1 Es gibt Bilder, die gehen mir nicht aus dem Kopf. Das Mädchen Kim Phuc, das aus dem soeben mit Napalmbomben beworfenen vietnamesischen Dorf flüchtet, nackt, weinend, dem Fotografen Nick Ut entgegen. Uwe Barschel in weissem Hemd und schwarzem Schlips, tot, in einer mit Wasser gefüllten Badewanne. Marilyn Monroe, deren Rock sich hebt wie Engelsflügel, die Beine nackt bis zum weissen Schlüpfer. 2 Es gibt Bilder, die sind in unseren Köpfen gespeichert. Nicht so, wie eine Datei, in allen Details abrufbar. Viel mehr wie ein Wort, dessen Bedeutung uns bewusst ist oder ein Duft, den wir wieder erkennen.

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USA – Kalifornien (*)

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0 Es gibt Bilder, die sind Fotografien, Zeichungen, Malerei, Fotokopien, Drucke… Wenn nicht anders beschrieben, meine ich Fotografien. Gerahmte, gedruckte, auf Monitor, Papier etc.

3 Es gibt Bilder, daran arbeiten Gruppen von Menschen – definieren deren Zweck, entwickeln Konzepte, unternehmen unzählige Aufzeichnungs-Versuche, optimieren mit Photoshop – nur um unsere Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Botschaft zu richten. Es sind dies die meisten Bilder, die uns umgeben. 4 Es gibt Bilder, die knipsen wir, damit wir uns (und anderen) immer wieder vergewissern können, dass wir an dem abgebildeten Ort einmal waren. 5 Es gibt Bilder, die sind in kleinen Datenmengen gespeichert und es gibt Bilder, die sind in sehr grossen Datenmengen gespeichert. Immer jedoch brauchen wir einen Apparat, der die Daten decodiert und die in sie eingeschriebenen Bilder sichtbar macht. „In ihrer Lesbarkeit widersetzen sie sich kommunikativen Erwartungen und Gewohnheiten und beharren darauf, dass sie auch von sich selber sprechen. Solche Fotografien ermöglichen das Offenhalten von Fragen an Bilder. Sie bilden eigene, spezifische Denkformen.“ (1) 6 Es gibt Bilder, die versuchen wir genau so zu reproduzieren, wie wir sie aus Katalogen und Postkarten kennen.

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Ägytpen – al-Qusair

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7 Es gibt Bilder, die gingen rasch um die Welt. Fotografien sind rasch hergestellt, verschickt, kopiert, gedruckt. Davor liessen sich nur Texte schnell verbreiten. Die gemalten, gezeichneten oder gedruckten Bilder brauchten Zeit… 8 Es gibt Bilder, die belegen den Zustand oder die Identität eines Objekts. Dazu müssen die Bilder aber amtlich beglaubigt sein (Pass, Ausweis) oder sie werden real mit dem abgebildeten Gegenstand verglichen (Onlinebörsen). 9 Es gibt Bilder, deren Bedeutung besteht einzig darin, dass sie gemacht werden. Ist der Auslöser betätigt, haben sie jegliche Notwendigkeit verloren. „…aber je weiter sie sich vom Realismus entfernen, der die Grundlage der Photographie und der Ursprung ihrer spezifischen Wirkung ist, um so grösser ist die Gefahr, dass sie zur flüchtigen Modeerscheinung werden. Und was ihre Bedeutungstiefe angeht, so erscheinen Photographien bezeichnend, eindrucksvoll und aufschlussreich, aber selten tiefsinnig.“ (2) 10 Es gibt Bilder, die sind ohne die Anwesenheit einer Fotografin oder eines Fotografen entstanden: vom Radargerät der Strassenpolizei, übermittelt von der Kamera einer Raumsonde, von Röntgen- oder endoskopischen Aufzeichnungssystemen, der ferngesteuerten Knopf-Kamera des Voyeurs  in der Umkleidekabine, der Überwachungskamera im Warenhaus.

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Italien – Toscana

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11 Es gibt Bilder (und es sind die allermeisten), die wird nie irgendein Mensch zu sehen bekommen. Diese Bilder verschwinden in den Speichern und irgendwann in den Trash-Foldern. Sie haben möglicherweise den als Tagebucheintrag geschriebenen Text verdrängt und dienen der Selbstvergewisserung. Die allermeisten noch geschriebenen Texte richten sich heute an jemanden. So wie dies vor längerer Zeit noch die Bilder taten. Hauptsache, man bekommt das Bild, und zwar sofort. Nur ja keine Sekunde Verzögerung. sobald man etwas Tolles sieht, muss man zugreifen. Wer Gesichter beobachtet, wie sie sich verändern, versteht, warum sich zu langes Warten verbietet.“ (3) 12 Es gibt Bilder, die zeigen einen Ausschnitt aus einem Raum während eines Augenblicks. Die Zeit vor und nach dem Augenblick der Aufnahme ist ausgesperrt und ebenso, was sich ausserhalb des Ausschnitts befindet. Diese Bilder sind Partikel des Weltganzen. Dies trifft etwas weniger auf digitale Bilder zu, die wir nach Jahren noch verändern, mit Bildbearbeitungs-Programmen den Raum und die eingeschriebene Zeit bearbeiten können. 13 Es gibt sehr viele Bilder, die erschliessen sich uns nur durch einen erklärenden Text. Es gibt wohl keinen Text, der sich uns durch erklärende Bilder erschliessen würde.

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Portugal – Lissabon, Luz (Mourao)

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14 Es gibt Bilder – meist Werbebilder – die sind reduziert auf einen einzigen Gegenstand, auf den unsere Aufmerksamkeit gelenkt wird: ein Kleid, ein Lidschatten, ein Gefühl. Was davon ablenken könnte, wird ausgeschlossen. Umgekehrt ist es in der Malerei: je reduzierter sie in ihrer Gegenständlichkeit ist, desto mehr weckt sie die Erzählung in uns. „Wenn wir ihm auch nicht mehr zutrauen als die Wiedergabe der puren Oberfläche, so bringt es doch den geheimen Charakter zum Vorschein mit einer Wahrhaftigkeit, die ein Maler auch dann niemals wagen würde, wenn er sie entdecken könnte.“ (4)

Kombinieren wir ein Bild mit einem anderen, erzielen wir bei beiden unerwartete Bedeutungsverschiebungen

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15 Es gibt Bilder, die das Medium selber thematisieren, wenn im Film Peeping Tom die Kamera nicht nur Bilder schiesst, sondern das im Stativbein versteckte Messer die Frau vor der Linse tötet und das Opfer im Moment des Todeskampfes abgelichtet wird. Oder bei  „à corps perdu“ (Léa Pool), in dem der Fotoreporter das von Guerilleros erschossene Kind im Arm seiner Mutter fotografiert bis diese ihn mit „asesino, asesino…“ anschreit.  „Sie gestatten ihm, wie einst den Schreibern von Reisebriefen und Tagebüchern – freilich punktueller und flüchtiger – das Abenteuer zu domestizieren, sich am Ariadnefaden des Films und seiner Nummerierung durchs Dickicht des Neuen zu finden.“ (6) 16 Es gibt Bilder, die in Reihen zu mindestens 18 chronologischen Einheiten pro Sekunde Bewegung simulieren und als Film rezipiert werden. Dies gilt heute allerdings kaum noch, sind die Lauf-Bilder doch in Dateien gespeichert, statt in Reihen auf Zelluloid belichtet.

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Portugal – Alentejo

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17 Es gibt Bilder, die durchbrechen den eingefangenen Augenblick und erschliessen einen neuen Diskursraum. Diese Bilder sind dann fast gänzlich vom ursprünglichen Kontext abgelöst. 18 Es gibt Bilder, auf denen die im Blitzlicht abgebildeten Objekte – Tiere, Menschen, Gegenstände – aussehen, als wären sie von der Feuerwalze einer in der Nähe detonierten Atombombe erhellt. „Es gibt in unserem Zeitalter kein Kunstwerk, das so aufmerksam betrachtet würde, wie die Bildnisphotographie des eigenen Selbst, der nächsten Verwandten und Freunde, der Geliebten“, hat schon im Jahre 1907 Lichtwark geschrieben und damit die Untersuchtung aus dem Bereich ästhetischer Distinktionen in den sozialer Funktionen gerückt.“ (5) 19 Es gibt Bilder, die ermöglichen es, sich an einem überwältigenden Geschehen zu nähern. Der technische Apparat zwischen uns und dem Ereignis reduziert, ja relativiert den Schrecken. Es ist nur Film…

20 Es gibt Bilder, die eine Bestandesaufnahme zulassen. Jedes Detail lässt sich auch nach vergangener Zeit überprüfen oder analysieren. Polizeifotos, Torkameras, wissenschaftliche Fotografie sind aber nur dann glaubwürdig, wenn sie in ein offizialisiertes System eingebunden sind. 21 Es gibt Bilder, die sind transitorisches Sehen. Den fotografierenden Reisenden, denen es nicht vergönnt ist, an einem Ort zu verweilen und eigene Erfahrungen zu sammeln, frieren das, was sie sehen im Bild ein um nach Bedarf die konservierte Teilerfahrung wieder aufzutauen. „Mit der damit einhergehenden Dekonzentrierung vor Ort geht die uns gegebene Fähigkeit zur unmittelbaren Vergegenwärtigung im Sinne des so schweren Gegenwärtigseins als mit der Welt versöhnter Seinszustand verloren…“ (7)

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Schweiz – Ticino

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22 Es gibt Bilder, die sind gleichzeitig Nachrichten. Im foto-/filmfähigen Smartphone verschmilzt Aufzeichnungsappart mit Sendeapparat. Bildnachrichten ersetzen immer mehr Textmitteilungen (siehe Snapchat). 23 Es gibt Bilder, die sind manipuliert und führen zu Trugschlüssen. Bildsprachlich – zum Beispiel mit einem Gegenbild als Widerrede – lässt sich die Falsch-Aussage nicht widerlegen. Denn auch diesem Bild müssten wir misstrauen.  24 Es gibt jeden Tag Millionen neuer Bilder, Millionen neuer Welten. Die Analphabeten der Zukunft sind nicht die Schriftunkundigen sondern die Photographieunkundigen, meinte Walter Benjamin. Die Zukunft hat längst begonnen…

„Yes, it’s in the script, but that’s not what you have on this screen!“ Jack Palance, Produzent – „Naturally, because in the script it’s written, and on the screen it’s pictures…“ Fritz Lang, Regisseur (8)

Am 4. September 2005 wurde die erste Ausstellung „Welt-Bilder“  im Helmhaus Zürich eröffnet. Bis 26. Januar 2014 ist nun die letzte von insgesamt fünf Ausstellungen zu sehen. Zu jeder Ausstellung ist eine Publikation erschienen. „Zentrales Anliegen dieses Projektes ist es, mehr darüber zu erfahren, wie Künstlerinnen und Künstler in einer Zeit der medialen Bilderflut die Welt sehen...“(1) Dieser Blogpost ist als Reaktion auf die vorgestellten Positionen entstanden.

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(*) alle Fotos: cuirhomme

(1) Andreas Fiedler und Simon Maurer,  „Welt-Bilder 1“

(2) Rudolf Arnheim,  „Über das Wesen der Photographie“

(3) Robert Lebeck im Gespräch mit Heinz-Norbert Jocks, „Kunstforum Band 171“

(4) Nathaniel Hawthorne, „House of the Seven Gables“, zitiert aus „Über Fotografie“, Susan Sontag

(5) Walter Benjamin, „Kleine Geschichte der Photographie“

(6) Günter Metken im Gespräch mit Heins-Norbert Jocks, „Kunstforum Band 171“

(7) „Gebrauch der  Fotografie“ von Heinz-Norbert Jocks, „Kunstforum Band 171“

(8) aus „Le Mépris“ ( Jean Luc Godard

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WERBUNG

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Band1-5

Welt-Bilder Band 1-5, Helmhaus Zürich, erschienen im Verlag für moderne Kunst Nürnberg

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