In drei Wochen ist Weihnachten. Geschenke für die Lieben schon besorgt? Nein? Sapperlot, dann aber ab in die Läden, hopp hopp! Die Waren stapeln sich, wir müssen sie umsetzen, Stapel abtragen. Es ist nicht nur Zeit für duftende Backwaren. Nein. Ohne Geschenke kein Fest der Liebe. Koste es, was es wolle. Fuck Waren!

Kürzlich habe ich in einem Blog-Beitrag über die Leere in Serie nachgedacht. Meine Einschätzung: die massenhafte Produktion medialer Inhalte korreliert mit der endlosen Produktion von Waren und Warenumsatz ist eng verschränkt mit der Produktion von Bedürfnissen durch Medien. Dabei wird Material hergestellt – nebst Gütern also auch journalistisches Material, sowie Unterhaltungsangebote – das kaum jemandem wirklich nützt.

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Geschenkzettel

Geschenkideen für Menschen, die schon alles haben (1)

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Den folgenden Text habe ich als Kommentar für die an den Blog-Beitrag anschliessende Diskussion verfasst. Insofern verhalte ich mich nicht anders als die Meinungs-, Zerstreuungs- und Güterindustrien, die alte Produkte neu verpacken und als Innovation ausgeben. Nach dem ich den Artikel über Innovations-Schwindel gelesen, von chinesischen Sklaven in italienischen Kleiderfabriken erfahren habe und sich ein weiteres Mal eine schweizerische Grossbank als Organisation entlarvt, in der sich  kriminelle Energien anreichern, scheint es mir durchaus angebracht, diesen Kommentar in einem eigenen Blogpost aufzuwerten:

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Waren und ich

Ich bin in den 60-er Jahren im Thurgau aufgewachsen. Im Dorf. Mit Mutter, Vater, Bruder. Wir haben Kartoffeln, Gemüse und Salat aus dem eigenen Garten gegessen und es gab öfters Wurst oder Siedfleisch. Heute würde man sagen; einfache Verhältnisse. Wir fuhren Ski am Hang hinter den Häusern, wo wir Kinder vom Dorf unsere eigenen Pisten bauten. Im Sommer haben wir am Fluss oder im See gebadet. Dorthin fuhren wir bis zu einer Stunde mit dem Velo. Hin und zurück.

Es fehlte uns an nichts, wir hatten alles. Kein Zweifel. Bis…

…im Winter der Gemeindearbeiter Wasser über den Schulhausplatz goss. Auf dem holprigen Natureisfeld liess sich prächtig Schlittschuh laufen. Es war saukalt, damals in den 60-ern. Bevor ich mit den Kumpels Hockey spielen konnte, nahm mich mein Vater mit in den Wald, suchte mit mir einen passenden Ast aus, aus dem er einen Stock schälte. So wie das sein Vater auch für ihn getan hatte. Mit diesem Stock schlich ich mich zögernd zum Schulhaus. Als ich mich vergewissert hatte, dass alle mit einem kantig-geraden, bunt bemalten und verstärkten Industrie-Stock Eishockey spielten, kehrte ich beschämt um und der Spass war vorbei. Warenästhetik Nr.1:

Status qua Produkt (-Vergleich) ist wichtiger als das Produkt selbst.

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Mein Sohn spielt Fussball. Braucht er neue Fussballschuhe stehen wir vor der Wahl: Nockenschuhe? Stollenschuhe? Tausendfüssler (für den Kunstrasen)? Joggingschuhe? Nagelschuhe für‘s Sprinttraining? Und noch ein paar schicke Sneakers für überhaupt…? Wollten wir ihn voll ausstatten (was einige Eltern tun) könnten wir 5 Paar Schuhe à 200 Franken besorgen (was sich einige Eltern leisten können). Und das je nach Alter alle 6 bis 10 Monate. Warenästhetik Nr.2:

Die Vielfalt der Freizeitangebote wird übertrumpft durch angebotene Freizeit-Produkte.

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Klar, alles bedarfsoptimiert. Für den Kunstrasen (wer zum Teufel braucht Kunstrasen?), zum Joggen (Herrje, warum Joggen, wenn ich mich sonst genug bewege?) für den Sprint (haben wir alle potentielle Usain Bolts gezeugt?)…

In der Kunstschule habe ich gelernt und erfahren: nimm das Material, das du hast und mach was draus. Immer wieder sind Kollegen an Projekten gescheitert, weil sie keine Sponsoren fanden. Oder sie gaben auf, weil sie das nötige Equipment nicht zusammen brachten. Dann gab’s da den schlauen Hans, der hatte ein besonders aufwändiges Projekt in der Schublade mit vielen Computern, ISDN-Leitungen (ganz neu damals), Videokameras, Scheinwerfen… und Sponsoren. Das Projekt startete, war spannend, lehrreich. Nur die Sponsoren blieben aus. Der Hans fühlte sich nicht verantwortlich, hatte vor allem kein Geld, machte sich also aus dem Staub und hinterliess einen Stapel offener Rechnungen. Warenästhetik Nr.3:

Das Begehren verschlingt rasch mehr als das Taschengeld hergibt.

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Bitte nein; kein Lobgedöhns von wegen Früher-war-alles-besser. Ich bin froh, kann ich das Haus mit einem Drittel des Energieverbrauchs von einst beheizen, ich geniesse die ultrakurzen Umsteigezeiten an Bahnhöfen, die Stellwerk- und andere Technologie heute ermöglicht und ich bin glücklich, hat meine Frau dank moderner Zytostatika-Therapie das Hodgkin-Lymphom überwunden.

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Innovation trotz Markt

Wir profitieren von Produkt-Entwicklungen und Optimierung, da dran zweifle ich nicht. Doch steht die Produkt-Innovation nicht im erwarteten Verhältnis zu Produktionsmengen und Verbrauch. “Wem der neue Autosegen nicht gefällt, der kann die gleichen Leistungsverbesserungen bei Medikamenten, Wohnungen, Heizungen, Badezimmern oder Textilien nachprüfen,” schreibt Beat Kappeler in der NZZaS vom 17.11.2013. Ich meine, Leistungen werden nicht wegen, sondern TROTZ steigender Produktivität optimiert. Auch wenn die Prozessoren immer schneller, die Autos immer leichter, Textilien immer dichter und  luftdurchlässiger werden… Der Markt gibt nur her, was sich vermarkten lässt. Das hat kaum etwas damit zu tun, was Menschen brauchen oder ihnen gut tut. Oft ist sogar genau das Gegenteil der Fall (siehe Nahrungsmittel-Industrie, Textil-Industrie…) oder Entwicklungen werden bewusst gebremst oder verhindert (Pharma-Industrie, Auto-Industrie…)

Innovativ sind die Aussenseiter, die in Nischen jenseits ausufernder Industriekomplexe basteln – ich denke an die Pioniere der Computer-Technologie. Häufig entspringen die brauchbarsten Ideen den Teams subventionierter Institutionen wie Universitäten, Hochschulen etc. Auf der andere Seite finde ich das Paradebeispiel mit grösstmöglichem destruktiven Potential: Finanzprodukte! Eine durch und durch auf Gewinn-Optimierung fokussierte Gross-Industrie entwickelt Produkte, die nur den eigenen Profit möglichst rasch mehren sollen…  mit katastrophalen Folgen! Folgen, welche die Welt offenbar nur mit viel Glück (und ächzenden Volkswirtschaften) zu bewältigen vermag. Wir werden sehen…

Produkte, die kein Mensch braucht, gibt es allenthalben. Soll selber entscheiden, wer was (wirklich) braucht und wer nicht? Gut. Ich sage, wir konsumieren heute das Konsumieren und nicht das Produkt (habe ich auch schon im Artikel beschrieben). Das passt zu meinem Fussball-Schuh Beispiel von oben. Offenbar braucht es die „Tausendfüssler“ für den Kunstrasen. Die geben optimalen Halt. Doch, wozu braucht es Kunstrasen? Wieso spielen Jungs (und immer mehr auch Mädchen) genau so Fussball? Was hat das mit den vervielfachten Umsätzen im Profi-Fussball zu tun? Und sind letztlich die heutigen Fussball-Jugendlichen und -Kinder nur ein Quäntchen gesünder oder gar glücklicher, als wir es damals waren?

Apropos Fussball, ein schönes Beispiel dafür, wie unzertrennlich Werbung und Information sind: Jede Match-Übertragung (oder auch Match-Bericht in Print und Online) ist einerseits Unterhaltung (Emotionen, Dramaturgie), Information (Spielverlauf, Spielergebnis) und Werbung (Bandenwerbung, Sportartikel am Leib). Jedes Kind weiss genau, welche Schuhe (Marke und Modell) sein Lieblingsspieler trägt. Die Produkte sind immer im Blick, ohne sie gäbe es kein Spiel!

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Verdruss im Überfluss

Worin liegt die Notwendigkeit, dieses oder jenes Produkt zu besitzen (geschweige denn zu gebrauchen)? Was fehlt mir, wenn ich kein Nutella auf’s Brot schmiere, worin besteht der Mangel, wenn ich mir keine Haushaltmaschine in die Küche stelle, worin die Not, wenn ich das neueste iPhone nicht kaufe? Werde ich hungern, verdursten, frieren, krank, depressiv…? Nein, ich sehe die Not einfach nicht. Ausser ich guck mich um und mache mich davon abhängig, was andere alles mit sich rumtragen oder bei sich stehen haben. Ich sehe den Bedarf verkürzter Produktzyklen nicht. In immer kürzeren Abständen muss ich ein neues Telephon kaufen, weil die Dinger einfach nichts taugen (und ich meine nicht Handy oder Smartphone, die sind ja noch perverser) oder etwas besser können, als mein altes Telefon mit Drehwählscheibe. Sie können nur mehr… aber dieses Mehr nutzt mir nichts. Im Gegenteil, es lenkt mich ab und stiehlt mir Zeit!

Bazon Brock sagt,  „…die Art und Weise, wie man über das Produkt sprechen kann, (ist) wichtiger als die Möglichkeit, das Produkt zu konsumieren“. Das betrifft uns nicht? OK…!

Darauf würde ich Mark Siemons zitieren: “Während die Wirtschaft immer weitere Bereiche des öffentlichen Lebens in ihre Kalküle integriert, scheint der öffentliche Diskurs selbst immer mehr den Spielregeln der Markenkommunikation zu folgen.”

Ich bin mit meinem Sohn im Sportgeschäft. Während er seine neuen Nikes anprobiert, wühle ich in einem Haufen Kleinst-Nike-Puma-Adidas für Säuglinge (kein Witz!) und überlege mir, ob die Konsum-Welt nun komplett durchdreht.

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(1) Abbildung: NZZ am Sonntag vom 1.12.2013

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Shopping als Erlebnis statt Einkauf als Notwendigkeit

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