Die letzten Tage waren hart: Rüpelei, Pöbelei, Herabsetzung. Wie in der Hafenkneipe kurz vor Morgengrauen. Derb provozierende, aufwiegelnde Tweets verschicken und dann – wieder bei Sinnen –  löschen, das gehört bei einigen zum social media Auftritt. Aggression, Spott und Verleumdung prägen aber nicht nur den Austausch hemmungsloser Rowdies. Mir scheint, das Klima ist generell rauer geworden; Sozialstaat pleite, Bankengejammer, bröckelnde Gesellschaftsverträge – die Party ist aus. Anscheinend.

Vielleicht stosse ich im digitalen Geflecht des freedom of speech auf Stimmen und Stimmungen, die mir im bisherigen Leben verborgen blieben. Täusche ich mich denn, wenn ich meine, ein orchestrierter Tenor der Meinungsmono-polisten gewinne an Lautstärke. Sind diese Tenöre bisher im diskursiven Geraune untergegangen? Die Netiquette von einst jedenfalls kümmert die harten Damen und Herren nicht die Bohne. Lieber ziehen sie den Speck tüchtig durch den Mund, um ihn uns dann vor die Füsse zu spucken.

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Tuit

Erfrischend offen oder respektlos frech?

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Kein Rückspiegel, keine Rücksicht

Als ich geboren wurde, da lag der letzte grosse Krieg gerade ein Teenager-Alter zurück. Hin und wieder sprachen die Alten von Donnergrollen und Blitzlicht, das vom anderen Ufer des Bodensees herüber drang. Der Grossvater sei oben am Hügel im Gras gelegen mit der ständigen Angst, die Bomben könnten auch auf ihn fallen. Wenn wir das hörten, tauchten wir jeweils hinab in bedrückende Düsternis. Ein unbedarftes Wort, ein Widerspruch, eine falsche Bemerkung und die Angst wäre wieder heraus gebrochen. Auf diese kaum verheilten Wunden nahmen wir mitfühlend Rücksicht.

Die Erinnerung verblasst. Hitler, Holocaust, Houston, Hitchcock, Laurel & Hardy? Alles lange her – rasendes Vergessen. Unkenntnis ist kein Stigma mehr. Im Gegenteil. Wer frisch und froh ist trumpft. Der (Besser-) Wisser dagegen ist klugscheissender Moralapostel. Wissen ist Ballast. Erkenntnis (-suche) bremst. Daten-Wissen ist heute ein Link entfernt, bleibt aber abstrakt, vielleicht vorstellbar, bestenfalls einleuchtend. Erfahrung, mit der Realität Abgeglichenes, Verkoppeltes bräuchte Zeit. Und ist selbst flüchtig geworden. Was heute zählt, gilt morgen vielleicht schon nicht mehr.

Wo Gegenwart schrumpft, Vergangenheit und Zukunft sich vermengen, wird Wissen und Erfahrung permanent entwertet. Geschichte ist instabil, in Showeffekte fragmentiert (die Hölle von Sarajevo, Kampfzone Nahost, Arabischer Frühling). So fluppen Kristallnacht-Tweets durch die Finger oder es lässt sich trefflich über Kasperli-Figuren wie Barack Obama und Nelson Mandela herziehen. Dazu passt, dass hart errungener, sensibilisierter sprachlicher Ausdruck bald einmal als political correctness gelabelt und nun schon beinah zum Synonym für Weicheier geworden ist. Heute ist Mann und Frau nicht mehr politisch korrekt sondern fadegrad und ohne Rücksicht auf allfällig zu verletzende Gefühle oder moralisch-ethische Übereinkünfte:

.ritmoe

Messerscharfe Analyse oder ignorante Impertinenz?

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Die Rassisten, Homophoben oder Egomanen sind seit den grossen Kriegen nach 1945 nicht einfach verschwunden oder geläutert. Sie sind präsenter geworden, konzentriert in den Foren, öffentlich: die verächtliche Rede ist  – wenn auch nicht salonfähig – so doch als freie Meinungsäusserung wieder zulässig.

freedom of speech gilt mehr als political correctness…

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…mehr denn je. Doch wo alle reden, hört niemand mehr zu. Deshalb wird die digitale Präsenz immer mehr zum Showcase, der Tabubruch zum dramaturgischen Effekt. „Statuskonkurrenz und Wettbewerb um Sichtbarkeit und Einfluss mögen zu Moralunternehmertum und Usurpation von Repräsentantenrollen führen; Mobilisierungsnotwendigkeiten und Identitätspolitiken von sozialen Bewegungen und freiwilligen Assoziationen gefährden die Diskursivität von Kommunikation.“(1) Statt Konflikte argumentativ zu verhandeln werden sie zelebriert.

Toleranz, Akzeptanz und gegenseitiger Respekt ist an Übereinkunft und demonstrative Zugehörigkeit gebunden. Widerspruch akzeptieren? Zuhören, nachlesen, überdenken? Dann lieber blockieren. „Die Möglichkeit des Widerspruchs wird gar nicht vorausgesetzt; die Äusserung von Dissens wird als unliebsame Überraschung, Störung, heimtückischer Bruch eines Einverständnisses interpretiert. Kommunikation ist in solchen Fällen nicht primär informativ, schon gar nicht argumentativ, sondern dient der Bestätigung vorausgesetzter Gemeinsamkeiten und Zugehörigkeiten…“(1)

Die Retourkutschen poltern trotzdem alsbald durch den Stream. Show-Kämpfen gleich. Wo Dissens sich mit Respektlosigkeit und Achtungsentzug paart, driften die Lager auseinander. Ich glaube nicht, dass soziale Netzwerke Konformismus fördern. Die Nonkonformisten drehen gesättigt ab, einige verschanzen sich in den Schützengräben ihrer Profile. Und den Konformisten ist das alles sowieso schnurz.

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Russl

Biblische Abgründe oder ordinärer hate speech?

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Vorsicht Demokratie

„Eine Politik, welche Moral und Religion zu rigoros ausklammert, erzeugt bald ihre eigene Entzauberung. Wo die politische Auseinandersetzung ihre moralische Resonanz verliert, findet die Sehnsucht nach einem bedeutungsvolleren öffentlichen Leben rasch unerwünschte Ausdrucksformen. Gruppen wie die moralische Mehrheit versuchen den kahlen öffentlichen Raum mit engstirnigen, intoleranten Moralismen auszukleiden. (…) In Ermangelung einer politischen Agenda, welche die moralische Dimension öffentlicher Angelegenheiten thematisiert, stürzt sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf die privaten Laster öffentlicher Figuren. Der öffentliche Diskurs konzentriert sich mehr und mehr auf das Skandalträchtige, Sensationelle, Bekenntnishafte der Politik, wie es von der Boulevardpresse, in Talkshows und am Ende auch von den öffentlichen Medien verbreitet wird.“ (2)

Gehen wir davon aus, dass das soziale Netz nach dem Kapitalakkumulations-prinzip funktioniert, also ökonomisches, soziales oder kulturelles Kapital sich immer mehr selbst multipliziert, dann verstärkt der Wettbewerb im Internet die Ungleichheit. Schneller, Lauter, Schöner gewinnt. Mit Behauptungen und normativen Wertungen lässt sich zwar ein Publikum (oder eine community) binden, doch das Interesse der Öffentlichkeit schwindet. Und wo die Öffentlichkeit durch Ausschluss oder Abneigung schrumpft und fragmentiert, bröckelt die Basis einer funktionierenden Demokratie. „Zur Freiheit gehört aber auch, dass eine ungehinderte Diskussion über die zur Wahl stehenden Personen und Programme möglich ist. Wenn von der Minderheit erwartet wird, dass sie sich dem Mehrheitswillen beugt, muss sie zumindest Gelegenheit haben, ihre Auffassung in die Debatte einzuführen. Einengungen der Debatte sind damit unvereinbar.“ (3)  

Die Demokratie konstituierende Werte und Normen verteidigen wir im kommunikativen Handeln. Nur diejenigen Werte sind legitmiert, welche die Konfrontationen überstehen. Daraus liesse sich schliessen; wer andere blockiert, bestraft sich letztlich selbst und läuft.

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…Gefahr, einem Autoritarismus zu verfallen. 

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„Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt,“ schreibt Sascha Lobo. Raunen in der Netzgemeinde. Totalitarismus!? Gemeint ist nicht der Totalitarismus, mit dem uns Krakenarme der Überwachungsmaschinerie (Lobo) ergreifen, sondern Totalitarimus-Tendenzen, die möglicherweise von sozialen Medien und deren Geständnis- und Kontroll-Technologien gefördert werden und sich in crowdsourced Lynchmobs manifestieren.

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Kampf

Wortspiele, Wortgefechte, Gefechtsbereitschaft, bereit…

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Totalitär oder nicht: es braucht die Netzbeschmutzer, so himmelschreiend sie uns auch anmuten. Manchmal sind wir alle unzumutbar. Nur wer uns widerspricht, den können wir hören. Nur wen wir hören, dem können wir widersprechen. Bevor es zu spät ist. „Genau wie die Nacht nicht plötzlich hereinbricht, kommt auch die Unterdrückung nicht schlagartig. In beiden Fällen gibt es eine Zeit des Zwielichts, in der alles scheinbar unverändert ist. Und in dem Zwielicht müssen wir alle mit höchster Aufmerksamkeit auf Veränderungen achten, so klein sie auch sein mögen, damit wir nicht zu ahnungslosen Opfern der Dunkelheit werden.“ (4) 

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(1) aus „Der Sinn von Öffentlichkeit“, Bernhard Peters

(2) Michael Sandel, „Political Liberalism“, aus „Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung“ von Hartmut Rosa

(3) Dieter Grimm, „Bedingungen demokratischer Rechtsetzung“ aus „Die Öffentlichkeit der Vernunft und die Vernunft der Öffentlichkeit“ Lutz Wingert/ Klaus Günther  (Herausgeber)

(4) Richter William O. Douglas aus „Wie zerstört man eine Demokratie“ von Naomi Wolf

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Immer sind die Gespenster da…

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