Haben John Lennon und Jimi Hendrix Kreuzworträtsel gelöst? Vertrieben sich Tim Buckley oder Aretha Franklin ihre Zeit, in dem sie Quiz-Shows guckten und miträtselten? Knobeln Brian Wilson oder Joni Mitchell über Sudokus? Vermutlich. Nein. Keine Ahnung. Die offenen Fragen geben dem gespeicherten Wissen eine Bedeutung. Jede Antwort ist abgeworfener Ballast, Labsal für das Gehirn. So oder so ähnlich wie andere Menschen Kreuzworträtsel lösen oder während Ratespielen am Fernsehen mitstudieren, so füge ich Musik zusammen. Die leeren Felder sind die Tonspuren, waagrecht und senkrecht. Unzählige registrierte Audiofragmente sättigen meine Klanggebilde. Jedes getrimmte Sample entfaltet ein vertieftes Hörerlebnis.

 .

Garage

Kreuzsoundrätsel – senkrecht/waagrecht

.

1000 Plateaus

Als Kind montierte ich vor dem Einschlafen Musik. Im Kopf. Scharfe Gitarren-Akkorde, hoppelndes Schlagzeug dazu, das Keyboard setzt ein. Die Phantasie begrenzte die Anzahl Tonspuren. Dann schlief ich ein. Ich träumte davon, Musik montieren zu können. Ich spielte kein Instrument. Na ja, höchst halbbatzig. Und Noten lesen oder gar aufschreiben konnte ich auch nicht.

40 Jahre später ist das kein Problem mehr. Einzelne Töne, Klänge, kleine Sequenzen setze ich zusammen, so wie ich früher Teile aus Bildern ausschnitt und neu collagierte. Hunderttausend Schnitte. Bruch-Stücke. Frame by frame. Wie im Film, wo wir aus vielen Stunden Rohmaterial eine Geschichte herauslösen, erzählend ein visuelles Erlebnis provozieren. Mosaikbauer. Ein Meer von Farben aus roten, grünen, blauen und gelben Steinen. In Gebäuden, die sich zu Ensembles zusammenfügen – zu Dörfern und Städten. Ein Musikstück ist ein Dorf, oder eine Stadt, ja, eine bewohnte Region.

Zum Beispiel Berlin. So wie es György Ligeti sieht: „Ich hätte die Friedrichstrasse wuchern lassen. Die alte Friedrichstrasse – ich kenne sie von Fotos – wucherte. Sie war total ungeordnet. Aber lassen wir das. Aber lassen wir das nicht! Denn Architektur und Musik liegen für mich sehr nah beieinander. Näher als die Malerei und Schriftstellerei. Wegen der Formen und Proportionen? Und wegen der Volumina. Schwere und Leichtigkeit. Am meisten stört mich in Midtown New York das AT&T Building von Philip Johnson mit diesem Halbloch.“(1)

Faszinierende Architektur der Musik. Tongebilde. Klanggebäude. Gebäudevolumen finde ich in Drumpattern, in Bässen, so fett wie Wohnblocks, in Tonfolgen, auf- und absteigend wie Betonsäulen. Radioprogramme strömen aus wie Siedlungsbrei entlang der Pendlerrouten. In den Randzonen verhallen die Schlaufen der Nachtprogramme. An der gebauten, der verstellten Welt wird sichtbar: wir planen, wir kreieren, wir archivieren Serien am Computer. Das Serielle überzieht die Landschaft, so wie es in unsere Ohren dringt.

.

wohnrock

Perfekter Sound – WOHNZONENPOP

.

Musik ist immer schon da, fängt nicht an, endet nicht. Ein Stück fügt sich zum anderen, unterbrochen von Jingles, Station-ID, Stimmengewirr, umgeben von Alltagsgeräuschen. Musique concrete. Im Sendersuchlauf von einem Track zum nächsten. Wir tragen die Musik auf uns, eingeschrieben in Zahlenfolgen, gehortet in den Datenpäckchen. Digital-/Analogwandler übersetzen die Codes in Klang, der von aussen in uns dringt. Durch Kopfhörer und Lautsprecher ausgesetzte Viren in Warenhäusern, Toilettenanlagen, Luftseilbahnen, Büros, Restaurants. Arbeiten, einkaufen, ausfliegen, sonnenbaden, brünzeln, essen mit Musik.

Musik ist allgegenwärtige Ware wie ein Stück Seife, wie Busse oder Jeans. Die Waren nehmen uns in Besitz; als Identitätsfaktor, Stimmungswandler, Stimulanz, assimilatorisch als Takt- und Strukturgeber. Die Musik benutzt uns. Für mich gilt, davon will ich mich befreien. „Das Kunstwerk muss die Sekunden, die Zehntelsekunden und die Hundertstelsekunden markieren. Oder es geht vielmehr um eine Befreiung der Zeit, des Äon, des nicht pulsierenden Tempos in einer schwimmenden Musik, wo die Formen durch reine Geschwindigkeitsmodifikationen ersetzt werden (…) die einen Prozess gegenüber jeder Struktur und Genese hervorhebt, eine schwimmende, fliessende Zeit gegenüber der pulsierenden Zeit oder dem Tempo, das Experimentieren gegenüber jedem Interpretieren, und bei der die Stille als Klangpause auch den absoluten Bewegungszustand kennzeichnet.“(2Stille.

Stillstand. Deshalb ziehe ich die eingepflanzten und in Speicher eingeschriebenen Soundpartikel zusammen und organisiere sie nach meinem Gutdünken. „Wenn Musik nicht ist, sondern aus einem allgegenwärtigen Gesamtrauschen selegiert wird, dann ist das, was als Musikgestalt wahrgenommen wird, nie etwas anderes als ein Fragment. Es ist eine isolierte Klanggestalt, die vor dem Hintergrund einer vernachlässigten Musik prozediert.“(3)

Ich stelle Hindernisse in den Strömungsverlauf des Klang-Flusses, leite die Klänge um, staue da, grabe einen Abfluss dort. Edgard Varèse prophezeit 1936: „Wenn neue Instrumente mir erlauben werden, Musik so zu schreiben, wie ich sie konzipiere, wird die Bewegung von Klangmassen, von wechselnden Ebenen deutlich in meinem Werk wahrgenommen werden (…) Bestimmte Transmutationen, die auf bestimmten Ebenen Platz greifen, werden auf andere Ebenen projiziert erscheinen, die sich in anderen Geschwindigkeiten und mit anderen Winkelstellungen bewegen. Den alten Begriff von Melodie oder melodischem Wechselspiel wird es nicht länger geben. Das ganze Werk wird eine melodische Totalität sein. Das ganze Werk wird fliessen, wie ein Fluss fliesst.“(4)

.

Schrebergartentechno

Prekärer Sound – SCHREBERGARTENTECHNO

.

Am Herd der Klänge

Am Anfang sind nur leere Pattern, stumme Spuren, Tasten, die Programmbefehle auslösen. Und ein Video, zu dem ich den Soundtrack gestalte. Dann sammle ich, was der Zufall erlaubt, was zu den Bildern passt. Ich schaue in die Häuser des Sounds, schiebe das Rauschen zur Seite bis Licht eintritt. Ich streiche die Decke im Ostzimmer neu, verlege Lüftungsrohre im Boden, lade Gäste ein, stehe am Herd der Klänge und hänge Tonbilder an die Wand. Gebrauchsmusik. Library Sounds.

Geschmackssicher und talentfrei fülle ich den Bildschirm mit visualisierten Befehlsfolgen. Die Musik richtet sich nach den Bildfolgen des Videos und dessen Geräuschen. Gelegentlich wenden sich die Klänge auch dagegen, geben dem Bild eine andere Richtung, verdrängen den Originalton. Am Ende gehört alles zusammen. Sicher bin ich mir nie, aber es gibt Glücksmomente. Wenn alles passt. Manchmal ist der Zweifel stark, dann ist das enthüllte Werk entblössend.

Auf welcher Seite Luigi Nonos Kritik finde ich mich? „…kein Bedürfnis, sich mitzuteilen, mit der Musik in der Musik zu sprechen, und dann blödeste Spielchen um die Leere in ihrem Inneren zu füllen. scheinbar verkleidet voll von chok-wirckung, aber leer, ohne Natur, ohne Kommunikation, warum, fürchtet man, oder hat Angst zu reden heutzutage???? sich mitzuteilen????? etwas zu sagen und einen Standpunkt einzunehmen????? es ist nicht nur, weil sie leer sind, aber auch deshalb, weil, um sich heutzutage mitzuteilen – sei es in der Malerei, in Musik, in Dichtung, in Architektur im Film – es Ideen und Konzepte und Gedanken braucht.“(5)

Musikalisch mag es gering sein, doch als Statement schätze ich sie, meine Musik. John Cage sagt: „Klänge sind bloss Klänge, sie sind nicht Beethoven.“ Recht so. Ich bin nicht Beethoven. Auch nicht John Lennon oder Brian Wilson. Ich sitze auf dem Flohmarkt der Klänge und stelle meine Waren zum Stöbern in Kisten an die Sonne, so wie hier:

https://soundcloud.com/cuirhomme/videomx

 .

(1) aus „Träumen Sie in Farbe?“, György Ligeti im Gespräch mit Eckhard Roelcke

(2) aus „Tausend Plateaus“, Gilles Deleuze/ Félix Guattari

(3) aus „Wie sich alles erhellt und erhält“, Norbert Schläbitz in „Soundcultures“ (Herausgegeben von Marcus S. Kleiner und Achim Szepanski)

(4) aus „Rückblick auf die Zukunft“, Edgard Varèse in „Die Befreiung des Klangs“

(5) Luigi Nono in einem Brief an Helmut Lachenmann, aus „Der Gang durch die Klippen“, Rainer Nonnenmann

.

EMPFEHLUNG

 

Von Transferzonen und Trancezentren

.

Advertisements