Ein Mann hat Probleme bei der Arbeit. Schliesslich wird er entlassen. Seine Bekannten und Freunde stehen im bei. Sie begleiten und unterstützen ihn. Klar, Freunde tun das. Vielleicht machen sie ihm Mut, trösten ihn. Vielleicht versuchen sie sogar, beim Arbeitgeber ein gutes Wort für ihn einzulegen. Wir alle kennen solche Situationen. Das passiert jeden Tag. Überall. Ist die Entlassung erst ausgesprochen, ist es aber meist zu spät, um sich zu wehren. Sogar dann, wenn jemand ungerechtfertigt die Stelle verliert. Doch es gibt mutige, widerspenstige, unverschämte Menschen, die einen Stellenverlust so oder so nicht einfach hinnehmen.

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So einer ist Christoph Mörgeli. Er, seine Bekannten und Freunde wehren sich mit allen Mitteln. Sie halten damit die Universität Zürich, den Regierungsrat und die Öffentlichkeit auf Trab. „Der Mann hat Eier“, findet da ein Kommentarschreiber, ein anderer meint, Mörgeli gehöre zu den Beamten, „welche sowieso nichts bringen (was in seinem Fall sogar erwiesen ist)“.

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Ein ungeklärter Fall

Der Fall Mörgeli in Kürze: der allseits bekannte Politiker wird nach annähernd 30-jährigem Anstellungsverhältnis von der Universität Zürich von seiner Funktion als Konservator des Medizinhistorischen Museums frei gestellt. Prof. Mörgeli hat durch seine Äusserungen in diversen Medien im Zeitraum vom 11. bis 20. September 2012 schwere Loyalitätspflichtsverletzungen gegenüber der Universität Zürich begangen,“ heisst es in der Medienmitteilung der Uni Zürich. Vorausgegangen war ein Artikel im Tages-Anzeiger, in dem Iwan Städler die institutsinterne Kritik am Medizinhistoriker und Titularprofessor Christoph Mörgeli publik machte. Dazu hatte er sich einen internen Bericht beschafft, der von Mörgelis neuem Chef Flurin Condrau verfasst wurde. Fortan war für Mörgeli und seine Parteikollegen klar, dass es sich bei der ganzen Affäre um eine „wohl orchestrierte Attacke“ und Mobbing handle. Die Unis seien links unterwandert, Alt-68er hätten sich breit gemacht und würden die Universitäten von den letzten SVP-Exponenten säubern wollen. So wurde der individuelle Fall des Professor Mörgeli zu einer faustdicken Affäre.

Politische Akzente hat die Causa Mörgeli durchaus. Flurin Condrau schreibt im inzwischen veröffentlichten akademischen Bericht 2011: „Ein weiteres Problem besteht in der Isolation von Institut und Museum. Die Zusammenarbeit wird uns von Kollegen vermutlich aus politischen Gründen verweigert und die Reichweite unserer Veranstaltungen ist leider auch immer noch beschränkt. Für unser kleines Fach ist das besonders schädlich und im Alltag für die Mitarbeiter eine Belastung.“(1)

Diese Formulierung erhält angesichts der eskalierten Situation eine ominöse Bedeutung. Wird da ein Institut geschnitten, weil eine für sie tätige Persönlichkeit politisch nicht konform, nicht genehm ist? Oder weil die Zusammenarbeit mit einem immer wieder provokativ, verletzend und unnachgiebig auftretenden Verantwortlichen schwierig ist? Boykottieren Fachleute die Zusammenarbeit mit dem Institut, weil politische Gesinnung nicht geteilt wird, oder weil die Gesinnung eines Wissenschafters und deren aktive Verkörperung die Koorperation unfruchtbar oder gar unmöglich macht? Der akademische Bericht enthält einige deutungsoffene Sätze.

Offenbar sind das Medizinhistorische Institut und das dazu gehörige Museum von der Fachwelt isoliert. Für einen gedeihlichen Wissenschaftsbetrieb ist das fatal, gerade auch für ein kleines Fach… Deshalb und aus anderen Gründen wurde Christoph Mörgeli intern kritisiert. Und zwar schon länger. Unter Condraus Vorgänger Beat Rüttimann erhielt Mörgeli zwar immer gute Qualifikationen – vielleicht aber weniger wegen guter Leistungen, sondern aus politischen Gründen. Möglicherweise hat Mörgeli seinen Job nicht verloren, weil er eine andere politische Meinung vertritt als sein neuer Chef. Das Gegenteil ist eben so möglich. Mörgeli hat sich nur deshalb so lange halten können, weil sein alter Chef politisch gleich gesinnt war.

Die Spatzen pfiffen es jedenfalls schon lang von den Dächern der Uni: Oberassistent Mörgeli missbrauche sein Büro im Medizinhistorischen Institut als Denkstube der SVP und Parteizentrale. Doch Gerüchte sind ebenso wenig aufschlussreich wie Falschmeldungen und Verleumdungen. Immerhin wird in einer Leistungsbeurteilung festgehalten, Christoph Mörgeli hätte seit Jahren seine Aufgaben als Professor und Museumsleiter systematisch vernachlässigt. Ihm wird unter anderem mangelnde Arbeitsleistung vorgeworfen. Dieser Eindruck verstärkt sich für den aussenstehenden Zuschauer nach einem Bericht des Schweizer Fernsehens. Die Rundschau wirft Mörgeli vor, Dissertationen unsorgfältig betreut zu haben.

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Anerkennungskrieg

Gegen die im Beitrag formulierten Vorwürfe könnte sich Christoph Mörgeli in einem Gespräch während der Sendung wehren. Er tut dies nicht, sondern reagiert genau so wie nach seinem Stellenverlust. Anstatt die gegen ihn vorgebrachten Einwände sachlich zu diskutieren, dreht er einfach den Spiess um. Seinen Kritikern wirft er vor, sich einem politisch motiviertem Komplott gegen ihn anzuschliessen. Seine Gegenangriffe zieht er schliesslich auch in diesem Fall weiter von Instanz zu Instanz.

Christoph Mörgeli ist ein unbequemer Mitarbeiter. Einer, der sich von seiner Meinung nicht abbringen lässt, stoisch seine Ziele verfolgt und – so scheint es – jene, die ihm den Weg versperren unzimperlich anrempelt. Für einen Parteistrategen mögen dies durchaus willkommene Attribute sein. Für einen Vorgesetzten, der mit seinem Team etwas erreichen will, ist so ein Mitarbeiter aber der blanke Erfolgskiller. Wer Kritik ignoriert oder – schlimmer noch – umdeutet und in Gegenangriffen auflaufen lässt, ist eine grosse Belastung für jedes Team oder Projekt. Es sei denn, der Mitarbeiter hat sämtliche Freiheiten. Dann ist oft mit Stagnation zu rechnen. Wie im Medizinhistorischen Museum. Christoph Mörgeli hatte unter seinem vorherigen Vorgesetzten Beat Rüttimann offensichtlich sehr viel Freiheit. Und wie wir den Berichten entnehmen, wurde die Dauerausstellung des Museums während 20 Jahren kaum aktualisiert, geschweige denn neu inszeniert. Wer sich in Christoph Mörgelis Museum über AIDS informierte, erfuhr selbst im Jahr 2012 noch: „Eine wirksame Therapie gibt es bisher noch nicht.“

Solche Feststellungen ignorieren Mörgelis Mitstreiter. Sie machen Stimmung. Und da diese Mitstreiter nicht ein paar Vereinskollegen oder alte Arbeitskumpels sind, sondern die grösste politische Kraft im Land mit all ihren Exponenten inklusive zugewandter Medien, ist das doch bedeutend. Welches Ausmass die Komplizenschaft annimmt, zeigt die Artikelserie der Weltwoche. Das Blatt rekapituliert den Fall Mörgeli von „Condrau wetzt die Messer“ bis zur „Entlassung ohne Grundlage“. Damit beweist die Weltwoche einmal mehr, wozu sie unter dem Deckmantel des Journalismus fähig ist: Meinungsmache und Deutungshoheit – gehauen oder gestochen – Morgenstern-Propaganda, die selbst Betonköpfe durchschlägt.

Und das SVP-Establishment zieht weltwochegeboostet und scheuklappen-gedämpft mit, bis die Roten Socken von der Universität verduften. Das insinuierte Mobbing legitimiert den Mob. Das unterstellte politische Motiv, das zur Entlassung geführt haben soll, wird zur Rechtfertigung des Kampfes gegen die Institution. Was einem nicht passt, wird auf politische Beweggründe hin zurecht gedeutet. Danach ist der politische Gegner frei zum Abschuss. Die Kampftruppen folgen anstandslos. Das ist Berlusconismus. Ein Kantonsrat der SVP, Claudio Schmid, gesteht hemmungslos, dass es sich hier um eine Säuberungsaktion handelt. Der Anerkennungsschwund eines einzelnen wird überführt in einen Anerkennungskrieg der ganzen Gruppe, auch wenn das Institutionen erschüttert. Das ist der wahre Skandal im Fall Mörgeli. Und niemand regt sich darüber auf. So weit ist es also schon. Und wer ist das nächste Opfer dieser Bewegung?  Alle könnten es sein. Alle, die nicht so denken wie sie.

Ich werde meine alten, roten Socken stopfen. Brauche sie noch…

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Nachtrag vom 14. April 2014

Auch die neuesten Enthüllungen ändern nichts an der Tatsache: Der Fall ist nach wie vor ungeklärt. Einseitige Positionsnahme ist wohl erlaubt. Nicht aber Vorverurteilungen aufgrund wilder Spekulationen. Ein aktueller Bericht in der NZZ am Sonntag ist voller Mutmassungen und inkohärenter Folgerungen. Das hindert Mörgelis Fangemeinde nicht daran, sogleich die Stimmung in den sozialen Medien wieder aufzukochen. Die Weltwoche hat schon in der Woche davor wieder das Verfahren nach Kräften mit Indiskretionen torpediert. Hier wie da sind zwar keine wirklich erhellenden Neuigkeiten aufgetaucht. Das spielt aber keine Rolle. So lange die Überschrift stimmt: „Indiskreter Chef“ oder „Kriminalfall Mörgeli“. Auch gut: „Institutschef, der illegale Mobbingmethoden unterstützt.“

Angesichts der beispiel- und atemlosen Kampagne, die seit Beginn des Vofalls gegen die Verantwortlichen und die Uni betrieben wird, ist es nicht erstaunlich, dass Flurin Condrau sich verschiedentlich beraten hat. Denn die heftige Reaktion war absehbar. Bloss; was wer wann wem gesagt hat, ist nirgends sauber belegt oder dokumentiert. Aus dem bisher Bekannten lässt sich einzig schliessen, dass Condrau sich umfassend orientiert und vorbereitet hat, um auf die Probleme mit seinem Mitarbeiter Christoph Mörgeli adäquat zu reagieren. Dass er nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollte, war klar und offenbar auch Mörgeli gegenüber schon längst kommuniziert. Dass Arbeitsverhältnisse wegen Unstimmigkeiten aufgelöst werden, ist weder ungewöhnlich noch illegal. Aber es braucht eine faire und seriöse Behandlung des Mitarbeiters. Wer die bekannten Informationen unvereingenommen und genau liest, kann nicht behaupten, dass dies hier nicht zutrifft.

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(1) Medizinhistorisches Institut und Museum, „Akademischer Bericht 2011“:

http://www.mhiz.uzh.ch/ueber/jahresbericht.pdf

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