Ich bin nicht Gott. Ich bin nicht die Weltbank. Ich kenne weder die Dossiers der Christine Lagarde, noch jene des Wolfgang Schäuble oder José Manuel Barroso. Ich fahre viermal die Woche zur Arbeit. Die anderen drei Tage koche ich für die kleine Sippe, pflege Garten und Blog. Wenig weiss ich. Besser weiss ich schon gar nichts. Auch nicht, was die Welt ist. Aber ich sehe und erkenne, dass sich vieles um mich herum und weit draussen verändert. Manchmal verstehe ich diese Welt(en) und die in ihre Leben überhaupt nicht. Vielleicht sind deren Köpfe anders durchblutet, vielleicht weicht die Glucose-Versorgung oder Serotonin-Konzentration von der meinen ab. Fundamental. Ich bin anders sozialisiert als einer, der vielleicht in einer Fabrikantenfamilie aufgewachsen ist. So einer wie Daniel Model.

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Anarchc

„Produzenten gegen Parasiten“

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Der ist kürzlich „nach Liechtenstein ins Exil gezogen, um der Versklavung des Bürgers durch den Schweizer Staat zu entfliehen,“ (1) wie die Weltwoche berichtet. Der Mann hat sich zum Schutz vor der Enteignung durch die Schweizer Steuerbehörden im nahen Fürstentum Liechtenstein in Sicherheit gebracht. „Die Abstimmung mit den Füssen ist wirkungsvoller als diejenige mit dem Wahlzettel,“ meint er im Interview. Ich versuche zu verstehen.Der Staat ist der enteignende Eigentumsschützer, der mit den so eingenommen Mitteln verschwenderisch umgeht und so die Bürger demoralisiert.“ Herr Model und seine Gemahlin sparen nun eine Woche Zeit, die sie früher für das Ausfüllen der Steuererklärung verschleuderten. Ausserdem zahlt das Paar ein Drittel weniger Steuern. Das ist gut für die Moral.

So bleibt mehr Geld für die Firma und die über 3000 Angestellten. Vielleicht bleibt etwas mehr übrig, das Herr Model in seinen eigenen Staat investieren kann. Der bietet zwar kaum mehr als eine Akademie mit Vortragsreihen und Stammtisch im weidlich prunkvollen Regierungsgebäude. Ein repräsentatives, mehr oder weniger ungenutztes Gebäude ist wahrscheinlich das, was sich Daniel Model unter einem sparsamen Staat vorstellt. Den braucht es, „wenn überhaupt, dann im Rechtsbereich. Aus allen wirtschaftlichen Aktivitäten und auch aus dem Bildungswesen müsste er sich zurückziehen.“

Während der Fabrikant Daniel Model sich der Enteignung durch die Schweiz entzieht, verschieben andere Wohlhabende Wohnsitz oder Vermögen in die Schweiz, um der Enteignung in ihrem Herkunftsland zu entkommen. Das verstehe wer will. Ich weiss nur; diese Wirtschaftsflüchtlinge sind durch Kontingente nicht zu bremsen. Diejenigen sind umworben, die Kapital haben und verstecken. Die Arbeitsuchenden werden aber in die Schranken gewiesen. Freier Personenverkehr gilt nur für reiche Menschen. Reiche sind so frei, staatlichen Protektionismus einzufordern, so lange er die Lebensbemühungen anderer reguliert, den Freilauf der eigenen Interessen aber nicht einschränkt. Sonst sind Existenz- und Verfolgungsängste garantiert: „Eine wie auch immer zusammengeschusterte Mehrheit schickt der Minderheit den Zahlungsbefehl und übt damit die Gewaltherrschaft aus, welche die Freiheit des Einzelnen einschränkt“, ist Herr Model überzeugt.

Er ist sich auch sicher – ganz der unsichtbaren Hand des Marktes vertrauend – selbst wenn er das Böse wollte, stets nur Gutes zu schaffen. Ich weiss nicht, frage mich: „Zahlt es sich aus, gut zu sein, oder liegt das Gute ausserhalb von jedem ökonomischen Kalkül? Ist die Selbstsucht dem Menschen angeboren? Kann man sie rechtfertigen, wenn sie zu etwas führt, was gut für die Gesellschaft ist? Wenn die Ökonomie mehr als ein mechanisch-allokatives, ökonometrisches Modell ohne tiefere Bedeutung (oder Anwendung) sein soll, muss sie sich solche Fragen stellen.“ (2)

Die Akteure selbst stellen sich diese Fragen kaum. Alle sind sie Getriebene: Der Patron, der um das Einkommen seiner Angestellten fürchtet. Die Mutter, die ihre kleinen Kinder nicht ernähren kann. Der Präsident, der die verlorene Halbinsel wieder einverleibt. Der Drogenboss, dessen Versorgungsrouten bedroht sind und der Manager, dessen Spielsucht und Steueroptmierungen ihn fürchterlich blamieren. Sie alle haben die unterschiedlichsten Motive. Mir bleibt mehr oder weniger Anteilnahme.

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„Macht aus dem Staat Gurkensalat“

 

Weltbank und Wohlgroth

„Nur wenn die Klasse der Produzenten (…) sich endlich selbstbewusst aufs hohe moralische Ross setzt und sich die dummdreisten Belehrungen seitens der Politikerklasse als eine moralische und wirtschaftliche Unverschämtheit verbittet und sie offensiv als die Schmarotzerbande blossstellt und anklagt, die sie tatsächlich ist, kann es gelingen, das Parasitentum zurückzurollen und letztendlich zu beseitigen“, sagt Anarchokapitalist und Vortragsgast Hans-Hermann Hoppe in Daniel Models Akademie. Die Anarchisten des einst besetzten Geländes der Wohlgroth meinten: „Unsere Lebensweise stand aber in einem radikalen Widerspruch zu den Werten dieser Gesellschaft. Durch unsere andere Organisation des Alltags konnten wir auch aufzeigen, dass was Anderes möglich ist.“ Sowohl als auch möchten sie sich aus einengenden Gesellschaftsverträgen befreien. Beide Seiten könnten ausrufen:

„Macht aus dem Staat Gurkensalat“ oder „Produzenten gegen Parasiten…“ 

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Die Selbstoptimierer des Kapitals folgen den Lockvögeln der Steuerparadiese. Gesetzeslücken nutzen sie gewinnfördernd. Den Selbstoptimierern des Kulturkampfes dagegen droht über kurz oder lang Vertreibung und Totalverlust. Ungleiche Spiesse auch beim Blick hinaus in die globalisierte Wirtschafts-Welt. Der Kasino-Kapitalismus der Banken, instantanes Konsumglück auf Pump, Klientelismus, Schattenwirtschaft und Haushalts-Disziplinlosigkeit rissen angesichts legèrer Aufsicht und copainhaftem Ganoventum Milliardenlöcher in Privat-Guthaben und Staatsbudgets. Nun streiten sich die Fraktionen, ob der Schlamassel den zu dichten Regulierungen oder kollektivem Kontrollverlust in die Schuhe zu schieben ist.

Unterdessen versetzen Weltbank und Internationaler Währungsfonds mit ihrer Austeritätspolitik die hochverschuldeten Länder in tiefe wirtschaftliche Depression. Während die Bankkader bereits wieder zackig Boni einstreichen und Politik-Manager die Krise für beendet erklären, werden Unterschicht und Mittelstand, Kleinsparer und Rentnerinnen kalt enteignet. Iren, Italienerinnen, Griechen und Portugiesinnen verlassen – so sie überhaupt können – ihre Länder um in den vorzüglichsten Reichtumszentren an Einwanderungskontigenten abzuprallen.

Dabei geht es den Europäerinnen und Europäern vergleichsweise gut. Sie halten sich bis in den Mittelstand mit prekären Einkommensvereinbarungen recht ordentlich. Menschen in Schwellenländern kämpfen dagegen nach wie vor um das nackte Überleben. Der einstige Präsident der Weltbank – James Wolfensohn – stellt zwar fest, dass „in den vergangenen zwanzig Jahren die Zahl der Menschen, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben, um zweihundert Millionen gesunken ist, nachdem sie zweihundert Jahre lang stetig gewachsen ist.“ Wirklich überprüfen kann das kein Mensch. Wenn wir an die gigantischen Produktionsanlagen in Niedriglohn-Ländern wie China, Bangladesh oder Indien denken, dann ist die Summe der Menschen, die täglich über mehr als 1 Dollar verfügt – beispielsweise 2 Dollar – wahrscheinlich nicht zu hoch gegriffen. Ich bin mir aber nicht sicher.

Wolfensohns Aussage lässt sich besser einordnen, wenn wir den Human Development Report der UNO von 2001 konsultieren: „Das Durchschnittseinkommen in den zwanzig reichsten Ländern ist 37mal höher als in den zwanzig ärmsten, und dieser Abstand hat sich in den letzten vierzig Jahren verdoppelt.“ (3) Weltweit nimmt die Armut ab, die Ungleicheit jedoch wächst. Nicht nur zwischen Ländern, auch innerhalb der Länder. Und vor allem zwischen den Geschlechtern und ethnischen Gruppen innerhalb der Länder.

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Anarchb

„Wo jeder für sich sorgt, ist für alle gesorgt“

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Staatskarossen und Obdachlose

Es heisst, von der Globalisierung mit ihren weltweit verknüpften Märkten würden alle profitieren. Ein scheinbar unaufhaltbarer Prozess: Globalisierung ist nicht das logische und unvermeidliche Ergebnis von Marktkräften und technologischen Trends. Sie wurde durch die neuen internationalen Regeln und Regulierungsmechanismen institutionalisiert, die vom IWF, der Weltbank und jetzt auch von der WTO ausgearbeitet wurden. Die Dominanz des Globalisierungsdiskurses resulierte aus der Herausbildung eines neuen historischen Blocks (bestehend aus Managern, Bankern, Politikern und Technokraten). Seit den achtziger Jahren sind neoliberale Ökonomen und konservative politische Kräfte tonangebend. Sie haben dafür gesorgt, dass sich die nationalen Politiken der Liberalisierung und Umstrukturierung verschrieben haben, um den Erfordernissen der Globalisierung gerecht zu werden.“ (4) Nun gilt es nur noch, die Chancen zu nutzen. 

Was den Unternehmern nützt, kann den Arbeitnehmerinnen nicht schaden. Vom Konjunktiv zum Imperativ. „Eine der wichtigsten ideologischen Aufgaben des Grosskapitals besteht darin, die breite Bevölkerung davon zu überzeugen, dass das Anliegen der Wirtschaft das Anliegen der Gesellschaft ist. Dies geschieht dadurch, dass ein Meinungsklima geschaffen wird, in dem Gewerkschaften und radikale Propositonsbewegungen als Gruppierungen hingestellt werden, die Partikularinteressen verfolgen, während das für wirtschaftsnahe Gruppierungen angeblich nicht gilt. Diese Strategie hat grossen Anteil an der Schaffung und Aufrechterhaltung der Hegemonie des globalen kapitalistischen Systems (und der Konsumideologie).“ (5) Wir sind längst mit dem Pulsschlag der ökonomischen Märkte synchronisiert. Strategisch operierende Einzel- und Prosumersubjekte, die das Dauertraining vom ersten bis zum letzten Atemzug des Tages als Freiheit und Eigenverantwortung missverstehen.

Wo jeder für sich sorgt, ist für alle gesorgt.“ 

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Sich selbst überlassen ist jeder seines Glücks eigener Schmied. Gerecht ist das nicht: „Wenn eine Klasse der Gesellschaft, um leben zu können, gezwungen ist, ihre Dienste zu jedem Preis zu verkaufen, während die andere, dank ihrer sozialen Hilfsmittel, die nicht notwendigerweise auf irgendeiner sozialen Höherwertigkeit beruhen, dies nicht nötig hat, dann übt sie über die erste ungerechterweise Gewalt aus. Anders gesagt: Es darf nicht von Geburt an Arme oder Reiche geben, ohne dass es ungerechte Verträge gibt.“ (6) Diese ungerechten Verträge werden mehr statt weniger. So kreuzen in den Gewinnerzentren massenproduzierte Karossen zum Preis von Einfamilienhäusern, während immer noch 100 Millionen Globalisierungs-Verlierer obdachlos sind.

Wo alle Marktteilnehmer im Zwang zur Selbstvermarktung den eigenen Nutzen maximieren, erodieren normative Einverständnisse, Sinnvereinbarungen, Deutungsfreiheiten der ökonomischen Interessen. Wechselseitige Anerkennung ist auf kündbare, vertragliche Zusicherungen reduziert. DAS charakterisiert die demoralisierte Gesellschaft. Wo wir Rollenverpflichtungen den Normen der Märkte überlassen und uns nicht mehr an sozialethischen Übereinkünften orientieren, da dominiert über kurz oder lang das Faustrecht.

So wie die Herrschaftssysteme von (wirtschaftsliberal orientierten) Drogenkartellen kollabierende Staatsgebilde konkurrenzieren. So wie selbstgerechte Präsidenten über vergoldete Klobrillen pinkeln oder territoriale Hahnenkämpfe ausfechten, während im Hinterland tausende Arbeiter radioaktiv verstrahlte Kraftwerk-Ruinen in Schach halten. Andere bieten hundertausende Polizisten und Soldaten auf, um hermetisch gesicherte Fussball-Welstmeisterschafts-Turniere auszutragen, kümmern sich aus wahltaktischen Gründen aber nicht um die bedrohte Wasserversorgung von Millionen Menschen.

Der kanonische Loop Diesmal wird alles anders ist in Endlosschlaufen gefangen. Leute wie Daniel Model schmettern in der vordersten Reihe. Diesmal wird es wieder so ablaufen wie immer. Nur noch grösser, noch schmerzhafter, noch verheerender. Bis die Welt ganz kaputt ist – vermute ich. Aber ich weiss es nicht…

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(1) Interview mit Daniel Model in der Weltwoche Nummer 11 vom 13. März 2013

(2) „Die Ökonomie von Gut und Böse“, Tomas Sedlacek

(3) „Global Images“ in „Grosse Armut, grosser Reichtum“ (Herausgeber: Ulrich Beck, Angelika Poferl)

(4) „Globalisierung und Exklusion“ in „Grosse Armut, grosser Reichtum“ (Herausgeber: Ulrich Beck, Angelika Poferl)

(5) „Die transnationale Klasse des Kapitals“ in „Grosse Armut, grosser Reichtum“ (Herausgeber: Ulrich Beck, Angelika Poferl)

(6) „Über die Teilung der sozialen Arbeit“, Emile Durkheim

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EMPFEHLUNGEN

Mehr über Daniel Model im Artikel der Wochenzeitung: Dr. Model und die Nebel von Müllheim

„Eurokrise, Austeritätspolitik und das  Europäische Sozialmodell“

http://library.fes.de/pdf-files/id/ipa/09444.pdf

„Die Irrtümer des Hans-Hermann Hoppe“

http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=1361

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