Der Fisch stinkt vom Kopf her. Unweigerlich muss ich daran denken, in Sarnen, dem Hauptort des Kantons Obwalden. Hier in der Nähe wurde der Überlieferung nach die Eidgenossenschaft gegründet. Obwalden gehört zu den Urkantonen dieser Eidgenossenschaft der Schweizer.

Seit der Einführung einer Flat Rate Tax zieht der Kanton Obwalden (mit Zug und Schwyz) am wenigsten Steuergelder ein. Je nach Auslegung ist das weltweit Spitze, sogar noch vor Hong Kong oder Cayman Island. „Selbst über die Landesgrenzen berichteten die Medien über den kleinen Kanton im Herzen der Schweiz, der sich mit einer kühn anmutenden Steuerstrategie vom hässlichen Entlein zum attraktiven Steuerstandort entwickelte„, lese ich in welcome, einer Werbebroschüre des Kantons. Die bürgerlichen Politiker preisen den attraktiven Steuerstandort. Die Grünen Schweiz sehen nach wie vor das hässliche Entlein. Schlimmer noch: „Gegen einen ausser Rand und Band geratenen Steuerwettbewerb braucht es mehr Steuergerechtigkeit. Im Steuerwettbewerb gar die Raumplanung aufs Spiel zu setzen, ist das Dümmste was man tun kann.“

Der Obwaldner Finanzdirektor Hans Wallimann hält laut Spiegel eine simple Gleichung dagegen: „Bei den Schweizer Bahnen gibt es eine erste Klasse mit mehr Komfort, mehr Raum. Und es gibt eine zweite Klasse, wo ich weniger Platz habe, aber die Hälfte zahle. Ist das schon ungerecht? (…) Es gibt Leute, die haben das Bedürfnis nach weniger Wohnraum, und es gibt solche, die wollen mehr Raum.“

Regierungsrat Wallimann und seine Kollegen priesen 2009 besonders attraktives Gelände ausserhalb der Bauzonen, das von reichen Zuzügern hätte bebaut werden dürfen, als flankierende Massnahme ihrer Steuerstrategie. Das Obwaldner Stimmvolk lehnte jedoch Wohnzonen für Reiche ab. Trotz dieser Einschränkung; wer in die „abwechslungsreiche, vielfältige Landschaft inmitten von Bergen, Wäldern und Seen“ (Obwalden Tourismus) kommt, bemerkt sofort die überaus rege Bautätigkeit. Wir sehen uns das näher an und umrunden den Sarnersee gemächlich mit dem Fahrrad.

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Auf der einen Seite des Sees entlang der Hauptstrasse und der Bahnlinie wuchern Siedlungen vom Ufer her hinauf, den schneebedeckten Hängen zu – Sarnen, Sachseln, Giswil. Auf der gegenüber liegenden Seite dann eine schmale asphaltierte Strasse durch den Wald, den Matten entlang. Dazwischen gestreut sind einzelne Bauernhöfe, Scheunen und… Villen. In den Hang gefräst. Auf der Sonnenseite. Hinter den See spiegelnden Panoramafenstern schimmern breite Fauteuils, Bulthaup-Küchen, Step-Trainer.

„Mit einem schlanken und guten Baugesetz soll die bauliche Entwicklung im Kanton massgeblich unterstützt werden. Die Regelungsdichte im Gesetz gilt es auszudünnen. Mir ist es wichtig, dass sich der Kanton Obwalden baulich gesund entwickelt. Innerhalb der Gemeindestrukturen sollen Bauten entstehen, die mit dem dörflichen Charakter und der Landschaft übereinstimmen,“ sagt der Obwaldner Baudirektor und Landammann Paul Federer und vertritt statt den verworfenen Wohnzonen neu Arbeitszonen.

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Kein Geld für Oasen

Über dem kleinen Zentrum von Sarnen, oben am Landenberg, vergammelt und zerfällt die Villa Landenberg. Die Balkons sind heruntergekracht. Die Fassade neigt sich bedrohlich Hang abwärts, bröckelt. An der Nordseite des Gebäudes ist über zwei Stockwerke ein Loch in die Aussenmauer gerissen. Vor bald 20 Jahren lehnte der Obwaldner Regierungsrat das Abriss-Gesuch der Besitzerin – einer Immobilienhändlerin – unter anderem mit dieser Begründung ab: „Der Bau ist künstlerisch wertvoll, er weist eine qualitativ hochstehende und sorgfältige neobarocke Fassadengestaltung auf. Das Erziehungsdepartement verweist insbesondere auf die wertvollen und sorgfältig gestalteten künstlerischen Details, wie die Gusseisenbalkone oder die Rundgiebel über den Fenstern des ersten Obergeschosses. Das geschützte Objekt muss in seiner schutzwürdigen Substanz erhalten bleiben. Die Beschwerdeführerin darf keinen Neubau erstellen, sie wird an der höchsten Nutzung ihres Grundstücks gehindert. Mit der Unterschutzstellung ist aber auch die Bestandesgarantie der bestehenden Baute gewährleistet.“

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Wachstum in der Randregion

Zwischen 2006 und 2012 ziehen rund 2400 Menschen in den Kanton Obwalden (von 33755 auf 36115), davon sind – zwischen 2001 und 2011 – rund 2000 Ausländerinnen und Ausländer. „Die Bevölkerungszunahme ist auf die internationale Migration zurückzuführen“, heisst es im Bericht der Credit Suisse zum Immobilienmarkt 2013. Der Bevölkerungszuwachs ist mit 6.99 Prozent geringfügig höher als in der Schweiz insgesamt (6.85 Prozent). Verglichen mit strukturell ähnlichen Regionen wie Nidwalden, Fribourg, Graubünden oder Jura ist das Wachstum jedoch ausserordentlich.

„Die nach wie vor sehr hohe Investitionstätigkeit des Kantons kann selbst finanziert werden. Als grösste Einzelinvestition konnte im letzten Jahr die Sanierung und der Neubau der Kantonsschule und der Mehrfachturnhalle abgeschlossen werden“, schreibt der Regierungsrat zur Staatsrechnung 2011. Ausserdem erhält das Kantonsspital in Sarnen einen Erweiterungsbau mit Bettentrakt, das neue Seebad und die Sportanlage sind bereits eingeweiht. Diese Grossprojekte belasten die Gemeinderechnung.

Da die Region von verheerenden Unwettern heimgesucht wurde, mussten Gebäude saniert oder neu erstellt werden. Auch waren einige öffentliche Bauten wie das Kantonsspital oder die Mittelschule nicht mehr zeitgemäss. Es ist aber offensichtlich, dass den Bewohnern einiges an Prestige geboten wird. Ist dieser Mehraufwand der wohlhabenden Bevölkerung geschuldet?

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Wo die Steuern nach unten purzeln, tun dies die Immobilienpreise in die Gegenrichtung und die Spekulation hält Einzug. Die Villa Landenberg jedenfalls scheint verloren. Bereits vor 20 Jahren war der Renovationsbedarf beträchtlich. Seither zerfällt das Gebäude. Irgendwann bleibt nur noch der Abriss. Offenbar ist das Grundstück an bester Lage so wertvoll, dass die Besitzerin es Jahrzehnte lang unproduktiv lagern kann. Ein reines Spekulationsobjekt? Vielleicht. Die Immobilienpreise in Obwalden sind jedenfalls so hoch wie in Zürichs Agglomeration, Bauland ist mittlerweile äusserst rar.

„Es liegt offenbar ein Marktversagen vor, was das korrigierende Eingreifen des Gesetzgebers rechtfertigt,“ lässt der bürgerlich geprägte Kantonsrat von Nidwalden ausrichten. Es dürfe kein Monaco der Schweiz entstehen. In Obwalden drohten einst grosse Unternehmen mit dem Wegzug, falls der Kanton nicht attraktiver werde – damit meinten sie: tiefere Steuern. Im Nachbarkanton klagen Firmen nun, ihre Angestellten würden die aufgrund der Steuerreform gestiegenen Wohnungsmieten nicht mehr bezahlen können.

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Kein Wohlstand ohne Raubbau

Ist dieser Steuerwettbewerb tatsächlich eine Erfolgsgeschichte? Wenn wir nebst den finanziellen Aspekten auch die Konsequenzen für Infrastruktur und Landschaft  betrachten, so kippt die Bilanz ins Negative. Für Zersiedelung und Bausünden einzig die Zuzüger – am liebsten aus dem Ausland – verantwortlich zu machen, dünkt mich eindimensional. Die Bürgerinnen und Bürger einer Gemeinde oder eines Kantons haben es selber in der Hand, wie sie mit ihren Ressourcen haushalten. Auch mit der Landschaft. Wer Politiker wählt, die sich wenig um Regelungen und Gesetze scheren, korrumpiert seine Zukunft. Die viel gepriesene Souveränität wird weniger von äusseren Mächten zerrieben, als von den Entscheidungsträgern im Inneren. Da hilft auch nicht, wenn willfährige Journalisten wie Urs Paul Engeler nicht ohne sozialromantische Geschichtsklitterung die Situation verklären.

Die Obwaldner dürften einem Agglomerationsgeschädigten wie mir entgegen halten, er könne vom hohen Ross herabsteigen und auch ihnen, den Menschen in der Randregion, etwas Speckgürtel gönnen. Wer die Wahl hätte zwischen Abwanderung und Vergandung oder Prosperität und Profit würde sich doch nicht zweimal bitten lassen?

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Im Dorfladen kaufen wie uns Getränke und setzen uns auf die Bank vor dem kleinen Schaufenster. Ab und zu zweigt ein Bauer mit seinem mit Mist beladenen Fuhrwerk von der Dorftrasse ab und fährt ein Seitensträsschen hoch. Ein anderer kommt herunter, kreuzt, schwenkt ab in die Dorfstrasse. Von den schmutzigen Gefährten kullern Mistklumpen. Die rauen Männer hinterm Lenkrad grinsen, nicken freundlich. Immer wieder lenken elegante Frauen ihre schwarz glänzenden Geländewagen das Strässchen hoch. Der schwere Duft von Landwirtschaft – ein Mix aus Erde, Kot und Diesel –  liegt über dem See.

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EMPFEHLUNGEN

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Die Topographie einer Landschaft hängt vom Steuerertrag ab

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Immobilienmarkt 2013, Credit Suisse Golbal Research:

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