Da verlässt einer seine Frau und die zwei kleinen Kinder, um mit der Geliebten zusammen zu sein. Doch bald darauf prügelt er diese ins Koma, lässt sie Stunden lang liegen. Die Geliebte stirbt. Nicht einmal die Hälfte seiner Strafe muss er absitzen, dann kehrt er zurück zur Ex-Frau. Sie wird ihn in einem Telefonanruf als brutalen Psychopathen bezeichnen und sich ein halbes Jahr später erhängen. Dies ist die radikal gekürzte Version einer erschütternden Geschichte. Ein höchst dramatischer Plot.

Nun hat dieser Mann, der einstige Rockstar Bertrand Cantat, eine neue CD veröffentlicht. Im ersten Stück singt er „…je ne regrette pas“. Kaum einer wird verstehen, dass er sich im Eröffnungslied den Satz leistet“, schreibt die Journalistin Brigitta Niederhauser und bringt damit viele in Wallungen: „die verherrlichung des toetens einer frau. heute im #bund. fickt euch ins hirn.“

Etwas später folgt Michèle Binswangers Reaktion im blogmag des Tagesanzeigers. Sie fragt: „Darf man einen bewundern, der zwei Frauen auf dem Gewissen hat?“ Dieser Artikel bringt wiederum mich in Rage. Warum? Hier begegnen wir einem Meinungs- und Stimmungsjournalisums, der jeden Gegenstand nutzt, um Emotionen zu schüren. Und das hat mehr Gewicht als uns lieb sein sollte.

„Unsere neuen Meinungsdemokratien, die den Schwankungen der Emotionen gehorchen, wie sie von den Medien verbreitet und geschürt werden, fordern von Richtern und Gesetzgebern vermehrten, verstärkten, sofortigen Schutz. Wir erhalten ihn mehr oder weniger, allerdings um den Preis schwerwiegender Rückschritte in der Rechtsprechung und im Strafvollzug.“ (1)

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Mehr als reale Gefahren sind derlei Medieninhalte der Grund dafür, dass das System, in dem wir leben, repressiver wird.

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Glas

Schwarz-weiss Malerei – schwierig, den Fokus zu richten

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Fantasie statt Phakten

Richtig gelesen? Nun ja, die Rezeption des Niederhauser-Textes ist durchdrungen von Projektionen. Offensichtlich ist Brigitta Niederhauser vom Werk des gewalttätigen Musikers beeindruckt. Sie schreibt eine schwärmerische Rezension. Immer wieder unterbricht sie den Text, fragt sich, ob so einer das darf, einer, dessen „Amour fou ihn“ (und hier müsste sie zwingend hinzufügen: auch andere Menschen, insbesondere die zwei toten Frauen!) Kopf und Kragen gekostet hat“.

Michèle Binswanger dagegen lässt das Werk Cantats fast gänzlich aussen vor (und wo nicht, da nimmt sie es nicht so genau mit der Schilderung, wie ich weiter unten zeigen werde) und bezieht sich vor allem auf den „Gewalttäter und Totschläger“. Sie vergleicht Niederhauser unterschwellig oder ganz direkt mit dem Musiker, sei diese doch ans Thema „… fast so unsensibel herangegangen, wie Cantat an seine Liebhaberinnen.“ Mir wird rasch klar, warum Binswanger in ihrem Blogpost den kritisierten Text nicht verlinkt. Anstatt Textstellen korrekt zu zitieren, kompiliert sie das Material so, dass sie die von ihr gewünschte maximale Wirkung erzielt.

„In seinen Songs beschwört er nun jenen Himmel, wo nur die Liebenden landen, die sich bedingungslos ihrer Leidenschaft ausliefern (…) Noch intensiver tönt heute Cantats Stimme, wenn er zum Beispiel in «Droit dans le soleil» (…) zum Ikarus wird. Wer in die Sonne schaut, wird blind – doch Cantat bemüht keine Vergleiche, er zündet vielmehr Bilder wie Sternschnuppen, kurz und heftig, und wer ihnen nachhängt, kann seine Sicht der Geschichte erahnen“, schreibt Brigitta Niederhauser. Binswanger formuliert das um zu: „Dann schwärmt sie (Niederhauser) von der „bedingungslosen Leidenschaft“ des Sängers und der „Intensität, mit der er seine Sicht der Dinge beschwöre“. Die mit Anführungszeichen markierten Zitate sind dem Kontext entzogen, ok, aber auch radikal verkürzt oder falsch wiedergegeben. Nicht ok!

Weiter schreibt Brigitta Niederhauser Cantats Musik spiegle „… in einer Handvoll Songs die Katastrophen, die Cantat widerfahren sind“. Unerträglich finden das viele Leserinnen und Leser. „Der Mord sei Cantat «widerfahren» und eine «Katastrophe». Das war skandalöse Verharmlosung“, meint einer. Richtig, die Katastrophe hat Cantat wohl vollendet, vielleicht auch ausgelöst – letztlich wissen wir das aber nicht. Falsch ist es jedenfalls nicht, dass ihm – ja, auch ihm – die Katastrophe widerfahren ist. Diese Aussage setzt jedoch das Bewusstsein voraus, dass ein Mensch jemanden auf dem Gewissen hat, von der Tat also nicht unberührt ist und sie selbst als Katastrophe empfinden kann.

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HorizonsDie Horizonte des Bertrand Cantat oder die künstlerische Ausbeutung des Todes der Geliebten (2)

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Die Nachverurteilung

Nach dem, was wir von Cantat wissen, ist er kein kaltblütig Berechnender, der Schmerz, Leid und Tod anderer Menschen in Kauf nimmt, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Er ist allem Anschein nach kein Ian Watkins, kein Jimmy Savile, keine Beate Zschäpe. Michèle Binswanger rückt Cantat aber – bedenklich, wie ich finde –  in ein anderes Licht. Seine Ex-Frau Kristina Rady, die sich das Leben nimmt, habe er auf dem Gewissen (schreibt auch Niederhauser). Und Marie Trintignant sei im Koma gelegen, doch: „Anstatt sofort einen Krankenwagen zu rufen, tat Cantat erst mal nichts“. Hat er sich aufs Sofa gesetzt, am Whisky genippt und seelenruhig gewartet, bis sie nicht mehr atmet? Oder stand er unter Schock, paralysiert? In einem Bericht von 2004 heisst es, er telefonierte endlos, dann kommt der Bruder Marie Trintignants, der Cantat beschimpft, statt einen Arzt zu rufen.

Für uns Aussenstehende ist die Situation unübersichtlich. Die Hintergründe erschliessen sich uns nicht. Doch das scheint keine Rolle zu spielen. Das Opfer ist tot! „Dann interessiert mich echt nicht, ob er oder sie eine schwierige Kindheit hatte, eine missglückte Diät, einen bösen Freund oder was auch immer.“ Das schreibt Kolumnistin Regula Stämpfli zum Prozess gegen Beate Zschäpe und das damit verbundene Psychologische KillerkuschelnIst das „postmoderne Beliebigkeitswirtschaft“ und eine „zuftiefst bürgerliche, konservative, bigotte Haltung“, wenn von Gerichten nach Tatmotiven gesucht wird, nach Erklärungen für ein Verbrechen? Warum bloss sind diese Verbal-Sheriffs stets so rasch zur Stelle mit ihren Vor- und Nachverurteilungen?

„Indem wir den dionysischen Freiheitsversprechungen zu gehorchen glaubten und jede konzertierte Regelung unserer Wünsche ablehnten, haben wir uns in eine gewaltige Karambolage der Bedeutungen verwickelt. Die verantwortliche Moral, die wir nicht länger verinnerlichen wollen, weil sie das Zeichen einer Entfremdung war (…) legen wir jetzt demütig in die Hände des Richters und des Arztes. (…) Das Vorurteil, das Risiko, die Kosten, die Pathologie, das Strafrecht, die emotionale, medienwirksame Rache: das sind die neuen Ordnungsprinzipien, deren Tyrannei wir akzeptieren – und mit welcher Demut, mit welcher Sorglosigkeit.“ (1) 

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Für immer lieblos

Bertrand Cantat beginnt das Eröffnungsstück der neuen CD nicht wie Binswanger behauptet mit „je ne regrette pas“ (der Satz folgt später im Lied, Niederhauser ist da korrekt). Er beginnt mit: „ça m’amuse que tu sois ma muse – dis-moi si ça t’amuse aussi – ou bien si tu refuses“. Erst mal tief durchatmen. Das ist schwerverdaulich. Ein Lied, das – rätselhaft verschlüsselt – von der Brüchigkeit der Liebe handelt, von der Unsicherheit, ob man geliebt wird. In vielen Liedern schon so oder ähnlich gehört, sind es hier die Sätze von einem, der erfahren hat, dass die Welt ihn verabscheut. Nie wieder wird jemand ihn lieben können, ohne die Gewissheit, dass dieser Mann, Bertrand Cantat, einst seine Liebste ins Gesicht schlug bis sie nicht mehr konnte, sie hilflos liegen liess, für immer…

„Hat es einen Sinn zu leben, wenn es Menschen gibt, die schlagen, bis die Knochen im Leib zerbrechen?“ fragte Adorno, nachdem er sein berühmtes Diktum veröffentlichte: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch…“. Hans Magnus Enzensberger entgegnete Adorno: „Wenn wir weiterleben wollen, muss dieser Satz widerlegt werden.“ Wenn wir keine Barbaren sind, müssen wir Brigitta Niederhauser kritisieren, die in ihrem Text Marie Trintignant und Kristina Rady zu wenig Respekt erweist. Vor allem aber müssen wir Michèle Binswanger entschieden widersprechen: Auch wenn Menschen Grauenvolles verursacht haben, wir dürfen sie nicht stumm halten, wir wollen sie nicht für immer ausschliessen und wir wollen keinen solchen Journalismus, der sich um die Würde anderer – auch wenn sie getötet haben oder darüber schreiben – foutiert. Sonst haben wir verloren.

Jean-Louis Trintignant, der Vater der getöteten Marie Trintingnant, hat das verstanden. Er meinte, der Ex-Freund seiner Tochter würde sich umbringen. Dass ihm dies nicht gelungen ist, sei allein „sein Problem“.

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(1) aus „Die Tyrannei der Lust“, Jean-Claude Guillebaud

(2) aus dem CD-Booklet von „Horizons“, Bertrand Cantat

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Die Macht der inneren Bilder

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