Der Himmel im Süden war blau. Vor 40 Jahren. Um zwei Uhr nachts fahren wir los. Vater, Mutter, wir Kinder sitzen hinten im Wagen. Die Füsse auf dem zusammen gefalteten Zelt. Ferien am Meer. Über den Alpenpass, im Morgengrauen hinab durch die steinige, düstere Leventina. Stopp im kilometerlangen Stau in Chiasso. Dann überqueren wir die Grenze. Die Finger klebrig von verschütteter Limonade. Am Vormittag ist es schon warm. Wir steuern der Po-Ebene zu. Immer wärmer. In ein paar Stunden würden wir das Meer sehen. Zum ersten Mal erahne ich die Weite der Welt in diesem gigantischen Blau.

Ins Herz der Dinge 2*

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Im Oktober 2013 ist das Meer grau. Es ist kühl, regnet in Strömen. Trüb verschleiert die Po-Ebene. Die Städte still, im Zentrum abends dunkel. Die Strände leer. Still gelegte, allein gelassene Landschaft. Selbst der Wasserfall hat zu.  Modena. Vasto. Ischitella. Santo Stefano di Sessania. Montefiascone. Alberese. Wohlklang. 40 Jahren nach meiner ersten Reise ans Meer.

„die wohnung hier wird in einem monat schön sein, wenn das wetter (das wieder strahlend und klar geworden ist) wieder schlecht ist. maurer und maler sind da, und ich hause kläglich, gequetscht in einen winkel. cashmere-pullover habe ich noch keinen gefunden. mein fehler, von den mitmenschen alles und uneingeschränkt zu konsumieren, erklärt sich vielleicht aus meiner angst vor der einsamkeit. gestern abend brachte mich Francesco nach hause, und dann hatte ich angst, allein hinaufzugehen, so dass wir noch einmal fortgegangen sind, und erst nach 6 wodka konnte ich hinaufgehen, dann habe ich geschrien, geheult, geflucht in dieser schwierigen leere um mich herum. ich arbeite nichts.“(1)

Die Orte am Meer – Kulissenparks für Sommergäste. Jetzt sind alle bunten Schirme, die Werbeschilder und Liegestühle eingekellert. Da und dort eine kleine Baustelle. Wohntürme mit leeren Balkons, dunkle Höhlen, die Wäscheleinen knorrig und zitternd. Kein farbiges Badetuch. Geschlossene Fensterläden. Als stünde ich inmitten einer verlassenen Industriebrache. Zerkratzte Erinnerungen. banca rotta.

Am Rande der Ausstellplätze einer Überlandstrasse sitzen Frauen. Jede für sich auf einem weissen Plastikstuhl. Warten im Wind auf Kundschaft. Die Frauen bieten keine Pfirsiche, weder Bohnen, noch Salat oder Tomaten, so wie an den Ständen damals, die ich sah, als wir mit den Eltern dem Meer entlang fuhren. Hier, heute, tauschen diese Frauen ihren Körper gegen ein paar Euro. Sie sitzen in der Mittagssonne, neben den überall herum liegenden, zerrissenen Müllsäcken.

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Italia1

Camping mit cuirhomme – barfuss über Piniennadeln im Sommer 1970

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In den vergangenen 5 Jahren sei Italiens Industrieproduktion eingebrochen. Die Arbeiter der Fabricca Italiana (Automobili Torino) sind teurer als jene in Rumänien oder China. 40 Prozent weniger Autos hat die Industrie, einst der Stolz der Nation, in den letzten Jahren gebaut. Fast jeder zweite Jugendliche ist arbeitslos, was boomt ist die Schattenwirtschaft. Nach wie vor. Schattenwirtschaft als auch Korruption und Steuerbetrug sind selbst für Italiens Ministerpräsidenten Delikte, die einem Cavaliere gut anstehen. Alltagsgeschäft. Und ein Viertel der Bevölkerung tut es ihm gleich.

Wir übernachten im Haus von Chiara und Giacomo. Giacomos Vater arbeitet ihm Garten. Er baut ein Mäuerchen und klagt. Seine Rente genüge nicht zum Leben. Kurz vor seiner Pensionierung sei der einst erwartete Betrag halbiert worden. Auch Giacomo ist aufgebracht. In den Nachrichten hört er, dass Regierungsbeamte bis 3000 Euro Telefonentschädigung pro Jahr erhalten. Ein Monatsabo für’s Handy, alles inklusive, ist in Italien schon für 15 Euro zu kriegen.

„wie in jedem Mensch ist immer moeglich particolari proprietà zu erkennen, im Grund jede von diesen Eigenschaften bringen zum Ganze: in reciproziteat. jedes Eigenschaft steht zum Ganze, wie das Ganze steht zum jedes, und ist immer moeglich als Analisis, das Ganze / und jedes getrennt – in sich selbst – zu haben.“(2) Ein Land ist aus dem Gleichgewicht. Dessen Gehirn, der Staat, ist verkommen. Das Herz, die Menschen im Land, könnte kollabieren. Zumindest ist mir so, dem Reisenden aus der  Schweiz, der meint, alles müsse so sein, wie daheim… Die Sonne scheint. Sie wärmt. Wir baden im Meer.

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* Stimme: Jacqueline Roth. Bild und Ton: cuirhomme, Final Cut, Native Instruments, Panasonic, youtube

(1) Hans Werner Henze am 5.11.1956 in einem Brief an Ingeborg Bachmann („Briefe einer Freundschaft“, Ingeborg Bachmann, Hans Werner Henze)

(2) Luigi Nono (wahrscheinlich Juli 1958) in einem Brief an Helmut Lachenmann („Der Gang durch die Klippen“, Rainer Nonnenmann)

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EMPFEHLUNGEN

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Reisebericht vom Oktober 2013

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Ins Herz der  Dinge 1

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