„Bin ein verständnisvoller, leidenschaftlicher Mann mit viel Herz und Seele – Ich bin nicht perfekt, habe meine Ecken und Kanten, meine Stärken und Schwächen, genau das macht mich aber aus – Ich mag es zu lachen, diskutieren und führe auch gerne tiefe Gespräche.“(1) Drei Menschen stellen sich auf Dating-Plattformen vor.

Sie sucht ihn, er sucht sie, er ihn, sie sie, für gemeinsame Stunden, spannende Gespräche, um Pferde zu stehlen. Spätere Heirat nicht ausgeschlossen. Womit wird an Single-Börsen gehandelt? Es ist der Deal mit der Sehnsucht, den Wünschen und Hoffnungen. Frau und Mann legen sich erst Mal in die Waagschale.

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Was früher in den Agenturen der Partnerschafts-Vermittlung für reichlich Honorar abgefragt und abgeglichen wurde, können einsam Begierige heute bequem online erledigen. Wer die bis zu 600 Fragen der Anmeldeformulare beantwortet, fühlt sich optimal durchgechecked und vermessen. Unter Sehnsüchtigen, die eben so viele Fragen beantwortet haben, müsste sich doch ein Deckel finden lassen, der sich passgenau auf den Topf legen lässt. Wer ist an-sprechend und wen spreche ich an?

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Proben ohne Exempel

Ich kann mich gut erinnern, wie wir mit Computern umzugehen lernten. Jenen, die noch nie mit so einer Maschine arbeiteten, beteuerten wir immer wieder; keine Hemmungen, es kann nichts kaputt gehen! Die Systeme verzeihen jeden Fehler. Im schlimmsten Fall ziehen wir den Stecker und starten neu. Viele fürchteten, sie könnten etwas unwiderruflich beschädigen – so wie sie in der Fahrstunde das Auto zerkratzten, eine Suppe ungeniessbar versalzten oder mit der Schere eine Fingerkuppe abzwackten.

Mit dem Undo-Befehl wurde das Ausprobieren zu einer der häufigsten Arbeitstechniken. Ich denke daran, wie mühsam das Briefeschreiben mit der Schreibmaschine war – jeder Tippfehler eine kleine Katastrophe. Oder mit welcher Präzision Filmcutter im Kopf den nächsten Schnitt bestimmen konnten, bevor sie das Zelluloid durchtrennten. Heute nutze ich die Delete- und Rückwärts-Tasten oder Apfel-Z fast noch häufiger als alle anderen Tasten und tüftle, bis es passt.

Probierend suchen wir Lösungen anstatt das Los zu probieren.

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Das erspart uns viel Ärger und Mühsal. Und schafft Reinheit. Sicherheit. Einerseits. Wir sind effizient geworden. Schreiben, fotografieren, filmen, musizieren, daten viel schneller… Andrerseits: erst haben uns die Computer alle Fehler verziehen, nun lassen sie uns keine Zeit mehr, Fehler zu begehen. Aus der Erleichertung wurde das fehlerfreie Diktat.

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Muetze

lange rede kurzer sinn

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Warum tummeln wir uns nicht mehr in Bars oder Clubs, um Menschen zu treffen, von denen sich allenfalls sogar jemand als mögliche/r Partner/in entpuppen könnte? „Das Internet strukturiert die Suche nach einem Partner buchstäblich als einen Markt oder, genauer, es formalisiert die Suche nach einem Partner im Sinne einer ökonomischen Transaktion (…) aus Begegnungen werden Marktlücken“ (2) Die Plattformen der Online-Partnerschaftssuche suggerieren, dank ihnen liesse sich mit grosser Sicherheit das richtige Sie-/Er-Produkt finden.

Dabei wird der Prozess des Kennenlernens auf den Kopf gestellt: Wo wir uns bislang in der direkten Begegnung zu jemandem hingezogen fühlten und erst dann allmählich Wissen über diese Person sammelten, sammeln wir nun zuerst ganz viel Wissen und fühlen uns erst dann angezogen – wenn überhaupt. Die im Körper gespeicherten sozialen Erfahrungen (die feinen Unterschiede nach Pierre Bourdieu) fehlen uns bei der Identifikation, auch wenn wir uns noch so viel Mühe geben, unsere Erfahrungen zu beschreiben respektive in Entitäten umzuschreiben.

Das unerwartete Glück der Liebe ist zur Erwartung einer glücklichen Liebe geworden. (Geschürte) Erwartungen koppeln sich immer mehr von den bisher gemachten Erfahrungen ab. Ja, die Erwartungen wachsen überproportional zum Verlust von Erfahrung. Das Selbst ist zum beschriebenen und laufend präzisierten öffentlichen Image geworden. Identität im Netz ist der Zwang zur Selbstthematisierung, Identitätsbeschreibung, situativen Identität. Realität muss sich an den dadurch produzierten Erwartungen messen.

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278460wo versteckst du dich?

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Und die Realität wird den Erwartungen immer weniger genügen. Denn die verdinglichte, bewusste Kommunikation im Netz – die Erwartungen nährt – hat bis zur realen Begegnung die unbewusste Kommunikation blockiert. Für Erving Goffman ist die unbewusste Kommunikation aber die Wesentliche: „Es sind jene Ereignisse, die im Verlauf und auf Grund des Zusammenseins von Leuten geschehen. Die Grundelemente des Verhaltens sind Blicke, Gesten, Haltungen und sprachliche Äusserungen, die Leute ständig in die Situation einbringen, unabhängig davon, ob diese Situation erwünscht ist oder nicht. Dies sind die Anhaltspunkte für Orientierung und Engagement, Ausdrucksweisen der geistigen und körperlichen Verfassung.“ (3)

Trotz sozialen Medien und deren Ausdruckstechnologien behindert uns das Internet, „…erschwert ungemein einen wesentlichen Aspekt der Sozialität, nämlich unser Vermögen, laufend mit uns selbst über die Bedingungen zu verhandeln, zu denen wir bereit sind, eine Beziehung zu anderen aufzunehmen.“ (1) 

Der Blick hinter die Maske ist den Definitionsversuchen vieler Masken gewichen.

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Je mehr wir versuchen, das Unermessliche in textualisierte, ästhetische Strukturen zu fassen, desto schwieriger wird es, emotionale Beziehungen einzugehen. Wir laufen Gefahr, hinter der Abstraktion engmaschiger Strukturen die Risiken emotionaler Bindung nicht mehr auszuhalten. Lieber kein VerKNALLtsein! Wir sind daran, die Selbstakzeptanz des wahren Ichs zu ersetzen durch die Selbstaktualisierung der Ware Ich.

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Ich sind viele

Vielleicht bin ich deswegen beunruhigt, wenn aus den Usern hinter digitalen Profilen plötzlich wahrhaftige Menschen werden. Dann, wenn man sich gut versteht, die Interaktionen geniesst und deswegen ein Treffen vorschlägt, einen persönlichen Kontakt. Unkontrollierbar öffnet das Schleusen, sprengt Kanäle oder überschreitet die von mir gesteckten (oder phantasierten) Grenzen. Mir wird bewusst; ich nutze diese Kanäle um zu senden. Das äusserst limitierte Interaktionsspektrum, das soziale Medien ermöglichen (oder ich zulasse), schätze ich allerdings sehr. Mancher interessante Dialog entspinnt sich, Gedanken werden angestachelt, vertieft, revidiert. Das kann verbinden.

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HallowobistdudennHallo, wo bist du denn…?

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Aber: jener, der hier schreibt, ist nur ein Teil dessen, der da spricht. Wer hier denkt, ist der, der irgendwo in einem Raum sitzt, in Büchern blättert, das Gelesene versucht in einen Zusammenhang zu bringen. Die Inhalte von einem, der vor allem an sich denkt und daran, wie sich’s in dieser Welt lebt. Persönlich, aber nie privat. Alles andere bleibt verborgen. Alles andere wäre Enttäuschung – anders als erwartet. Vielleicht ganz anders.

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(1) Fotos und Zitate von verschiedenen Single-Plattformen

(2) aus „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“, Eva Illouz

(3) aus „Interaktionsrituale“, Erving Goffman

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EMPFEHLUNG

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Die Liebesgeschichte zweier Menschen, die sich hassen

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