Während meiner Recherche zu Fotografie.Welt.Bilder. bin ich auf den hier folgenden Text gestossen. Heinz-Norbert Jocks hat damit das Thema „Der Gebrauch der Fotografie“ (Kunstforum Band 171/172) eröffnet. Zum Jahreswechsel 2003/2004 schrieb er über den versüssten Gebrauch der Fotografie:

„Ob es so weit kommen wird, wie Harald Martenstein Ende letzten Jahres in der ZEIT mutmasste, dass Fotografieren wie eine Epidemie um sich greift, weil so gut wie jeder ein Handy besitzt und bereits jetzt absehbar ist, dass schon bald das alte gegen das neue ausgetauscht und somit eine Kamera für jeden permanent verfügbar ist? Das setzt zum einen voraus, dass alle bisherigen Normen, die den Gebrauch der Fotografie regelten, ausser Kraft gesetzt werden. Zum anderen wird so getan, als wären die Verfügbarkeit und die Tatsache, dass jeder sein Handy überall bei sich trägt, schon normsetzend. Doch eine solche Interpretation bleibt oberflächlich an einer Scheinkausalität kleben. 

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Telifon

Mein Smartphone auf Kirschholz-Boden, Januar 2014

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Ob es sich dahin entwickelt, dass nun nicht mehr nur auf Familienfesten und an besonderen Tagen, sondern ständig und überall, an jedem Strassenfleck der Welt geknipst wird und sich der allgemeine Trend mainstreamartig erst wie eine Modewelle und schliesslich als soziales Muss ausbreitet, dass jeder zum Chronisten seines Lebens wird  und sein visuelles Tagebuch schreibt und dieses womöglich auf seiner Homepage ins Internet stellt, ist eine Prophezeiung, aber Gott sei Dank noch keine Realität. Zu dieser Bilderinflation wird es wohl nicht kommen.

Die Frage aber, was sich dahinter verbirgt, dass jeder vom eigenen Handy aus fotografieren können soll, lässt sich nicht allein per Wink auf die Kassen erklären, die unaufhörlich klingeln sollen. Die tun das nur, wenn Bedürfnisse erhört und dauerhaft geweckt bleiben. Hinter der massenhaften Verbreitung einer Erfindung, die das Fotografieren nochmals erleichtern soll, steht wohl die Vision einer neuen Kommunikationswelt, in der ausser der ökonomischen auch noch ganz andere, nämlich verdeckte Funktionen zu ermitteln sind. Sie beziehen sich auf handfeste Bedürfnisse, die sich mit der neuen Technik eher befriedigen lassen. Wo kein Bedürfnis ist, kann sich auch kein Verhalten einbürgern.

Derzeit werden alte Regeln revidiert, nuanciert, modifiziert und zu einem gewissen Teil auch ersetzt. Es ist wahrscheinlich, dass die Merhheit, die darin einwilligt, indem sie fotografiert, wenn es erlaubt ist, nicht merken wird, wie folgsam sie ist. Sie wird sich vielleicht sogar einbilden, ihr Handeln sei Ausdruck ihrer gerühmten Individualität und zudem angenehmerweise, weil keine Ausgrenzung droht, auch mit dem Kollektiven kompatibel. Gewiss ist es kein Zufall, dass das niedlichkleine Handy auch als handschmeichelndes Spielzeug fungiert, das einem flugs die Zeit klaut. Das SMS-Schreiben und MMS-Fotografieren bekommen dadurch etwas spielerisch Unterhaltsames und verführerisch Leichtes. Auch das ist nur ein warenästhetischer Trick, den Benutzern den Gebrauch zu versüssen und einzuschärfen.“

Jocks glaubte, dass es zu keiner Bilderinflation kommen würde. Doch die in Frage gestellte Prophezeiung ist 10 Jahre später (längst) von der Realität eingeholt. Die nachdenklich vorgebrachte Spekulation klingt genau so, wie die heute formulierte Kritik am Medienkonsum.

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Auggies Fotoalbum

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