Diese Kulturpessimisten… können wir sie noch ernst nehmen? „The internet will suck all creative content out of the world“ schreibt David Byrne im guardian. Bänz Friedli widerspricht in der NZZaS und meint Im World Wide Web blüht neue Kreativität.“ So geht das hin und her. Seit Jahrhunderten, Jahrtausenden… Griesgrämige Intellektuelle lehnen das Neue ab, zaudernd halten sie am Etablierten fest. Die immer selben zeitgeistigen Leerformeln absondernd, klammern sie sich verzweifelt an die davon schwimmenden Felle, weil  „…die Ablehnung des Neuen das Einfachste ist…“ Wirklich?

Ist es nicht längst umgekehrt? Sind die Konservativen, die Ewiggestrigen, die Verweigerer nicht diejenigen, die allem Machbaren rasch verfallen und irgendwann auch die banalste Äusserung als Geniestreich glorifizieren? Sind die Normalos nicht viel mehr die Internetjubilierer, die sich in jede Mainstream-Plattform einloggen und ihre standardisierten Profile stündlich pflegen wie weiland Vati den Opel Ascona samstags in der Waschstrasse? Ist das Internet nicht das, was einst Mamis Glotze war?

.

Vorwärts wollen die Mutlosen

Die Schwarz-Weiss-Malerei ist ein probates Mittel, um Kritiker zu desavouieren: diese sind nostalgisch, wählen den Weg des geringsten Widerstands, ängstigen sich vor Neuem, hängen Mythen nach. Als Verweigerer, Blockierer oder Wahrer von Besitzstand werden sie belächelt. Wer sich medienkritisch oder dem technologischen Wandel gegenüber ablehnend äussert, bestätigt die These, „…dass Menschen sich schon immer gegen einen eigentlich harmlosen Wandel gesträubt haben“, schreibt beispielsweise Philippe Wampfler in seinem kleinen Lehrstück über Technologiekritik und Zitate im Netz.

Mit Gönnergeste platziert da einer ein kleines Lehrstück. Belehrend eben.  (*) Subjektivismen ersetzen differenzierte Argumentation. Unterschlagen wird, dass sich auch Kritikerinnen und Kritiker mit neuen Medien und Technologie beschäftigen, diese nutzen und ihre eigene Erfahrung die Argumentation speist. „Handeln statt nörgeln“ meint denn auch Bänz Friedli. Als ob das die Kritiker nicht täten…

.

krea1

Im Versioning verborgene Kreativschichten

.

Bänz Friedli merkt nicht (er lässt es zumindest unerwähnt), dass David Byrne bereits vor über 30 Jahren für seine Musik alternative Vertriebswege suchte und fand. Mit Stop Making Sense versetzte Byrne das Konzerterlebnis in den Kinosaal, womit seine Musik wesentlich mehr Menschen erreichte, als wenn seine damalige Band Talking Heads jahrelang getourt hätte. Dann netzwerkte er, bevor es die uns bekannten Netzwerke überhaupt gab. Er veröffentlichte auf seinem Label Musik aus Lateinamerika, Afrika und Asien.

Ausführlich berichtet Friedli zudem von Wolfgang Niedecken, der für ihn einst als Vordenker galt und nun angesichts wackliger Urheberrechte ins Jammern verfallen sei. Niedecken ist so etwas wie der Bono Deutschlands, in allerlei Hilfsorganisationen engagiert, das gute Gewissen von Generationen, ein Kopist ausgelutschter Rockschemen. Das einer wie er sich schwer tut mit den Umwälzungen (auch) im Musikgeschäft verwundert nicht und sei ihm auch nicht angelastet. Niedecken argumentiert aber – wenn überhaupt – ganz anders als Byrne. Zu schreiben, dass „Byrne und Niedecken vergessen, dass sie mit einer Musikindustrie gross und reich geworden sind, die den Kunden für dumm verkaufte…“ ist dumpfe Unterstellung, die immerhin in das oben beschriebene Schema passt.

Vor allem zeigt sich, wie konservativ und talking statt head (sic) auch Bänz Friedli eigentlich ist: Wenn er Wolfgang Niedecken als Leitfigur bezeichnet, mögen wir das als Friedlis private, dem Spiessertum nicht abgeneigte Leidenschaft hinnehmen. Wenn er aber um die von ihm kolportierte neue Kreativität zu belegen auf ein interaktives Video von Death by Chocolate, die Sängerin Lindi Ortega oder den Rapper Macklemore verweist und damit vorschlägt, Kreativität an bemühenden Gamification-Frickeleien (und ödem Provinzsound), abgestandener Rockproduktion in Hipster-Girlie-Chic oder einem weiteren Rap-Bubble zu messen, dann hat er nicht verstanden, was verhandelt wird.

Was uns Friedli als Geniestreiche unterjubelt, bräuchte weder Internet noch irgendein Publikum. Es ist vielmehr business as usual, die immer selbe Brühe in neuen Schläuchen. Diese Musik ist nicht dank dem Internet entstanden, sie ist trotz dem Internet entstanden und lediglich durch das Internet (mehr oder weniger) populär geworden. Gäbe es das Internet nicht, wäre diese (oder andere) Musik via Radio, Musik-TV oder Konzerte an die Öffentlichkeit gedrungen.

Oder sie wäre von kritischen Redakteurinnen und Redakteuren ausgefiltert und ins Entsorgungsregal zu den übrigen Promos gewandert. Dies ist also nicht eine neue Kreativität, die im www blüht. Bänz Friedli belegt aber unfreiwillig genau das, was wir aus Byrnes Text auch lesen können:

Das Internet wird uns mit Mittelmass überschwemmen…

.

…den Pingu-Verarschungen, den Y-Tittis und mit einer Hand voll Megasellern, die nach kurzer Zeit wieder verschwinden, da sie ja auch bloss Mittelmass sind.  „A culture of blockbusters is sad, and ultimately it’s bad for business. That’s not the world that inspired me when I was younger,“ schreibt David Byrne in seinem Artikel. Und ich kann ihn gut verstehen.

..

krea2

Im Raum und Zeitverlauf sichtbare Kreativschichten

.

Überlebende nicht ausgeschlossen

„Alle sprechen von der Befreiung der Musikindustrie durch das Internet. Aber am Ende sind es doch wieder dieselben schmierigen Typen, die gleichen Riesenfirmen, die alles dominieren. Typen eben, die denken: Lass uns den Deadmau5 buchen, mit einer fetten Lasershow auffahren, 45 Pfund für Konzertkarten verlangen und damit Millionen verdienen.“ (1) Four Tet alias Kieran Hebden ist kein Altrocker (wie Niedecken oder Byrne) sondern einer der erfolgreicheren, gegenwärtigen Musikproduzenten. Das Internet ändert also gar nichts! Haben wir das richtig verstanden?

Auffallend ist ja schon, dass in den letzten 25 Jahren kein neuer, originärer Musikstil mehr entstanden ist. Blues, Jazz, Rock’n’Roll, Punk, Techno… beinah jedes Jahrzehnt brachte seinen prägenden Stil hervor, aus dem sich dann unzählige Subgenres entwickelten. Doch seit den 1990-ern ist Schluss. Mit Rap und Techno bricht die Entwicklung plötzlich ab. Beinah zeitgleich mit der Popularisierung des Internets wäre ein neuer Stil fällig geworden. Doch da kam nichts – vor rund 10 Jahren… Eklektizimus scheint Innovation abgelöst zu haben. Eklektizismus, der heute euphemistisch als Mashup durch die Netze und Dancefloors pulsiert. Das (Daten-) Netz mit seiner Allgegenwärtigkeit von allem begünstigt diesen Eklektizismus. Wir müssen das nicht beklagen. Aber wir sollten es auch nicht ignorieren.

„Statt Menschen als Quelle ihrer eigenen Kreativität zu behandeln, präsentieren die auf Zusammenstellung und Zusammenfassung ausgerichteten Sites anonymisierte Fragmente schöpferischer Leistungen.“ (2) Ähnlich wenden unzählige Musikproduzentinnen und -produzenten ihre Soundtools an: kompilieren, cutten, verdichten, arrangieren, mastern. Libraries und Patterns sind die aktuellen Instrumente. Ich frage mich gelegentlich, ob das Copyright für die damit produzierte Musik nicht bei den Entwicklerinnen und Entwicklern der Produktionssoftware liegen müsste, statt bei den Komponistinnen und Musikern.

Brooklynization“ (…) In den gentrifizierten Kiezen akkumulieren die Künste, Folglich strömen die mittellosen Musiker vom Lande ins Epizentrum der Coolness und vergessen  auf dem Weg dorthin ihre Eigenständigkeit. Sie werden Teil einer klanglichen Gleichschaltung. Brooklyn steht dabei eigentlich nur synonym für das Internet. (…) Was die Inszenierung angeht, schmeckt einem die gesichtslose Masche von Zomby ganz gut und Machinedrum setzt seine Drums doch so geil. Lass das auch mal probieren!“ (3)

Variieren von Mustern – Kreativität nach Vorlage…

.

„…Filesharing tötet ziemlich viel schlechte Dinge am Musikbusiness. Es tötet allerdings auch eine Sache, auf die wir eigentlich nicht verzichten können. Dass nämlich die Leute, die Bands Verträge geben, keine Risiken mehr eingehen“ (4) Trotz allem: Perlen wird es weiterhin geben. Die haben aber kaum etwas mit dem Internet zu tun. Die interessanteren Musikerinnen und Musiker nutzen die Netzwerke lediglich, weil die Musikverlage nur noch auf die Topshots setzen und experimentelle Projekte nicht mehr unterstützen. Das Internet untergräbt das bisher bekannte Musikbusiness, dafür ermöglicht es neue Distributionsmodelle. Viele Künstlerinnen und Künstler sind unabhängig geworden. Aber auch auf sich allein gestellt. Insgesamt schaut für das Gros wohl ein Nullsummenspiel heraus, da schon im alten Modell nur die allerwenigsten von ihrer Musik leben konnten (vergleicht: das Urheberrecht und die Mär vom Nutzen für die Musiker).

Über Musik in guter Qualität frei verfügen zu können war noch nie so einfach und günstig. Das ist der entscheidende Unterschied zu bisherigen Mediensystemen. Die beinah unbegrenzte Verfügbarkeit von Musik im Internet und digitale Technologie machen das möglich. Damit gehen der Industrie gigantische Verkaufserlöse flöten. Das spüren jene, die einst vom Tonträger-Verkauf leben konnten. Leute wie Byrne und Niedecken, unter denen nach David Byrnes Verständnis möglicherweise die grössten Talente spielen. Die restlichen etwa 98 Prozent der Musikerinnen und Musiker bleiben davon unberührt und werden weiterhin auch ausserhalb der Branche ihr Auskommen finden müssen.

.

Des Kaisers neue Kleider

„Handeln statt nörgeln“. Vorwärts! Wer Verkehrswege ausbaut oder daran partizipiert, will seine/ihre Macht ausbauen. Dä Schneller isch de Gschwinder… Dabei ist es einerlei, ob es um den beschleunigten Austausch von Nachrichten, Waren oder Soldaten geht, um den Strassenbau der Römer oder den Ausbau der Glasfasernetze durch Telekommunikations-Unternehmen. Marshall McLuhan konstatierte, „dass technische Mittel, die der Beschleunigung dienen, den Dorfgemeinschaften und Stadtstaaten ihre Selbständigkeit völlig nehmen. Immer, wenn es zu einer Beschleunigung gekommen ist, nimmt die neue Zentralmacht die Gleichschaltung von möglichst vielen Randgebieten in Angriff.“ (5) Als Zentralmächte können wir heute einsetzen: Google, Facebook, Amazon, Apple, Microsoft, Samsung etc. oder auch die Geheimdienste mit ihren Überwachungssystemen…

Harmlos ist der technologische Wandel keinesfalls. Das zu behaupten ist ignorant, denn wir wissen noch nicht einmal, wie uns geschieht. Die wenigsten scheint das zu interessieren, so lange sich das Karussell weiter dreht und man seinen begehrten Platz verteidigen kann. Um ihre Aktivität nicht zu gefährden, weichen Tatmenschen den Gefahren des Begreifens aus. Verstehen würde das Handeln unterbrechen, meinte Friedrich Nietzsche. Da ist es sicherer und bequemer, an einen eigentlich harmlosen Wandel zu glauben.

„Schon seit dem neunzehnten Jahrhundert (…) herrscht bei denen, die entscheiden, in welchen Fortschritt investiert wird, und bei ihren abhängigen Denkern ein Progressismus, dessen Erwartungshorizont, soweit er jemals konkret wird, sich in etwa mit dem decken dürfte, was von den Nachwirkungen der industriellen Revolution berauschte Liberale unter grenzenlosem Wirtschaftswachstum verstehen. Eine Weile zieht sich das an sich selbst hoch, bis der je aktuellste Dreh in eine Überproduktionskrise mündet. Nach dem durchlaufenen Zyklus wird dann wieder Katzenjammer draus, bis jemand irgendein Handy erfindet, und so fortan.“ (6) Irgendwer findet sich immer, der uns Kaisern neue Kleider andreht. Und der Stoff wird wieder so ungewöhnlich schön und nur für jene Menschen sichtbar sein, die ihrem Amt gewachsen und nicht dumm sind (nochmal: siehe Schema oben).

Die neuen Medien werden die alten nicht völlig ersetzen, sondern sie ergänzen und erweitern. Die neuen Medien brauchen die alten Medien, vereinnahmen deren Inhalte. Webseiten sehen aus wie Zeitungsseiten, Webvideos sehen aus wie TV-Sendungen, der Stream im sozialen Medium sieht aus wie ein Zettelkasten und so weiter. Die nach meiner Erfahrung am häufigsten geteilte Musik ist guter alter Rock. In diesem Netz der Konservativen…

Lasst uns auf das Internet verzichten, es mit Katzenbildern fluten oder stellen wir es gleich ganz ab. Ja, das wäre wirklich eine Revolution… „Geistertanz, postmodern: leer kreisende, vom abstrakten Dagegensein bedröhnte Phrasenproduktion um Aktionsniveaus, verbindliche Zielvorgaben,  gemeinsame Plattformen, Gekabel zwischen winzigen Grüppchen (und innerhalb derselben), ernste Eingaben an den Weltgeist um Ausgrenzung, Bündnisse oder um den Aufbau eigener Strukturen. Aufhören, bitte.“ (6)

.

(*) Ich streiche diese Passage. In seinem Kommentar (siehe unten)  stellt Philippe Wampfler zurecht fest, dass  sein Blogpost, kein „…Wasser auf die Mühlen der Interneteuphoriker, sondern das Gegenteil davon,“ sei. Ich habe seinen Artikel zu einseitig beurteilt und finde daher meine Formulierung zu forsch.

.

(1)  Interview mit Four Tet in „GROOVE“ Januar/Februar 2014

(2) aus „Gadget“ von Jaron Lanier

(3) Jan Wehn in „DE:BUG 12.2013“

(4) David Dewaele im Gespräch, aus „Mashup“ von Dirk von Gehlen

(5) aus „Die magischen Kanäle“ von Marshall McLuhan

(6) aus „Maschinenwinter“ von Dietmar Dath

.

WERBUNG

.

Perlen finden im Internet – allerdings nur dank den CDs von damals

Advertisements