Langsam wird es ernst. Benzin rinnt in die Flamme. Mit jeder Ausgabe mischt das Wochenmagazin Weltwoche die Netzgemeinde auf. Pro und Contra fetzen sich von Ausgabe zu Ausgabe. Das behagt der WeWo-Redaktion. Aufmerksamkeit muss her. Denn das Unternehmen nuckelt offensichtlich am Hungertuch. Trotz Schulterschluss mit politisch zugewandter, potenter Werbekundschaft wie der Emil Frey AG – Toyota, Jaguar, Range Rover – und Firmen aus Christoph Blochers Umfeld, formiert sich Roger Köppels Mannschaft wohl für jeden zahlenden Leser zur Welle. Für Leser wie mich. Tja, tatsächlich kaufe ich dieses Magazin nun schon zum dritten Mal in Folge. Ich will mich aus erster Hand informieren, worüber sich einige in die Haare kriegen. Sonst lese ich das Blatt nämlich nur im Flugzeug, wo es schweizerische Arilines stapelweise auflegen. Soll ja die Auflage beflügeln…

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AAnker

(Albert Ankers) MENSCHENBILD (der Weltwoche)

 

Nach der diskriminierenden und arg zugespitzten Roma Geschichte und dem zu Fall gebrachten Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank Philipp Hildebrand schiesst die Redaktion nun mit allerlei Atavismen gegen Errungenschaften der kultivierten Gesellschaft. Ein Redakteur nervt sich, weil sein Zug nach einem Personenunfall strandet. Er findet, sich vor den Zug zu werfen sei eine Sauerei. Selbstmörder sollten nicht so viel Schaden anrichten, wenn sie sich das Leben nehmen. Ein anderer platziert mit seinem Plädoyer für die Kunst des Ohrfeigens den Aufreger der Woche. Angesichts schwindsüchtiger Marktposition legt die Weltwoche einen Zacken zu; Institutionen zu attackieren genügt nicht mehr. Jetzt sind sozialethische Werte dran.

Da ich ein sehr emotionaler Mensch bin, raspeln Provokationen tief unter meiner Schädeldecke. Ich frage mich, ob die Weltwoche bei mir einfach auf allzu frei liegende Nerven drückt. Zugegeben, für meine Empfindsamkeit könnte das Blatt ja nichts. Mal sehen… Ich lege die Weltwoche in die eine Waagschale, in die andere kommt die antagonistische Wochenzeitung.

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Bürohaus gegen Autonomes Zentrum…

Weltwoche (WeWo) gegen Wochenzeitung (WoZ). Der Medienbeobachter Karl Lüönd glaubt, die WoZ könnte nach dem Weltwoche-Prinzip gerettet werden:„WoZ und Weltwoche haben seit Jahren das gleiche Problem. Eigentlich sind sie überflüssig.Die Weltwoche hält er für „eine Autorenzeitung mit überraschenden, quer zum Mainstream stehenden Positionen, auf die man immer wieder gespannt ist und ungern verzichtet.“ Chefredaktor und Verleger hätten sich gesagt: „Wir brauchen interessierte, nicht einverstandene Kunden – die Sorte Menschen eben, die offen und neugierig genug sind für Positionen, die sie vielleicht nicht teilen, die aber kennen zu lernen sich lohnt, weil sie intelligent argumentiert werden.“ Sein Tipp an die WoZ: „Ideologisch imprägnierte Besinnungsaufsätze (helfen) nicht weiter.“(1)

Achtung: Karl Lüönd dürfte dem rechtsbürgerlichen Magazin näher stehen als dem linken. Er wirkt seit Jahrzehnten publizistisch in Tito Tettamantis und Walter Freys Einflussbereich. Tettamanti und Frey bringen sich dezidiert gegen linken Journalismus in Stellung. Wenn sie in den Medienmarkt investieren, dann schöpfen beide aus reich gefüllten Schatullen. Financier Tettamanti verkaufte unter anderem die Weltwoche an Roger Köppel und er war in die Händel mit der Basler Zeitung involviert. Der grösste Autohändler der Schweiz, Werner Frey, ist Verwaltungsratspräsident der Lokalinfo AG und damit Gebieter über mehrere Gratisblätter im Grossraum Zürich. Und er ist Vizepräsident der Schweizerischen Volkspartei (SVP) sowie Verwaltungsratspräsident der Emil Frey AG. Wir erinnern uns: Autowerbung in der Weltwoche.

Item. Hausbesitzer interpretieren einen Text anders als Hausbesetzer. Die persönliche Disposition ist entscheidend dafür, ob jemand einen ideologisch imprägnierten Besinnungsaufsatz zu lesen meint, oder  aber von intelligent argumentierten Positionen überrascht ist. Möchte eine Zeitung nebst den Hausbesetzern auch noch die Mieterinnen für sich gewinnen, vielleicht sogar die Hausbesitzer – nicht nur jene, die geerbt haben – dann muss sie diese irgendwie berühren. Die WoZ schafft es nicht, über ihr Stammpublikum hinaus Leserinnen zu finden. An den hervorragenden Texten kann’s nicht liegen. Das Problem ist: sie will informieren. Das tun andere Medien aber schon. Und zwar täglich, aktueller und umfassender.

Die Weltwoche bedient ihre Leserschaft, indem sie die bunt ausgemalten, gemeinsamen Feindbilder immer wieder genüsslich ausleuchtet. Sie tut dies sprachlich süffisant, emotionalisierend und mit so viel Schlagseite wertend, dass sich das Boot längst im Kreis dreht. Ausserdem bricht die WeWo gnadenlos Tabus und führt ihre Zielobjekte auch schon mal rücksichtslos vor. Trotz häufig wechselnden Darstellerinnen, erzählt sie die immer selbe Geschichte von der Freiheit als oberstes Gut. Ich nenne das Journalistenporno.

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mcomensoli(Mario Comensolis) MENSCHENBILD (der Wochenzeitung)

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Die vorzüglichste Pflicht der WeWo ist es, Politikerinnen und Politikern ungebremst an den Karren zu fahren. Es setzt Kratzer ab, gerne auch Blechschäden und nicht selten die Schrottpresse. Das liest sich dann so: „Die SP-Nationalrätin lehnt die Volksinitiative für ein lebenslanges Berufsverbot für verurteilte Pädophile ab. Es brauche mehr Prävention diktierte sie dem Blick, damit Kinder lernten, nein zu sagen. Man muss sich angesichts dieser Ungeheuerlichkeit erst fassen. Unsere oberste Kinderschützerin verlangt von Säuglingen und Kleinstkindern, dass sie bei sexuellen Übergriffen nein sagen.“(2) In der WoZ lesen wir zur Pädophilie-Initiative: „Wer wie die SVP die Familie verherrlicht, will nicht sehen, dass sie objektiv der gefährlichste Ort für Kinder ist. In diesem Weltbild kann das Böse nur von aussen kommen, aus der Schule etwa: Sieben PolitikerInnen aus dem Komitee der Pädophilie-Initiative sitzen auch im Komitee der Initiative zum Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule, die Kinder von Sexualaufklärung schützen soll.“(3) Die Textpassagen scheinen mir symptomatisch für den Stil der beiden Publikationen.

Bettina Dyttrich zitiert in der WoZ schon nach vier Sätzen aus dem Initiativ-Text. Sie bleibt auch im weiteren Verlauf korrekt, legt sachlich Argumente aus und gestattet sich eine einzige anmassende Äusserung (siehe Zitat oben). Das war’s. Aha? So! Immerhin lese ich in der WoZ kurz und bündig ein paar Argumente, die gegen die Pädophilie-Initiative sprechen.

Dagegen teilt Kolumnist Christoph Mörgeli in der WeWo schmallippig seine Breitseiten aus. Er baut rund die Hälfte seines Textes aus Spekulation, Betroffenheitsrhetorik und Selbstvergewisserungskitsch. Für den Rest nutzt er (widerlegbare) Behauptungen und aus dem Zusammenhang gelöste Zitate. Das ist Pitbull-Semantik. Wir möchten uns die Schenkel klopfen oder ihm die Unverschämtheit mit einem kräftigen Tritt heimzahlen. So oder so; sein Text trifft.

Die Weltwoche evoziert mit Personalisierung und zahlreichen Reizwörtern eine Stimmung;  die Gegnerin der Initiative – die Präsidentin der Stiftung Kinderschutz – wird präsentiert als eine, die Kinder nicht versteht. Eine ihrer Äusserungen sei „ein Schlag ins Gesicht missbrauchter Kinder“. Dann platziert der Schreibende noch das Sozi-Klischee von der SP-Politikerin, die dafür (Menschenrechts-) Bürokratie und (Frauenhaus-) Funktionärinnen unterstützt.

Karl Lüönd beleuchtet den Hintergrund solcher Artikel: „Noch immer ist der Hauptgrund für Zuspitzungen und Dramatisierungen die fehlende Kompetenz, die Sachverhalte wirklich zu durchschauen und entsprechend unaufgeregt zu analysieren. Wo es an den Begriffen, den Massstäben und am Urteil fehlt, wächst auch der Hang zum hyperventilierenden Moralisieren. Das Ergebnis sind undifferenzierte Rundumschläge oder Killerbegriffe wie Rentenklau oder Pharmalobby“.(1) Seinen Worten folgend müsste Lüönd nun seine Urteil über die WeWo revidieren: Intelligent argumentieren? Nein. Aber hyperventilierendes Moralisieren. Klartext? Geschmackssache. Ganz bestimmt aber undifferenzierte Rundumschläge und Killerbegriffe. Die überraschende, quer zum Mainstream stehende Position ist in erster Linie kreischendes redaktionelles Marketing.

Alles halb schlimm? Muss ich ja nicht lesen, was mir in die Magengrube schlägt, oder…!? So harmlos ist das nicht! „Es ist gerade kennzeichnend für die Massenmedien, dass sie Bedürfnisse und Erfahrungen der Individuen aufnehmen und von daher freiwillig gesehen, gelesen und gehört werden. Doch dies ist kein harmloser Spiegelungsprozess: in den Produkten der Massenkultur spielt sich nun der Kampf zwischen den Zwängen des bestehenden Herrschaftssystems und den aufgenommenen, auf Emanzipation drängenden Wünschen ab, ein Kampf, in welchem die Wünsche (…) auf subtile Weise respektiert und zugleich unterdrückt werden.“ (4) Meinungsvielfalt in den Medien fördert nicht zwingend die Meinungsbildung der Lesenden. Im Gegenteil. Die Weltwoche beansprucht unter dem Deckmantel der Meinungsvielfalt viel mehr die Meinungshoheit. Ziel ist es nicht, den Leserinnen und Lesern wertfrei Informationen anzubieten, die ihnen helfen Stellung zu beziehen. Die WeWo bestätigt lediglich bereits vorhandene Haltungen.

Statt Horizonte zu eröffnen pflegt die Weltwoche den Tunnelblick. 

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Das ist Bevormundung und damit das Gegenteil von Freiheit. Wer die Freiheit für sich reklamiert, Andersdenkende aber immer wieder diffamiert, mag sich zwar für Meinungsvielfalt einsetzen. Das Publikum braucht aber nur beschränkt Meinungsvielfalt. Es braucht Informations- und Faktenvielfalt! Meinungen bilden sich die Leute selbst, wenn man sie lässt.

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Josef

 (cuirhommes) MENSCHENBILD (des cuirhomme)

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Ende der Denkfreiheit

Man lässt sie aber nicht, sondern befällt sie mit Skandal, Spektakel und Emotionalisierung. Im Wettbewerb um Aufmerksamkeit genügt es offensichtlich nicht mehr, mit Seriosität, Genauigkeit und begrifflicher Nüchternheit aufzuklären. Persönliche Färbung, Effekthascherei, der Automatismus von Emotionalisierung, Reizsteigerung und Zuspitzung untergraben die Glaubwürdigkeit der Medien. Kaum einer Berufsgruppe wird weniger vertraut als den Journalisten. Kein Wunder: mittlerweile behaupten sie selbst, jedes Interview sei frisiert (statt redigiert). Manipulation ist damit nicht mehr Gefahr, sondern Voraussetzung.

Zusammen mit den journalistischen Grundsätzen schmilzt das Vertrauen in die vierte Gewalt. Bis nur noch wohlig kommodes Desinteresse herrscht. So erodiert die Basis der Denkfreiheit. Genau jene, die immer behaupten, sie klopften den Mächtigen auf die Finger, korrumpieren die kritische Beobachtung. Wenn die vorschnelle Beurteilung dominiert, wenn zu– anstatt aufgedeckt wird, dann nähern wir uns dem Ende der kritischen Berichterstattung.

Selbstkritik könnte als vertrauensförderndes Gegenmittel wirken. Von Selbstkritik wollen jedoch die wenigsten Verleger-Manager etwas wissen. Allein die Reaktionen auf den jährlich erscheinenden Medienqualitäts-Bericht des fög erschüttert das Vertrauen in die Medien immer wieder neu. Dabei sind es weniger die Ergebnisse der Studie, die zweifeln lassen, als die Abwehrreflexe der Redaktionen und Verlage. Selbstkritik würde das eigene Geschäftsgebaren in Frage stellen. Gelegentlich sind Journalisten schlicht zu borniert, um selbstkritisch zu refektieren. Wer Kurt W. Zimmermanns Medien-Kolumne liest, ahnt wovon ich schreibe: „Darum müssen sich Journalisten gesellschaftlich aufwerten. Sie tun dies, indem sie sich als Garanten der Transparenz darstellen. Sie sagen nun, was jene nicht sagen, die etwas zu sagen haben. Indem sie sagen, was jene nicht sagen, die etwas zu sagen haben, haben sie selber etwas zu sagen.“(5) Gemeint sind natürlich nur die Journalisten, die nicht für die Weltwoche arbeiten. Kurt W. Zimmermann war einst Chefredakteur der Sonntags-Zeitung und sass in der Geschäftsleitung der Tamedia AG. Angesichts dessen kann man kann sich fragen; war früher wirklich alles besser? Oder gab es schon damals Verlage, in denen es ganz elend zu und her ging?

Auch spürbares Verantwortungsbewusstsein würde Vertrauen schaffen. Verantwortung aber, die sich an journalistischen Qualitätsvereinbarungen misst und nicht an politischen Modellen und Strategien. „Mit den Wörtern erzielen die Journalisten Effekte, und durch sie üben sie eine symbolische Gewalt aus. Um die Wirkung dieser symbolischen Gewalt, die sie nolens volens ausüben können, einzuschränken, müssen sie also ihren Umgang mit den Wörtern kontrollieren. Die symbolische Gewalt geschieht in und durch Unkenntnis und ist umso einfacher auszuüben, als derjenige, dem sie widerfährt, nicht weiss, dass sie ihm widerfährt. Die Journalisten wirken im Kreislauf dieser unbewussten Element mit, und darin liegt ihre Verantwortlichkeit.“(6)

Nachhilfestunden täten not. Doch da sitzt ein verhaltensauffälliger Junge namens Weltwoche in der hintersten Schulbank. Er lockt die Lehrerin ständig an den Rand des Nervenzusammenbruchs und hält alle auf Trab. Gerät auch die ganze Klasse durcheinander; egal. Dass sich alle ständig neu sammeln müssen, ist dem Bengel schnurz – zu sehr ist er mit sich selbst beschäftigt. Die Wochenzeitung dagegen ist die Angepasste in der zweiten Reihe. Mit dem biederen Haarschnitt und der Brille vom Discounter. Sie könnte mit sich selbst zufrieden sein und ihr Leben fristen. Unauffällig, verkannt, vergessen.

Die tolerante Gemeinschaft integriert den Störenfried. Schwierig wird es – nicht nur für die Klasse – wenn sich dieser als Musterknabe sieht. Des Bengels Laufbahn dürfte dann sehr konfliktreich verlaufen – und zahlreiche entnervte Passanten bleiben zurück im langsam sich senkenden Pistenstaub.

 

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(1) aus „Die Macht und die Ehrlichkeit“, Karl Lüönd

(2) „Jacquelines Nein-Sager-Babys“, Kolumne von Christoph Mörgeli in der  WeWo Nr. 13/2014

(3) „Kinder stärken geht anders“, Bettina Dyttrich in der WoZ Nr.13/2014

(4) aus „Massenkultur und Spontaneität“, Dieter Prokop

(5) „Ueli und Uli und das Ufo“, Kurt W. Zimmermann in der  WeWo Nr.13./2014

(6) „Question des mots“ Pierre Bourdieu, aus Die Kommunikationsfalle von Igancio Ramonet

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 EMPFEHLUNGEN

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„Demokratie ist in Gefahr durch Sprache des Geldes“: http://www.aargauerzeitung.ch/aargau/wyna-suhre/autor-klaus-merz-demokratie-ist-in-gefahr-durch-sprache-des-geldes-127695705

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Allegorie: Wir geben den Leuten, was sie wollen – zu unseren Konditionen freilich…

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