Das Kinn gefriert weiss. Knie steif. Stoffhaut. So müssen sich Edwards Scherenhände anfühlen, kratzend über spiegelglatten Asphalt. Grautönerne Welt. Dezember-Kälte, dann Januar, Februar auch. Ohne Energie matt. Leuchtend warm der Strom im Dunkel. Winter. Member. Kassiber. Kühles Kissen. Kahl. Fahl. Feenfeuer. What?

Ich gehe durch den Nebel, immer wieder. Dreihundert Mal im Tröpfchenhauch. Nach Stunden der Mantel, die Mütze, die Hosenumschläge überzogen mit feiner, eisiger Wasserschicht. Wann sehe ich wieder die Sonne. Ich zünde ein paar Kerzen an. Geruch von verbranntem Haar.

.

IMG_4731

IMG_4730

IMG_4734

.

„Wenn die Stürme des Berges kommen, wenn der Nord die Wellen hoch hebt, sitze ich am schallenden Ufer, schau nach dem schrecklichen Felsen. Oft im sinkenden Monde sehe ich die Geister meiner Kinder, halb dämmernd wandeln sie zusammen in trauriger Eintracht.“ (1)

Der Weihnachtsvater im Marlboro-roten Wintermantel stapft den Sack voller Vorräte am Rücken durch die Hallen des Shopping Center, lässt sich artig von Konsumkindern schubsen, ansingen, auslachen. Die Ladenvereinigung spart an Schmutzlis und Eseln; zu grau, zu trist, wortlos, bad performance. Downsized Tradition. Buffered Symbole. Der Esel schnappt, riecht. Eim driiming offä waii-id Chrisstmess, Orchester zwischen Stimmenrauschen, Schuhschlurfen und Lautsprecherankündigungen. Wunderbarste Weihnachtsüberraschungen für die Liebsten. Jetzt. Greifen Sie zu. Grabschen. Membercard

.

IMG_4738

.

Das Christkind, die schimmernde Haut gepudert, unter weissem Samt, unerhört, crazy sexyness, nass. Christkind ist Christ-oder-so-Lady, ginst mir entgegen vom Plakat, mehr als nackt in weissen Dessous. Tüllflügel duftend, lockig, schimmernd neben der Vitrine. Parfümerie-Outlet. Mega-Christmas. Rabatt. Elton John. Kändl in dä wind.

„Wie manchmal im Lauf eines kalten, erstarrten Tages nur eine zufällige Kopfbewegung nach jemadem (in einem Supermarkt) genügt, und alles wird, wenn auch nur für Sekunden wieder gut: als finge es zu schneien an.“ (2)

Vor Freude erfasst uns die Vorangst. Nichts schöner. Längst nicht mehr. Die erste Hälfte der kaltdunklen Jahreszeit ertragen wir, das Sterben und den Zerfall immer wieder vollführt. Manche überleben den Winter nicht, die Alten, die Müden, die Mürben, Werther und das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern, Jack Torrance. Shining im Schnee. Wer geht schon im Sommer…? Mühsal im Frost, das Herz pumpt, schöpft nicht mehr. Atemstille.

„Am Vormittag putzte ich die ganz Wohnung, ging die Zutaten für das Essen einkaufen, bügelte die grosse, weisse Tischdecke, zog den Esstisch aus und deckte ihn, putzte Silberbesteck und Kerzenständer, faltete Servietten und stellte Schüsseln mit Obst auf den Tisch, so dass es vor Bürgerlichkeit regelrecht glitzerte und funkelt,e als gegen sieben die Gäste eintrafen.“ (3)

.

IMG_4740

IMG_4758

.

Leblos ist kalt. Wir wärmen uns gegenseitig, aufmerksam. Passen auf, finden zusammen. Im Dunkeln sehen wir das Licht von weit her. In the warm room. Eine Frau steht an der Bushaltestelle, den Koffer in der Hand. Es schneit. Ein Mann drückt seine Zigarette aus, schaut durch das Fenster hinein ins Dunkel. Scheinwerferlicht splittert rot und weiss in tropfennassem Fensterglas.

„Manchmal sind die Winter so kalt und lang, dass es bis hier draussen friert und noch weiter, bis zu den äussersten Heringsgründen. Da kam der Fuchs. Als das Eis brach, blieb er da. Ich habe ihn durch die Tür erschossen, als er nach etwas zu fressen suchte. Er hatte Tang und Steinscherben im Magen. Ich glaube, er wurde verrückt und begann Steine zu kauen, um davonzukommen. Es ist bestimmt schwieriger für einen Fuchs als für einen Menschen, allein zu sein. Aber es ist vielleicht leichter für die Tiere, sich ums Leben zu bringen.“ (4)

Depressionslampen. Lichttherapie. Wellness Products. Nordlichter. Pure Magie. Wenn die Sterne nachts über blaugrauweisser Erde wie Wassertropfen perlen, kälter als die Nacht um mich herum. Nach dem Jahreswechsel, die Discounter- und Bordellkulissenlichter wieder in Kisten und Entsorgungscontainern, Geschenke umgetauscht, Gebirgsausflüge, Schneegestöber am See, Waldspaziergänge, Schneeschmelze, dann bald der Duft von Frühlingswind. Wunderbarer Kreislauf. Opened Circuit.

„Es war das erste Mal, dass Nicolas so viel Schnee sah, und er war inmitten seiner tiefen Verzweiflung fasziniert. Seine halbnackte Brust wurde von der eisigen Nachtluft erfasst, die in scharfem Kontrast stand zur Wärme des Hauses hinter ihm, das wie ein grosses, vollgefressenes Tier mit lauwarmen, regelmässigem Atem vor sich hin schlief. Er verharrte einen Augenblick regungslos auf der Schwelle, dann streckte er  eine Hand aus, auf die sich lautlos eine Flocke legte, und trat hinaus.“ (5)

.

(1) aus „Die Leiden des jungen Werther“, Johann Wolfgang Goethe

(2) aus „Das Gewicht der Welt“, Peter Handke

(3) aus „Liebe“, Karl Ove Knausgard

(4) aus „Tiefe“, Henning Mankell

(5) aus „Schneetreiben“, Emmanuel Carrère

.

WERBUNG

Die Kälte-Geister verscheuchen in Splügen

Advertisements