Nach 10 Jahren und 8 Staffeln Dschungelcamp beschäftige auch ich mich noch mit dieser Sendung. Interessant ist das alleweil. Die wundersame Verwandlung vom trashigen „Unterschichtfernsehen“ (2004) zur „brillant gemachten RTL Lehrstunde“ (2014) macht neugierig. Verändert hat sich die Sendung in den zehn Jahren ja kaum. Nur die Rezeption scheint sich dem Format anzupassen. Nicht umgekehrt. Es ist, als ob ein subkulturelles Phänomen domestiziert und in der Mitte der Gesellschaft angekommen wäre. Das Dschungelcamp ist also der Punk der Flimmerkiste, Die Toten Hosen des Unterhaltungsfernsehens.

.

Camping

Freizeitgestaltung und beispielhafte Alltagswirklichkeit (1)

.

Vom webbasierten Voyeurtainment…

Realitysoaps wie Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! sind Abkömmlinge der Ur-Spycam-Produktion Big Brother. Diese wurde von Endemol aus der Ursuppe des WorldWideWeb geschöpft. Seit das Internet durch’s Modem tröpfelt, wuchern die Live-Webcams und damit immer mehr Bilder von Strassenkreuzungen, Sonnenterrassen und durchwühlten französischen Betten. In den 1990-er Jahren lenken unzählige Frauen (?!) den Blick in ihre Wohnungen und Gemächer. Der besondere (sexualisierte) Augenblick bleibt freilich der zahlenden Kundschaft vorenthalten. Jenseits pornographischer Peep-Shows blühen dank der neuen Technologie aber noch weitere Projekte zwischen Exhibitionismus und  Selbsterkenntnis. Jennifer Ringley montiert Webcams in ihrer Wohnung und stellt von 1996 bis 2003 die Bilder von ihrem Leben ins Netz. JenniCam und andere abonnierte Posers erlangen mit reality-based voyeurtainment einige Bekanntheit.

Mit der verhaltensorientierten Spielshow Big Brother ist die voyeuristische Hidden-Cam zwar noch nicht salonfähig, die medienethische Diskussion jedoch ist lanciert. „Endemol und RTL II greifen mit diesem Format auf den uralten Wunsch zurück, zu sehen, ohne gesehen zu werden“ und prombt wird uns „Geraldine nackt unter der Dusche“ angekündigt. Der damalige deutsche Bundesinnenminister Otto Schily rät: „Wer sich ein Gefühl für die Würde des Menschen bewahrt hat, sollte die Sendung boykottieren. Zu viel Fernsehen schadet sowieso der Gesundheit.“ Die Empörung vor der Ausstrahlung ist gross, flacht nach den ersten Sendungen jedoch bald ab.

Die von den Big Brother Produzenten in Aussicht gestellten Exzesse und sexuellen Eskapaden bleiben nämlich aus. RTL füttert geschickt die moralische Entrüstung, die aber rasch in kaum mehr ernst zu nehmende Polemik und Zynismus übergeht. Die Episoden und Schicksale der Kandidatinnen und Kandidaten sind nun im Fokus: sogar „…eine Waldorf-Schülerin“ findet sich ein im Wohncontainer. Und endlich: „Sie taten’s nach 29 Tagen vor aller Augen.“

Bürgerliche Kreise würgen schliesslich am Dilemma: partout wollen sie den privat-wirtschaftlichen Markt für elektronische Medien. Doch der beschert ihnen jetzt den Angriff auf die Privatsphäre und die Gefahr moralischer Panik. Im Zweifel für den freien Markt und gegen die Moral! Zwischen fingierter Entrüstung und lüsterner Frivolität lässt sich’s zudem wohlig Auflage ausreizen. In der freien Aufmerksamkeits-Wirtschaft verdient gutes Geld nur, wer das Interesse auf sich lenkt. Zuerst trompeten die Tabubrecher ihre Fanfaren. Dann zieht der Empörungszirkus mit seinen Skandalisierungs-Akrobatinnen durchs‘ Land. Die Besonneneren schliesslich besorgen in den Feuilletons die kommunikative Konstruktion der Moral.

Bis heute. Und das Dschungelcamp bietet frische Nahrung für dieses Menü mit Zutaten wie Ekel, Schadenfreude und Pfadfinderei. Die Conférenciers der Unterhaltungsfabriken zünden die nächste Stufe: Nach dem Leute wie du und ich durch den Ring getrieben wurden, um die Stars in den Schatten zu stellen, soll den Stars nun der letzte Lackflicken abblättern.

.

SpoG

Performatives Realitätsfernsehen und lebensweltliche Orientierung (2)

.

…zum werbefinanzierten Confrontainment

Betrachten wir Sendungen wie Big Brother oder Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! unter zwei Aspekten:

  1. dem dualen Rundfunksystem
  2. dem gesellschaftlichen Wandel

Dem dualen Rundfunksystem sei’s verdankt, dass bunte Sträusse von Fernsehprogrammen aus allerlei Gestrüpp und Füllzierde zwischen edleren Blüten spriessen. Kulturelle und pädagogische (Bildungs-) Programme sind fast ganz verschwunden oder in Randstunden hinaus programmiert. Im dualen Rundfunksystem…

…werden wir nicht mehr als Staatsbürger angesprochen, sondern als Konsumenten. Ein Rollenwechsel mit Folgen.

.

Das Zielpublikum der Staatsbürgerinnen kriegt zu sehen, was es wissen muss, um verantwortlich handeln zu können. Konsumenten dagegen sehen das, wonach ihnen gelüstet. Und tatsächlich glauben wir das auch gesendet zu bekommen. Bloss „…richten sich die Privatsender nach den Vorstellungen ihrer Werbekunden, die in vielen Fällen auch die inhaltliche Gestaltung der Sendungen, beispielsweise durch Formen des Product-Placement, mitbestimmen.“ (5) All die Soft-Pornos und sexy-clips, die während der Anfangsphase des Privatfernsehens Eis brechen sollten, verschwanden nach den ersten Aufmerksamkeit heischenden Skandalwellen wieder. Welche Firma möchte ihre Produkte in Verbindung gebracht sehen mit Frauen im Liebeslager oder den Nichten der Frau Oberst? Nein, das zahlt einfach nicht. So bekommt das Konsumentenpublikum nur jenes Programm geliefert, in das die Werbeindustrie investieren mag.

Die Disziplinargesellschaft (Michel Foucault) wird immer mehr zur Kontrollgesellschaft. Einst stand die soziale Integration im Vordergrund. Wem dies nicht gelang, der wurde bestraft und diszipliniert, um danach möglichst wieder in die Gesellschaft zurückzukehren. Das Prinzip der Kontrollgesellschaft basiert dagegen auf dem Mechanismus der Ausschliessung. Es geht nicht mehr darum, Delinquenten zu disziplinieren (…) sondern darum, diejenigen, die sich der öffentlichen Verpflichtungen zum Guten widersetzen, zunächst aus dem öffentlichen Raum und möglichst aus der Gemeinschaft der Guten schlechthin auszuschliessen. Dieser Prozess zieht immer weitere Kreise und umfasst immer mehr Menschen in den ausdifferenzierten pluralisierten Gesellschaften.“ (3)

Auch die Integrierten werden fügsamer. Medien propagieren mit ihren lebensweltlich orientierten Formaten einen moralischen Konsens, der den Verlust universeller Vorgaben kompensiert. Scott Lash stellt 1996 fest, „…dass die abnehmende Bedeutung sozialer Strukturen in diesem Kontext zum grossen Teil einhergeht mit neuen Informations- und Kommunikationsstrukturen“ (4). Das Fernsehen thematisiert die verschiedenen Lebensauffassungen und -stile und verhandelt sie öffentlich. Damit hat es sich als bedeutendes Lebenshilfe-Instrument etabliert. Reality-Formate sind die medialen Gefässe, in denen Identitätsarbeit anschaulich wird. Das Publikum verhandelt die konvergenten Sendeprodukte – so auch den #Bachelor oder gar #Tatort  – live oder zeitversetzt in den sozialen Netzwerken. Und bindet sich damit noch stärker ans Sendeprodukt.

.

Garten

Kein Theater – Realität im Garten

.

Trotz knapper Darstellung können wir nun die Wechselwirkungen zwischen Mediensystem und gesellschaftlichem Wertewandel erahnen. Bröckelt der Wertekanon, mag das Dschungelcamp als „faszinierende parodistisch verfremdete Miniaturversion der Mediengesellschaft“ (Joan Kristin Bleicher bei stern.de) durchgehen und schliesslich auch im Feuilleton das Podest erklimmen.

Haben alle Bildungsschichten das Thema durchdekliniert, entschärft und integriert, so können die Sender hemmungslos am Zynismus schrauben. Den hat der Dschungelcamp-Autor Micky Beisenherz schon gänzlich verinnerlicht, wie er in einem Gespräch unbelastet von jeglicher Scham offenbart. Auf die Frage nach seinem Wunschkandidaten antwortet er: „Hans-Peter Friedrich (…) Als Landwirtschaftsminister hat er die politische Karriere quasi hinter sich und zudem scheint er doch einer zu sein, der nicht sonderlich viel über das nachdenkt, was er so von sich gibt. Perfekt für den Dschungel! Und den Zuschauern, die mit Politik nichts am Hut haben, sagen wir einfach, das sei der Trommler von den Flippers.“

Wer sich derart über das, was den Menschen kennzeichnet, hinwegsetzt und ihn zum Gegenstand macht, muss sich mit keinerlei Selbstkritik mehr herumärgern. Vielleicht liegt es an seiner Vergangenheit als TV-Talkmaster, dass Roger Willemsen sich irrt, wenn er meint: „So richtet sich die Ironie der Sendung immer auch gegen diese selbst, und im Zweifelsfall liefert sie die Kritik gleich mit – bemerkenswert in einem Medium, das sonst fast keine Selbstkritik kennt…“ Denn: „Das ist ja das Verlogene. Typisch für sadistische Diktatoren war immer die Selbstironisierung. So zeigten sie, dass sie omnipotent sind und es sich sogar leisten können, selbstkritisch zu sein. Der Diktator ist zuckersüß und zeigt damit, daß er die Macht hat. Man nennt das auch Zynismus. Solche Selbstkritik dient nur der Stabilisierung des Systems.“ (Mario Gmür)

Nicht nur die Protagonisten solcher Sendungen, auch die Konsumentinnen und Konsumenten scheinen die Maden, Darmausgänge und Kröten genüsslich zu schlucken. Ich bin gespannt, mit welchen Ingredienzien diese Witzunholde als nächstes uns den Unterhaltungsdurst versalzen.

.

(1) Werbefoto Mini Clubvan Camper

(2) Spasswettbewerb Turnverein Niederwil

(3) aus „Im Auge der Kamera – Das Fernsehereignis Big Brother“, Lothar Mikos u.a. Beiträge zur Film- und Fernsehwissenschaft 55

(4) aus „Reflexive Modernisierung“ von Ulrich Beck, Anthony Giddens, Scott Lash

(5) aus „Skandalisierung im Fernsehen“, Margret Lüneborg u.a. Medienforschung der LfM Band 65

.

EMPFEHLUNGEN

.

Die Gesellschaft der Beachtungsexzesse

Dschungel-TV, Inszenierungsstrategien und  Rezeptionsmuster:

http://fsf.de/data/user/Dokumente/Downloads/Dschungel_TV_Studie.pdf

Unterhaltung ohne Grenzen? Der Schutzbereich der Menschenwürde…:

http://www.lfm-nrw.de/fileadmin/lfm-nrw/Forschung/LfM-Band-69.pdf

.

Monty Python’s Dschungelcamp (1970)

.

Advertisements