Im letzten Blogpost Lausebengel in Schreibstuben habe ich die linke Wochenzeitung mit der rechtsliberalen Weltwoche verglichen. Beide Blätter publizierten in ihrer letzen Ausgabe einen Beitrag zur Pädophilie-Initiative. Daraus zitierte ich. Beide Artikel schienen mir beispielhaft für die Semantik der Blätter. Da arslibertatis keinen nennenswerten Unterschied zwischen den Zitaten erkannte, möchte ich sie hier für eine vertiefte Textanalyse noch einmal ausbreiten. Ich finde, die Flughöhe der Texte sei problemlos zu identifizieren. Doch der Teufel steckt im Detail.

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Pae

 Kinder schützen – nicht nur am 18. Mai

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Schüssel- oder Reizwörter sind in der Folge kursiv/fett wiedergegeben.

Zur Wochenzeitung: “Wer wie die SVP die Familie verherrlicht, will nicht sehen, dass sie objektiv der gefährlichste Ort für Kinder ist. In diesem Weltbild kann das Böse nur von aussen kommen“,(1) ist da zu lesen. Dass die SVP die Familie verherrlicht, ist eine Projektion. Die Autorin war vermutlich zu dieser Formulierung verleitet, weil verschiedene Initiativen der SVP oder aus deren Umfeld ein traditionelles Familienmodell unterstützen sollten. Dazu gehören die kürzlich verworfene Familieninitiative oder die Abtreibungsinitiative. Die Partei ist gegen Staatskinder und für die intakte Familie. SVP-Politikerinnen geben ihre Karriere auf, um das eigene Kind zu betreuen. Verherrlicht die SVP deswegen die Familie? Vielleicht könnten wir von Idealisierung sprechen oder von Bevorzugung. Bettina Dyttrich leitet daraus einen interessanten Gedanken ab: das Böse kommt von aussen. Ob nun verherrlicht oder idealisiert, die Familie ist gut. Über das Ungeheuerliche, das genau im Familienkreis geschieht – dem gefährlichsten Ort für Kinder –  sähen Vertreter der SVP hinweg oder verharmlosen es. Zum Beispiel auch häusliche Gewalt (SVP gegen Gewaltschutzgesetz). Oder eben den Kindsmissbrauch in Familien oder deren Umfeld. Da ist er offenbar am häufigsten. Und unter Jugendlichen. Allerdings ist eine Zunahme auch in Betreuungs-verhältnissen festzustellen.

„…kann das Böse nur von aussen kommen, aus der Schule etwa: Sieben PolitikerInnen aus dem Komitee der Pädophilie-Initiative sitzen auch im Komitee der Initiative zum Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule, die Kinder vor Sexualaufklärung schützen soll.(1) Das Böse kommt von ausserhalb der Familie, aus der Schule. Das Böse ist ein Reizwort, das in diesem Zusammenhang plakativ aber korrekt gesetzt ist. Die Autorin stellt fest, dass jene, die Kinder vor pädophilen Betreuern schützen wollen, auch mit politischen Mitteln die Sexualaufklärung in der Schule einschränken möchten. Doch „gerade Aufklärung braucht es, um Kinder zu stärken und vor Übergriffen zu schützen“, heisst es im weiteren Verlauf des Artikels. Hier stellt Dyttrich einen mir bislang unbekannten Zusammenhang her, der mir zu denken gibt: Warum wollen Politikerinnen und Politiker Kinder vor Pädophilen schützen, verhindern bei anderer Gelegenheit aber einen möglicherweise viel wirksameren Schutz der Kinder – nicht nur vor Pädophilen?

Zur Weltwoche: “Die SP-Nationalrätin lehnt die Volksinitiative für ein lebenslanges Berufsverbot für verurteilte Pädophile ab. Es brauche mehr Prävention diktierte sie dem Blick, damit Kinder lernten, nein zu sagen.“(2) Die SP-Nationalrätin wurde vom Blick nicht interviewt, sie diktierte dem Boulevard-Blatt… Das kann heissen, die Journis hätten einfach Wort für Wort aufgeschrieben.  Das würde ein schiefes Bild auf die Mainstream-Medien werfen. Hier aber suggeriert es, Fehr hätte ihre Aussage den Journis aufgezwungen. Allein dieses wohl überlegte „diktierte“ löst einen Reigen von Vorstellungen aus: die Machtpolitikerin, die vorschreibt, die keinen Widerspruch duldet, servile Redakteure schreiben anstandslos auf, was ihnen aufgetragen wird. Notabene kann ich die Aussagen von Jacqueline Fehr im Blick – zumindest online – nicht finden.

„Man muss sich angesichts dieser Ungeheuerlichkeit erst fassen“.(2) Worin genau liegt die Ungeheuerlichkeit? Ist Prävention eine Ungeheuerlichkeit? Dass Kinder nein sagen können? Jedenfalls ist da irgendwas so ungeheuerlich, dass der Autor sich zuerst fassen muss. Warum verliert er die Fassung? Kolumnist Christoph Mörgeli schlägt zuerst einen Pflock ein – etwas ganz Schlimmes ist passiert – erst dann bringt er die Auflösung: Unsere oberste Kinderschützerin verlangt von Säuglingen und Kleinstkindern, dass sie bei sexuellen Übergriffen nein sagen.”(2)  Das tut Jacqueline Fehr aber gar nicht. Sie ist, wie wir soeben gelesen haben, gegen die Pädophilie-Initiative. Die Weltwoche impliziert in einer genialischen rhetorischen Wendung, dass Jacqueline Fehr verlangt, Säuglinge und Kleinstkinder müssten sich gegenüber einem Pädophilen abgrenzen und nein sagen. Natürlich können Kinder, die noch nicht einmal sprechen können, nicht nein sagen. Würde die Pädophilen-Initiative angenommen, könnten Säuglinge deswegen aber immer noch nicht sprechen. Auch nicht nein sagen. Sie könnten auch nicht strampelnd oder gestikulierend einen Übergriff zur Anklage bringen. Und wenn Jacqueline Fehr mehr Prävention einfordert, anstatt für die Initiative zu stimmen, bedeutet das nicht, dass sie von Kleinstkindern etwas verlangt. 

Mörgeli meint, diese kleinen Kinder würden durch die Initiative geschützt, weil Menschen mit pädophilen Neigungen gar nicht mehr mit ihnen arbeiteten. Übergriffe auf ganz kleine Kinder durch ausserfamiliäre Erzieher oder Betreuer sind aber sehr selten. Ob sie durch die Initiative verhindert würden und in welchem Ausmass, darüber wird debattiert. Diese Auseinandersetzung findet in der Weltwoche leider nicht statt. 

Christoph Mörgeli – ganz Politiker, der für sein Publikum die Bühne bespielt – verdichtet in seinem Beitrag die Realtität zu Pointen. Gegen alles Bedenken. So ist diese Kolumne eigentlich ein Witz und ich erlaube mir deshalb, an Sigmund Freud zu erinnern: „Indem wir den Feind klein, niedrig, verächtlich, komisch machen, schaffen wir uns auf einem Umweg den Genuss seiner Überwindung…“(3)

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Pitbull und Hofhund

Christoph Mörgeli ist nicht nur als Kolumnist scharfzüngig, er teilt generell gern aus und muss auch viel einstecken. Dass ich genau ihn als Weltwoche Autor ausgesucht habe, mag tendenziös scheinen. Ich finde jedoch, andere WeWo-Journalisten pflegen einen identischen Stil. Die Texte von Philipp Gut, Roger Köppel, Alex Baur, Markus Schär oder Urs Paul Engeler sind nicht weniger angriffig und mit Reizwörtern ausgestaltet, z.B. Naivlinge, abgekartetes Spiel , Zwangsabgaben, politisches Erdbeben, Schmollwinkel, malizös folgern, katastrophal um nur einige aufzuzählen, die ich nach oberflächlichem Durchblättern einer Ausgabe heraus picke.

Wenn wir uns Journalisten als Wachhunde vorstellen, dann entspräche die WoZ dem Hofhund, der laut bellt, sobald wir auf den Vorplatz fahren. Nach kurzem Beschnuppern legt er sich aber vor uns auf den Boden und lässt sich flattieren. Die Weltwoche dagegen ist der unberechenbare Kampfhund, der einem jeden Moment anfallen kann. Er beisst sich fest, bis das Opfer sich nicht mehr regt. Kein Wunder gibt es für diese Gattung die Maulkorb-Tragepflicht.

Die gilt zum Glück nicht für den Journalismus. Vielleicht müssen wir aber journalistische Arbeit vermehrt auch unter folgendem Aspekt goutieren: „Das Vorhandensein zahlreicher gehemmter Triebe, deren Unterdrückung einen gewissen Grad von Labilität bewahrt hat, wird für die Produktion des tendenziösen Witzes günstigste Disposition ergeben.“(3)

So, und nun könnt Ihr mich auch zu Freuds Fall-Clique schlagen…

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(1) „Jacquelines Nein-Sager-Babys“, Kolumne von Christoph Mörgeli in der  WeWo Nr. 13/2014

(2) „Kinder stärken geht anders“, Bettina Dyttrich in der WoZ Nr.13/2014

(3) aus „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“, Sigmund Freud

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EMPFEHLUNGEN

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„Presse, Demokratie und Meinung“ von Constantin Seibt:

http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/1769/presse-demokratie-und-meinung-eine-rede-vor-den-aktionaren-und-freunden-der-basler-zeitung/

„Vergesst Stilnoten, Trefferpunkte zählen!“ von Markus Schär

http://medienwoche.ch/2012/11/16/vergesst-stilnoten-trefferpunkte-zaehlen/

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