimmer

Einfach Nostalgie konterkariert  

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Von der Gelateria um die Ecke und drei Treppchen hoch in eines der Appartements des Albergo diffuso. Der weisse Hund guckt einen Moment lang hinter uns her, ehe er in der Dunkelheit des nächsten Durchgangs verschwindet. Die Nacht in den engen Gemächern wird sich’s fürstlich schlummern lassen. Alles ist da, beinah klösterlich und doch nicht zu spartanisch. Selbst ein WLAN-Kästchen blinkt hinter einem dicken, bodenlangen Vorhang. Die Verbindung hakelt allerdings, bleibt schliesslich stumm… gut so.

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