Journalismus und Werbung geben vor, sich gegenseitig nicht besonders zu mögen. Die Abgrenzung wird immer wieder thematisiert. Gerade weil  die Abhängigkeit vollkommener nicht sein könnte. Good guys…? Bad guys…? Eine Frage der Lagerzughörigkeit. Informiert und aufgeklärt wird hier, manipuliert und verführt dort. Logisch! Doch Journalismus und Werbung sind auf Gedeih und Verderb miteinander verbandelt. Nur der Logik von Romantikern und Leitlinien-Poeten fehlt der Sinn für diese Zwangsehe.

Und die hält. Schon lange. „Das amerikanische Zeitungswesen hatte im 19. Jahrhundert seine eigene Unabhängigkeit zunächst über Anzeigen gesichert und dann Nachrichten und Unterhaltung hinzuerfunden.“ (1) Journalisten als Verkäufer? “ The secrets of success as an editor were easily learned; the highest was that of getting advertisements. Ten pages of advertising made an editor a success; five marked him as a failure.“ (1b) Immerhin: Werbebatzen garantierten dem Journalismus in den USA zumindest die Unabhängigkeit vom Zweiparteien-System, was der Publizistik zu rasantem Aufschwung verhalf. Ob Inhalte ganz einfach zur Werbung hinzuerfunden wurden – so wie später für die (Daily) Soap (Opera) – liesse sich kontrovers diskutieren.

1932 fing das im Radio an. Mit Betty und Bop. Dramen des Du und Ich, verpackt in Episoden. Zwischen die Handlungsstränge mit offenem Ende – Cliffhänger – sind Pausen Werbeblöcke gestreut. Ein Jahr später kommt Maria Perkins – die Trödlerin und deren speziell für Hausfrauen geschriebene Geschichten, präsentiert vom Waschmittelhersteller Procter & Gamble. Es ist das Geburtsjahr der Soap Opera, einer liason dangereuse! Je kostspieliger die Produktion, desto ausgeprägter die Abhängigkeit: ohne Geld keine Geschichten, ohne Geschichten kein Publikum, ohne Publikum keine Werbung, ohne Werbung kein Geld, ohne Geld keine Geschichten…

Punkomma

Komma, Punkt. Dazwischen das Nichts… und Werbung

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2013. Ein Menschenleben später grenzt sich das (journalistisch produzierte) Programm vom Werbeblock durch audiovisuelle Trenner ab, den station idents, die selber wiederum Werbung sind. Das Programm zitiert Werbung und umgekehrt. Auf formaler Ebene ist das offensichtlich, die Übergänge sind fliessend, gerade wegen der station idents. Verglichen mit grundsätzlicheren Gemeinsamkeiten ist das aber Pipifax…

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Warensinn

Wir leben in unruhigen, ja in stürmischen Zeiten! Das Streben nach mehr und die damit verbundene Unzufriedenheit treiben uns täglich an. „Pleonexie, also ein Begehren, das eigentlich unersättlich ist, bringt die nötige Unruhe in die Wirtschaft; der alltägliche Ärger beunruhigt die Politik, und die Neugier irritiert die Wissenschaft. Das Lustvolle, Stimulierende des Konsums liegt deshalb nicht in der Befriedigung von Bedürfnissen, sondern gerade in der Unbefriedigung, die das Begehren neu entflammt“ (2.). Für Norbert Bolz ist diese Stimulanz der Treibstoff, der die Motoren der Wohlstands-Gesellschaften zündet. Doch dieses Streben wäre nicht allen Menschen eigen, würde es nicht ständig produziert. Im Gegenteil galt als tugendhaft, wer sich begnügen konnte: „Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so lasset uns genügen“, heisst es in der Bibel (3). Das Streben nach mehr können Gesellschaften anstacheln oder aber auch abfedern. Menschen trachten danach, ihre Tätigkeiten möglichst gut auszuüben. Dieses Optimierungs-Streben münzen die Wettbewerbsgesellschaften des Kapitalismus um in den Wunsch, besser zu sein oder zumindest besser zu scheinen.

Heute zweifeln wir nicht einmal mehr daran, dass diese Unersättlichkeit vom „ganz gewöhnlichen Statuswettkampf“ angetrieben ist. Diesen Wettkampf fechten wir über Warenkonsum aus. Die Produkte selbst besitzen dabei weniger Sprengkraft, als die Erfahrungen, die Werbung erst in sie einschreibt. Da die allermeisten Waren kein Mensch wirklich braucht und sie sich erst noch bis auf’s Haar (in ihrer Anwendung) ähneln, müssen sie erst mit Sinn aufgeladen werden. Hier füllt die Werbung konstant die Leerstellen mit Bedeutung, weckt Wünsche. Doch „Wünsche können nicht erfüllt werden – wir bekommen immer etwas statt dessen. Deshalb kaufen sich Menschen Dinge und Leistungen, die sie gar nicht brauchen“ (2). Werbung entfacht das Begehren, Konsum stillt es wieder. Der Lust (zu kaufen) folgt die Unlust (die Sättigung durch Verbrauch). An der Langeweile durch Unlust dockt wiederum die Werbung an… ein unentrinnbarer Kreislauf. Letztlich besitzen nicht wir die Waren, die Waren besitzen uns. Dabei entlastet uns die Werbung vom schlechten Gewissen: „Sie hält die Gegenpredigt zur Kulturkritik.“ (2)

.Visionen

2013: Warenverstelltes Paradies, Zukunftswünsche einer jungen Frau(a)

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Sinn als Ware

Die eine bessere Hälfte der Werbung – der Journalismus – produziert aus dem Rohstoff Ereignis Realitätskonstrukte. So wie die Werbung auch. Werbung und Journalismus bilden zusammen ein antagonistisches Paar. Dessen Realitätsbeschreibung ist zur serienmässigen Sinn-Produktion geworden. Die Massenmedien verbreiten „…Ignoranz in der Form von Tatsachen, die ständig erneuert werden müssen, damit man es nicht merkt. Wir sind an tägliche Nachrichten gewöhnt, aber man sollte sich trotzdem die evolutionäre Unwahrscheinlichkeit einer solchen Annahme vor Augen führen. Gerade wenn man mit Nachrichten die Vorstellung des Überraschenden, Neuen, Interessanten, Mitteilungswürdigen verbindet, liegt es ja viel näher, nicht täglich im gleichen Format darüber zu berichten, sondern darauf zu warten, dass etwas geschieht und es dann bekannt zu machen.“ (1) Der Journalismus operiert mit Leerstellen. Nicht weniger als die Werbung.

Journalismus will den Eindruck erwecken, dass „…das gerade Vergangene noch Gegenwart sei, noch interessiere, noch informiere. Dafür genügt die Andeutung einer Kontinuität, die vom letzten bekannten Stand der Dinge ausgeht und über die Gegenwart hinaus bis in die unmittelbar bevorstehende Zukunft reicht, so dass zugleich verständlich wird, wieso man an der Information interessiert sein kann. Auch gibt es Serienproduktion von Neuheiten, etwa an der Börse oder beim Sport.“ (1) Und in der Werbung.

Die News-, Talk- und Realityshows, die täglichen Prospektpakete, Display-Leuchten und Logosammlungen im öffentlichen Raum, die Klingeltöne, Kundeninformations-Systeme, corperate designs in Einkaufszentren… dies und viel mehr pumpen sie hinaus, die Newsrooms, Sendezentren, Serverfarmen, Marketing- und Monotoring-Agenturen… diese Fabriken der Selbstbezichtigung im 24/7-Betrieb. So brummt die Industrie. Jean-Luc Godard würde sagen die Nachtindustrie: „Die Industrie, bei der das Innere des Körpers in Betrieb ist, dazu gehören die Künste, die Psychologie, die Nerven, die Empfindungen, die Sexualität. Industrien wie Spiele, Prostitution, Drogen, Tourismus, Sport und sowas, wo der Umstand ausgebeutet wird, dass man aus sich selbst heraus möchte – die Ausbeutung, die nach der Tagesindustrie kommt – und dann, was man heute, grob gesagt, die Mafia nennt, die zu dieser Industrie gehört, und dann die Schauspielindustrie, das Showbusiness, das Filmindustrie, Fernsehen und Musik umfasst…“ (4)

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Volk_im_Zukunftsstaat_1904b

1904: Von Lasten befreites Paradies, Utopie nach Friedrich Eduard Bilz (b).

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Die alltäglichen (Irr-)Sinnprodukte spülen uns Massenmedien in Geschichten wie dieser hier entgegen. Die Zürcher Globus-Krawalle von 1968 werden zum Globus-Krawall 2.0. Untertitel: „Trau keinem Grosi mit Muratti…“ Anstatt wie einst von sozialer Aufruhr und Umwälzungen zu berichten, geht es nun um privaten Kontrollverlust. Eine Erzählung aus dem Nähkästchen wird dramatisiert und angereichert mit Ratgeberin-Konklusionen aus dem Fundus einer Mittelstufen-Lehrerin, die sich als Journalistin ausgibt (oder umgekehrt). Narzissmus gerinnt zur Lebenshilfe, was an sich einer geglückten Transformation entspräche, würde es nicht als Journalismus missverstanden. Ist das nicht Irrsinn?

Ja! Noch schlimmer wird es, wenn wir uns das hier anschauen: Wegen ungenügender Leistung wird ein leitender Mitarbeiter entlassen. Ein alltäglicher Vorgang, erst recht in einer Konkurrenzgesellschaft wie der unseren. In dieser Geschichte jedoch wird das gänzlich private Schicksal als grenzüberschreitende Affäre konstruiert und publiziert. Es zeigt sich sogar, wie gesteuerte Medienmacht oder die Furcht davor, das Verhalten real Agierender zu beeinflussen vermag. Die Medienwirklichkeit wirkt hier (besonders folgenschwer) zurück in die gelebte Wirklichkeit. Dies wiederum ergibt den neuen Stoff, mit dem Medien (un-) dankbar ihr Realitätskonstrukt weiter aufladen, verfeinern oder zuspitzen. Nicht wir lesen die Medien, die Medien lesen uns.

Wenn wir zulassen, dass aus persönlicher Profilierungssucht ganze Institutionen mit zehntausenden von Angestellten und Studierenden in Verruf geraten, dann haben wir uns gänzlich von verantwortlichem Handeln verabschiedet. Dann ist jedes verfügbare Mittel recht, um besser zu sein oder wenigstens besser zu scheinen. Und es werden dank digitalisierter Kanäle immer mehr Mittel. Machtzentren werden erweitert durch vervielfachte Machtzellen. Immerhin stossen wir in den neuen Medien auf Spuren, anhand derer wir dem gröbsten Schmarren auf die Schliche kommen können.

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Sinn-volle Leere überall

Die Massenmedien saugen selbst bedeutungslose Ereignisse auf, wenn damit nur die Serienfertigung um ein weiteres Produkt, das interessiert und verkauft, ergänzt werden kann. Werbung = Journalismus = Werbung. Ohne Geschichten kein Publikum, ohne Publikum keine Werbung, ohne Werbung kein Geld, ohne Geld…

Die Serienproduktion der Leere ist zum ständigen Begleiter im (post-) kapitalistischen System geworden. Wir verlieren uns in kaum mehr fassbaren, abstrakten Unordnungen:

  • Das Informationssystem desorientiert, in dem es mit rigorosen Kontinuum die Kontinuität der realen Welt korrumpiert
  • Werbung täuscht Entscheidungsfreiheit vor, in dem sie uns mit ihrer Beihilfe zur Selbsttäuschung ständig Entscheidungsmöglichkeiten vorenthält
  • Warenproduktion ist abgekoppelt von der Bedürftigkeit der Menschen, das Angebot diktiert den consumern die Nachfrage
  • Finanzmärkte erspielen gigantische Profite, in dem sie unermessliche Werte vernichten
  • Die Beziehungen zwischen Menschen sind zu Beziehungen zwischen von Normen aufgeladenen Bildern geworden

Da sich diese Aufzählung beliebig fortsetzen liesse, frage ich mich manchmal, ob Blasenbildungen sinngeladener Leere in jeglichen Lebensbereichen angestrebte Standardformen geworden sind. Ich glaube ja. Die grösstmögliche Leere bei maximaler Ausdehnung der (Projektions-) Oberfläche generiert den zügigsten und saftigsten Profit, das Mass aller Dinge.

„Einzig der Gott des Marktes wird die Seinen erkennen, und die Unsichtbare Hand ist nunmehr die immaterielle Vorherrschaft der Software und Netzwerke im Namen des Freien Universellen Austauschs – dem höchsten Stadium der Deregulierung.“ (5)

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Danke ars libertatis , junaimnetz  und  CoMa_spinnt für eure Kommentare, die mich zu diesem Artikel angeregt haben.

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Nachtrag vom 2.12.2013

Die von den Wettbewerbern immer wieder beschworene Innovationskraft, die nur freie Märkte freisetzen könne, habe ich im Text (und Kommentar siehe unten) schon angezweifelt. Was wahre Innovation ist, hängt natürlich auch von der Interpretation ab. Hier ein Artikel, der meine Einschätzung untermauert. Auch dieser Lesebrief, den ich im NZZ Folio Nr. 269 gefunden habe, lässt daran zweifeln, dass der Markt, wie wir ihn kennen, optimaler Innovationsantrieb ist:

Leserbrief

Innovativ ist, was dem Unternehmen nützt

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(1) aus „Die Realität der Massenmedien“, Niklas Luhmann , (1b) The Education of Henry Adams, Boston 1918 bei Niklas Luhmann)

(2) aus „Das konsumistische Manifest“, Norbert Bolz

(3) 1. Timotheus 6,8

(4) aus: „Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos“, Jean-Luc Godard

(5) aus „Die Intelligenz des Bösen“, Jean Baudrillard

(a) aus NZZ vom 9.11.2013

(b) aus Wikipedia

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  Leere und Sinn, mithin…

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