Und wieder folgen mir auf Twitter ein paar Menschen weniger. Meinen Blog haben sich heute gerade mal zwei Nutzer angesehen (jemand aus Deutschland, der Schweiz und Kroatien… hoppla, sind das nicht äh… drei?) und meine Videos bei youtube oder vimeo guckt sich… ach, was soll’s. Auch mein Klout-Score stagniert. Seit ich den konsultiere, brauch ich nichtmal mehr zum Arzt! Ich weiss schon: sinkt der Wert kommt die Depression. Steigt er wieder, blühe ich auf, gewinne meine Kräfte zurück.

Nun, ganz so schlimm empfinde ich die narzisstische Kränkung freilich noch nicht. Auch wenn das Schielen nach den Zungeigungswerten mir gelegentlich pathologisch erscheint. Warum denn sind Follower-Summe, Like-Zähler und Statistik-Aufrufe auf den meisten Plattformen an populärster Stelle noch vor dem Posteingang platziert? Sind die denn nicht nur für Marktforscher und PR-Spezialisten da? Nein. Diese Werte beziffern den eigenen Erfolg im Netz, das Mass an Anerkennung, Aufmerksamkeit, Prominenz. Wie Chef-Redakteure oder Intendantinnen versuchen wir Reichweiten zu messen und erweitern. Wonniglich ist’s mir, erhöht sich meine Klick-Rate. Und schon werd‘ ich analog zur Lese- oder Wasserratte… zur Klick-Ratte.

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Gratte

Selbstreferenziell knabbert die Klick-Ratte am eignen Schwanz

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Kürzlich wurde hier über den Wert der Anzahl Follower diskutiert. Ausgelöst hatte die Auseinandersetzung ein Artikel in der Sonntags Zeitung. Dort wurde behauptet: die „Währung auf Twitter ist die Anzahl Follower“. Spannend daran ist, dass darüber diskutiert wurde, was den Wert eines Profils ausmacht, nicht aber, wozu (und ob überhaupt) denn so ein Wert erhoben werden soll. Wer sich in sozialen Medien aufhält, wünscht sich offenbar Publikum und möglichst viel Aufmerksamkeit, die einem eine Menge Follower, Freunde, Retweets, Likes, Kommentare etc. bestätigen.

Ich gehe also in eine Bar (mein Lieblingsvergleich, wenn ich das Verhalten in sozialen Medien verstehen will) und möchte von möglichst vielen Gästen wahrgenommen werden? Warum denn das? Ich stelle mir vor – wenn ihr mir den Vergleich erlaubt – wie ich mich in einer Bar verhalten müsste und bin unangenehm berührt.

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Images sind Masken

1979 veröffentlicht der Historiker und Sozialkritiker Christopher Lasch eine Analyse der spätkapitalistischen amerikanischen Gesellschaft. Die steckt mitten im Zeitalter des Narzissmus„. Was er damals formulierte, scheint mir noch heute (erst recht?) zuzutreffen: „Wir leben in einer Welt von Scheinereignissen und Scheininformationen, in der die Atmosphäre mit Äusserungen gesättigt ist, die weder wahr noch falsch sind, sondern bloss glaubwürdig.“ In einer unter anderem deshalb undurchsichtig gewordenen Gesellschaft reagieren die Menschen verunsichert, mit befangener Selbstbeobachtung, Rollenspielen, der Präsentation des Ichs im Theater des Alltagslebens. „Die Selbstbefangenheit, die alle Bemühungen spontanen Handelns oder Geniessens vereitelt, rührt letzlich aus dem Verlust des Glaubens an die Realität der Aussenwelt, die in einer von symbolisch vermittelter Information (Werbung, Massenmedien) überschwemmten Gesellschaft ihre Unmittelbarkeit eingebüsst hat. (Das wird) in immer stärkerem Masse einen Zyklus von Selbstbeobachtung und Selbstbewusstsein auslösen – ein  Gefühl von sich selbst als Darsteller unter den ständig wachen Blicken von Freunden und Unbekannten.“ Topaktuell, die Aussage. Nicht?

Erst haben Images die Realität ersetzt (genauer: Realitäten der Images haben Realität ersetzt). Dann begannen auch wir uns hinter Images zu verbergen, anstatt uns auf reale Erfahrungen einzulassen. Daniel Boorstin beobachtete schon in den 1960-ern, „dass wir immer mehr dahin tendieren, unsere Erfahrung mit künstlich hergestelltem Inhalt anzufüllen.“ So werden unsere Erlebnisse „mehr und mehr zu Tautologien – zu unaufhörlichen Wiederholungen des Gleichen in verschiedenen Worten und Bildern (…) Wir sehen in einen Spiegel, anstatt aus einem Fenster, und wir sehen nur uns selbst.“

Ich schaue mich in Facebook um und sehe nur mich selbst. Ich schreibe meine Tweets und schreibe einzig mir selbst… Natürlich gehört zur (Selbst-) Erfahrung die Spiegelung im Gegenüber, in den anderen Menschen. Das gelingt aber nur, wenn der Rückkanal offen bleibt. Ich meine nicht die digitalen Feedbacks der Kommentarspalten oder Like-Buttons, sondern die direkte Begegnung, die unmittelbar reflektiert, kaum auslässt und uns auf allen Sinnes-Kanälen erreicht. Ansonsten bleibt der Spiegel brüchig, trübe und hinter all den verrauschten Images verschwimmen selbst die Masken.

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Erkenne nicht selbst

„Twitter macht viel mehr zu Sau, als es bringt. Ich habe gemerkt, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann, stakkatohaft spreche oder in Gesprächen immer am Gegenüber vorbeischaue, weil ich nichts verpassen möchte“ (Reeto von Gunten, NZZaS am 27.10.2013). Diese Aussage vergegenwärtigt mir, wie aktuell die Narzissmus-Diskussion noch immer ist. Vorbeischauen, in den Spiegel, den wir aus der Tasche fummeln oder gar ständig in der Hand halten. En vogue ist denn die damalige Debatte nicht mehr, von gelegentlicher Polemik abgesehen. Lieber befassen wir uns technokratisch doch inbrünstig mit Detailfragen. Verschleierungstechniken? Statt erkenne DICH selbst gilt erkenne NICHT selbst…!?

Wenn sich die Welt, so wie sie ist, von der beobachteten und dargestellten Welt nicht mehr unterscheidet, dann sind wir auf zusätzliche Instrumente der Vergegenwärtigung angewiesen. In Retweets, Kommentaren und Favs überprüfen wir unsere eigene, inszenierte Welt. Die Anzahl Follower mag den Wahrheitsgehalt oder die Glaubwürdigkeit meiner Posts, meiner digitalen Welt bestätigen. Erfahrungen wie Zuneigung, Konflikt, Verlust etc. sind im Netz auf mess- und überschaubare, numerische Werte reduziert und kontrolliert zu verkraften.

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Falsches Selbst optimieren

Aktives oder reaktives Nicht-Kommunizieren könnten wir das Donald Woods Winnicott folgend nennen. Und das ist gut so. Denn nach Winnicott entwickeln wir in empathischer und fürsorglicher (mütterlicher) Umwelt ein wahres Selbst, das wir fähig sind gegen Umweltversagen zu verteidigen. „Die Abwehr besteht darin, dass das geheime Selbst sich noch weiter verbirgt, selbst in dem Extrem, dass es projiziert und unendlich ausgestreut wird.“

Allerdings kann sich auch ein falsches Selbst zwischen das wahre Selbst und Umwelt schieben. Das falsche Selbst schützt das wahre Selbst vor destruktiven Einflüssen. Das falsche Selbst basiert nicht auf befriedigender Selbsterfahrung, sondern richtet sich nach aussen, ist entfremdend und realer Erfahrungen unfähig. Die narzisstische Störung wäre im Zusammenhang zu sehen mit der Entfremdung vom wahren Selbst. Ob all die Selbstoptimierer am falschen Selbst werkeln…?

Selbstoptimierer hin, falsches Selbst her – im Internet spielen wir das Versteckspiel, das kleine Kinder so mögen: Es ist ein Vergnügen, sich zu verstecken, aber eben auch ein Unglück, nicht gefunden zu werden.

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