50 Milliarden US-Dollar kosten die teuersten olympischen Spiele aller Zeiten in Sotschi. Ein Drittel der Investitionen sollen im Korruptionssumpf versickern. Verschleuderte Millionen wittern service public Kritikerinnen jetzt auch bei der Berichterstattung. Nun, mangelnder Sachverstand hält ja Politikerinnen und Boulevard-Blätter selten davon ab, tüchtig Stimmung zu machen.

An forderster Front im Kampf gegen die SRG bringt sich Natalie Rickli in Stellung. Für die Medienpolitikerin, die schon die Gebührenmonster-Initiative lancierte, ist Unverständnis kein Hindernis. Natürlich steht es der social media gewandten Rickli frei, aufgrund einer schludrig hingeworfenen Boulevard-Geschichte aufzuschrecken und sich dann via Twitter genauer informieren zu wollen. Unwissenheit an sich ist ja kein Frevel. Dass sie dann ein Medienunternehmen twitternd auffordert, die Kosten für die Übertragungen der Grossveranstaltung zu beziffern, halte ich aber für puren Populismus.

Jeder Köder wird sogleich unter die hungrige Meute gestreut. Die verbeisst sich lechzend. So funktionieren offenbar immer mehr Politikerinnen, Politiker und Medien. Es geht weniger um die Sache, dafür um so mehr um den Gewinn an Aufmerksamkeit.

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Ausrüstung in Keller, Estrich, Flohmarkt… Wintersport ist Breitensport

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Es bräuchte nur wenig Recherche, vielleicht eine Rückfrage bei den zuständigen Verantwortlichen oder Gremien – was einer Nationalrätin zuzumuten wäre – und die politische Arbeit wäre auf sichereres Fundament gestellt. Boulevard-Geschichtchen zu vertwittern ist mir da zu effekthascherisch.

Hier einige simple Gedanken, die die Stimmungsmache von Politikerinnen, Medien und Konsumenten drosseln könnten:

1. Drei SRG Leute pro Sportler  – ein Titel suggeriert entgleiste Verhältnismässigkeit. Nur ist eine solche Headline völlig irreführend. Die Gleichung hinkt aus verschiedenen Gründen: An den olympischen Winterspielen messen sich nicht nur die 140 Schweizer Athletinnen und Athleten, von der die seltsame Gleichung ausgeht. Es werden rund 2800 Internationale, also rund acht Mal mehr Sportlerinnen und Sportler als SRG Angestellte erwartet. Der Bildschirm wird ja nicht schwarz, wenn eine Österreicherin die Piste runter fährt, genauso wenig verstummt das Radio, wenn der deutsche Vierer-Bob startet.

Die 340 SRG Angestellten setzen sich zusammen aus den Journis verschiedener Landesteile, sowie dem technischen Personal von der Audiotechnikerin bis zum Slowmotion-Operator. Für einen korrekten Vergleich müssten also auch die die Schweizer Teams begleitenden Trainerinnen, Materialwarte, medizinischen Fachleute etc. zusammen gezählt werden. Hier zeigt sich vollends, wie absurd die von gewissen Medien aufgestellte Gleichung eigentlich ist.

Ausserdem: Wozu 90 Techniker (ohne Journalistinnen) nötig sind, um ein Fussballspiel von 22 Jungs aufzuzeichnen und zu übertragen, hat bisher auch noch niemand zu klären versucht.

2. Rund ein Drittel der SRG-Angestellten arbeitet nicht nur für das eigene Haus, sondern auch im Auftrag des Veranstalters der olympischen Spiele (IOC und Olympic Broadcasting Services OBS). 105 Techniker produzieren sämtliche Ski alpin Übertragungen. Ein nicht unwesentlicher Teil des materiellen und personellen Aufwands wird also in Rechnung gestellt und fliesst zurück in SRG-Kassen.

3. Für die SRG sind die Winterspiele die grösste Übung. Um das vorgesehene Sende-Volumen produzieren zu können gilt Ferienverbot für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. All diese Angestellten in den Nordkaukasus zu schaffen, ist tatsächlich ein beträchtlicher Aufwand. Es sind jedoch die selben Angestellten, die sonst im Radio-/Fernsehstudio oder dem Redaktionsbüro in Zürich arbeiten würden. Mit Sicherheit leisten auch einige freie Mitarbeiter ein grösseres Pensum als in Jahren ohne sportliche Grossanlässe. Schlagzeilen wie Unser TV leistet sich 340 Leute sind aber irreführend.

4. Ich kann mich gut erinnern, wie wir Kinder während den Sportferien morgens früh den Langläufern zusahen, wie die sich durch die Wälder um Sapporo schufteten, den Eisschnellläufern, die am Vormittag über’s glatte Rund flitzten und abends den Eistänzerinnen, die ihr Programm ins Scheinwerferlicht tanzten. Die olympischen Spiele oder Weltmeisterschaften waren stets ein TV-Marathon. Wir fieberten mit vom Vormittag bis späten Abend. Die Menschen in den Büros schalteten bei wichtigen Entscheidungen in die Live-Übertragung. Das war vor 40 Jahren so und ist auch heute noch so. Nicht von ungefähr sind während populären Sportanlässen riesige public viewing events entstanden.

5. Die Übertragungen von Sport-Grossereignissen gehören zu den wenigen verbliebenen Fernsehspektakeln, die immer noch ein breites Publikum vor den Bildschirmen versammeln. Die Skirennen von Wengen (Lauberhorn) oder Kitzbühel sind absolute Quotenbolzer, ebenso die Übertragungen von Fussballspielen oder Leichtathletik-Wettkämpfen. Das Bedürfnis ist nach wie vor ausgewiesen.

6. Während ein Insider (sic) vermutet, die SRG gebe rund 3,5 Millionen Franken für Sotschi aus, weiss z.B. die Handelszeitung zu berichten, dass der ORF nur halb so viel Personal wie die SRG in den Kaukasus schickt. Der ORF selbst allerdings gibt an, für Sotschi und die Fussball-WM in Brasilien 20 Millionen Euro auszugeben. Der wesentliche Teil dieses Geldes dürfte für die Übertragungsrechte drauf gehen. Der Konkurrenzkampf zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Medien um die TV-Rechte ist der wahre Kostentreiber. Hier versickern die Monster-Gelder. Das verschweigen sowohl die (privaten) Medien, als auch die Medienpolitikerin, die hauptberuflich private Medien vermarktet.

Mag sein, dass der technische Aufwand immer grösser wird: High Definition, mehr Kameras auf Lift, Kran oder Seilbahnen, Super-Slow, 360 Grad-Helmkamera etc… Warum die SRG nicht offen kommuniziert, was die Sotschi-Berichterstattung unter dem Strich kostet, das verwundert schon und halten viele für arrogant. Delegationsleiter Roland Mägerle versichert zumindest, der finanzielle Aufwand sei nicht grösser als an der letzten Winter-Olympiade. Nur der Widerstand gegenüber der SRG wird ständig grösser. Und das ist aus meiner Sicht das eigentlich Bemerkenswerte an der ganze Geschichte.

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